Auszug aus Ägypten

    
Es ist zum Heulen. Niemand geht mehr nach Ägypten, dafür kommen jetzt die Ägypter nach Europa - als Flüchtlinge. Ueber einen tragischen Zwischenfall in Chios, Griechenland, wo ich bei meiner Schwester in den Ferien bin. 

  

Flüchtlingscamp "Souda" in Chios: im ehemaligen Wassergraben der Festung eingeklemmt zwischen den Festungsmauern, der Stadt und dem Meer. Aber auch eingeklemmt zwischen der Türkei, wohin die Flüchtlinge um keinen Preis zurückwollen, und Athen, wohin sie auf keine Weise weiterreisen können.

  

Eine Zeitungsnotiz

"In einem griechischen Aufnahmelager auf der Mittelmeerinsel Chios ist ein ägyptischer Flüchtling am Donnerstag bei einem Streit getötet worden. Der 32-Jährige starb in einem Krankenhaus, nachdem er offenbar mit Messerstichen verletzt worden war, wie von Seiten der Polizei verlautete. Ein Landsmann wurde unter Tatverdacht festgenommen. Ein dritter Ägypter wurde bei dem Streit verletzt."


Was in der "Zeit" vom 23.6. erschien, hatte ich am Vortag gehört, als ich mich aufmachen wollte, um einige Ägypter im Lager "Souda" zu interviewen. Dass es dort Ägypter gab, hatte ich bei einem Besuch im Lager zwei Tage zuvor gesehen. Ich hatte mit meiner Schwester, die als Rotkreuzhelferin Zugang hat, einen Augenschein genommen und war dabei mit einer syrischen Familie ins Gespräch gekommen. Bald kam ein junger Libanese dazu, der meine ägyptische Aussprache erkannte und mir umgehend einen Ägypter vorführte. 
 
A. aus Mansoura, vielleicht Mitte 20, unterwegs nach Frankreich, wo er ein neues Leben beginnen wollte. Freundlich, rechthaberisch, ahnungslos - das war mein Bild nach einigen Minuten Gespräch. A. konnte nicht Französisch und hatte auch keine einschlägigen Berufserfahrungen - das würde sich dann alles in Frankreich ergeben, wenn er in Sprach- und Berufskursen zeigen könne, was in ihm steckt. Seine Asylchancen sah er als sehr gut an - er war ja schliesslich im Schlauchboot in Chios angekommen und fühlte sich daher im Recht. In Wirklichkeit dürften die Chancen für einen Ägypter minim sein. Wir verabschiedeten uns schliesslich, und mir kam die Idee, A. und einige seiner Landsleute zu ihrer Flucht zu interviewen für meinen Ägypten-Blog.

 

Hier etwa fand die tödliche Auseinandersetzung statt.

 

Am Tag danach die Nachricht aus Rotkreuz-Kreisen: Zwei Ägypter hatten sich heftig gestritten, ein dritter, etwa 35-jähriger Ägypter versuchte zu vermitteln und landete schliesslich mit durchgeschnittener Kehle im Spital, wo er sofort starb. So blieben wir zu Hause - kein Interview. 

Könnte beispielsweise A. der Messerstecher gewesen sein? Meine Schwester meinte, im Lager hätten viele Männer Messer auf sich. Das ist zwar verboten, aber es ginge vielen darum, ihre Habe und ihre Angehörigen notfalls mit Gewalt zu verteidigen. Und Sicherheitspