Schwule gibt es nicht

 
Schwule gibt es nicht bei uns. Das sagte der damalige iranische Ministerpräsident Ahmedinejad an einem Vortrag an einer US-amerikanischen Uni. Das Publikum lachte so herzlich, dass er selber mitlachen musste. Es gibt auch in Ägypten keine Schwulen. Auch wenn immer wieder Männer wegen "Unzucht" an den Pranger oder vor Gericht gestellt werden, gibt es keinen Straftatbestand Homosexualität. Nach der Bluttat von Orlando hier einige Gedanken an meine Jugend ohne Schwule und über eine Kultur, in der nicht ist, was nicht sein darf. 

  

  
 
Es ist auch für psychologische Laien wie mich einsichtig, dass ein grenzenloser Hass etwas mit Verdrängung zu tun haben kann. Was ich in mir nicht töten kann, das töte ich stattdessen ausserhalb. Eine Woche nach dem Massaker in einem Schwulenclub in Orlando gibt es immer mehr Anzeichen, dass der Mörder die Schwulenszene und den Club weit mehr beobachtete und frequentierte, als es die "Exploration" für einen Mord erforderte. 
 
Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, berät seit Jahren schwule Muslime in der Schweiz und hilft ihnen, mit sich und ihrer schwierigen Lage klarzukommen. In einem Interview mit der Sonntags-Zeitung vom 19. Juni schliesst sie nicht aus, dass der Täter selber homosexuell war und sich durch Gewalt aus der für ihn unerträglichen Qual befreien wollte.   
 
"Ich kann mir die Tat nur so erklären, dass er in einer emotionalen Hölle gefangen war. Er wusste, dass sein radikaler Vater einen schwulen Sohn nie akzeptieren würde. Zu seiner Homosexualität zu stehen, hätte zu grosse Scham- und Schuldgefühle ausgelöst. Es kam zum Kurzschluss, als er die Gewalt nach aussen richtete, auf Menschen, die ihm vorlebten, wie man auch als Homosexueller mit Freude durchs Leben gehen kann."
    

Die "Warmen"

Die Tragödie vom Orlando hat in mir viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend geweckt. Vor 50 Jahren gab es in Basel keine Schwulen - jedenfalls nicht in meiner Welt. Als ich etwa 10 war, plauderte bei einem Hotelaufenthalt ein junger, kokett aufgemachter Mann mit mir. Ich fühle mich geehrt durch die Aufmerksamkeit eines Erwachsenen. Als er einmal die Juke-Box (Musikautomat) drückte, leuchtete das Licht der Taste durch den äusserst gepflegten Fingernagel (ich selber war Nagelbeisser). Bald zog mich die Tante beiseite und sagte mir, ich müsse mich von ihm fernhalten. Aber warum denn? Das ist "so einer". Wie, was? Ein "Warmer" eben.

Mit 17 reiste ich mit einem Freund per Autostopp durch Südfrankreich. Ein Französisch-Madegasse nahm uns mit in seinem Renault 16 (für mich damals ein Traumauto), plauderte während der ganzen Fahrt mit mir (mein Freund konnte wenig Französisch) und zeigte grosses Interesse für mein Geplapper. An einem Zeltplatz lud er uns ab und fragte wie nebenbei, ob ich nicht in seinem Hotelzimmer übernachten wolle, dort sei es bequemer als im Zelt. Ich: Ja, wenn wir bei Ihnen übernachten könnten, das wär super. Er: Tja, da ist leider nur Platz für eine Person. Wir sind dann so verblieben, dass er am uns am nächsten Morgen für die Weiterfahrt abholt, und er ist weggefahren. Mein Freund hat mich danach ausgelacht und gesagt, das sei doch ein "Warmer", der werde am nächsten Morgen sicher nicht mehr kommen. Er hat recht behalten. Und ein abgebrühter Klassenkamerad, dem ich diese Ferienepisode erzählte - er wurde später Polizeisprecher -, meinte trocken: "Dann musste er es eben mit dem Leintuch machen." 

Für einen Vorfall - ich war über 20! - habe ich mich noch lange geschämt.  Zwei Männer aus der linken Szene küssten sich. Ich fragte den einen, den ich kannte: "Ist das dein Bruder?" Den diskriminierenden Begriff "Warme" hatte ich hinter mir gelassen, aber Schwule gab es für mich irgendwie immer noch nicht.

In Spanien, wo ich in den 80er Jahren mit meiner Familie lebte, wurde ich Zeuge der radikalen Befreiung vom franquistisch-katholischen Erbe. Einerseits erlebte ich die subtilen Schattierungen des Begriffs marica/maricón (abgeleitet von Maria: ein verweiblichter Mann, eine "Schwuchtel", unter Umständen ein Betrüger), Begriffe, die nun auch in der Öffentlichkeit verwendet und dadurch immerhin entschärft wurden. Andererseits war da die Schwulen- und Lesbenbewegung, die sich selbstbewusst und relativ unbehindert entwickelte.

Den Menschen in Spanien ist es nach Francos Tod gelungen, das katholisch-franquistische Joch abzuschütteln und eine tolerante Kultur zu ertrotzen. Die Nichtschwulen nahmen die Schwulen mit Amüsement zu Kenntnis, gewöhnten sich an deren Existenz und entdeckten schliesslich ganz grossartige Seiten an ihnen: Der populäre Filmemacher Pedro Almodóvor zum Beispiel wirft in seinen Filmen einen luziden Blick auf Geschlechterfragen und insbesondere auf Frauen, der ohne Zweifel durch sein Schwulsein geprägt ist ("Alles über meine Mutter", "Sprich mit ihr" ...). 

Was ist nun der Unterschied zwischen Spanien und Ägypten? Es gibt einen geopolitischen Unterschied. Spanien hatte das grosse Glück, Teil des Westens und nicht "Kolonie" des Westens zu sein. Reformbestrebungen in der eigenen Hemisphäre hat der Westen meist unterstützt, er war gegen Franco in Spanien wie gegen Honegger in der DDR. Der Westen stand in der spanischen Übergangsphase, besonders beim Putschversuch von 1981, klar auf der Seite der Demokraten. In der kolonialen Welt hat er dagegen oft die Autokraten und Diktatoren unterstützt (z.B. Mubarak in Ägypten) und damit der dortigen Bevölkerung einen Bärendienst erwiesen.

Eng damit verbunden ist ein kultureller Unterschied. Dass Schwule für eine Mehrheit der Bevölkerung einfach die "Anderen" und damit zunächst fremd sind, scheint mir für jede Kultur nachvollziehbar. Ägypten ist - wie der Iran - vorgeblich nur von "normalen" Menschen bewohnt. Dass Homosexualität aber ein alltägliches Phänomen ist, zeigen Berichte über Razzien. Und auch die Literatur. Im grossartigen Roman "Der Jakubian-Bau" von Alaa al-Aswani lebt einer der Protagonisten, ein gebildeter, Zeitungsverleger, seine Homosexualität im Verborgenen aus, am Ende wird er Opfer eines Gewaltverbrechens. Nun ist aber in Ägypten das "Andere" (Schwule, Atheisten ...) immer noch ein notwendiges Ventil in der politisch-kulturellen Auseinandersetzung. Da die Regierung keine Lösungen anbieten kann zu Arbeitslosigkeit, Abfallchoas, Verkehrsinferno und Sicherheitslage, überlässt sie ab und zu Schwule, Atheisten usw. dem Volkszorn oder steckt sie hinter Gitter.

In Ägypten ist der Aufbruch in eine freiheitliche Kultur immer wieder abgewürgt worden. Natürlich ist vielen bekannt, dass es "mithli-iin" ("Gleiche") an allen Ecken gibt, aber ein offenes Gespräch darüber ist nicht möglich. Keine Familie kann es sich leisten, gleichgeschlechtliche Beziehungen im eigenen Kreis zu tolerieren. Wegschauen ist manchmal möglich, dazu stehen unmöglich. Dazu passt, dass weder im Gesetz noch im Koran die Homosexualität explizit vorkommt. Es gibt rechtlich den Tatbestand der "Unzucht" und die religiöse Idee der "schändlichen Tat". Darin unterscheidet sich Ägypten übrigens nicht von der christlichen Kultur (und auch nicht die muslimischen Ägypter von den koptischen...). Es ist die Auslegung, die sich fundamental unterscheidet: Was ist "Unzucht", was ist "schändlich"?

   

Der schwule Verteidigungsminister

Vor über 40 Jahren war ich mitten in einer Demonstration in Paris gegen den damaligen Verteidigungsminister Debré. Die Menge skandierte "Debré, pédé, le peuple aura ton cul." (Debré, Päderast, das Volk wird deinen Arsch haben.) Der schlechte Reim ist das Harmloseste. Rückblickend verstehe ich die verheerende "Logik" dieses Slogans. Ein Päderast ist eigentlich ein Mann, der sich sexuell von Knaben angezogen fühlt. Nach damaligem Verständnis war dies nicht ein Verbrechen wegen des Übergriffs auf ein Kind, sondern wegen der Gleichgeschlechtlichkeit. Dementsprechend ist noch heute umgangssprachlich ein "pédé" schlicht und abwertend ein Schwuler. Heute ist der Begriff "Päderastie" der "Pädophilie" gewichen, weil nicht mehr die Gleichgeschlechtlichkeit, sondern der Angriff auf die sexuelle Autonomie des Kinds das Thema ist. Dass das Volk den Arsch des Verteidigungsministers "haben" wird, bedeutet: Er ist ein Schwuler und soll vom Volk seiner Art entsprechend bestraft werden. Eine heute bei Linken völlig undenkbare, perverse Idee - ob nun Debré schwul war oder nicht.
 
Wie sich die Begriffe seit meiner Kindheit gewandelt haben, zeigt zuallererst das Wort "schwul". Ursprüngliche eine abwertende Fremdbeschreibung, ist es heute auch eine stolze Selbstbeschreibung der Schwulen. Die christlich-säkulare Kultur ist in den letzten Jahrzehnte toleranter geworden, was der Schwulenbewegung wahrscheinlich sehr geholfen hat: 

  • Es gibt mehr individuellen Spielraum. Nacktheit in der Öffentlichkeit ist zwar meist strafbar, Küssen in der Öffentlichkeit müssen aber auch Konserrvative hinnehmen (oder wegschauen).
  • Schändlich werden sexuelle Beziehungen erst durch Übergriff und Gewalt (Pädophilie, Nötigung, Vergewaltigung). Wenn also zwei Menschen eine gleichgeschlechtliche Beziehung eingehen, dann sieht heute (fast) niemand mehr einen Verstoss gegen sittliche Normen.

 

"Je suis gay"

Es gibt auch in Ägypten eine Schwulenszene, sie bewegt sich aber im Halbdunkel und ist immer wieder Übergriffen ausgesetzt. Wer als "anständig" gelten möchte, kann sich nicht zu ihr bekennen, er bleibt in der "normalen" Gesellschaft als Schwuler unendlich allein. Mit diesem Alleinsein wird nicht jeder fertig. Er muss das Schwulsein in sich abtöten oder mindestens zeigen, dass er garantiert hetero ist. Der offen und militant vorgetragene Schwulenhass ist wohl gleichermassen ein Akt der Selbstüberzeugung wie der Überzeugung der Anderen, der "Normalen". So hat er gleich einen doppelten Grund, ab und zu seinen Hass auf die Strasse zu tragen: den Frust wegen der allgemein desolaten Lage in Ägypten und die Qual wegen des "Andersseins".

Schwule gibt es nicht. Dieser Satz ist eine Lachnummer, er enthält aber auch ein Körnchen Wahrheit. Denn trotz aller Fortschritte geniessen Schwule, Lesben und alle Orientierungen ausserhalb des sexuellen Mainstreams nur teilweise den Schutz der offenen Gesellschaft. Diskriminierungen aller Art sind auch in liberalen Ländern immer noch verbreitet, und erst recht in konservativen. In einer Resolution hat der Uno-Sicherheitsrat verurteilt, dass "Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung" Opfer des Terroranschlags von Orlando geworden sind. Zuerst musste der Rat allerdings den erbitterten Widerstand Russlands und Ägyptens überwinden: Diese wollten sich nicht mit den Opfern "wegen ihrer sexuellen Orientierung" solidarisieren. Sie sind nicht allein. Millionen haben sich mit der Parole "Je suis Charlie" mit den Opfern des islamistischen Terroranschlags in Paris solidarisiert. Wer ruft heute aus Solidarität "Je suis gay"?


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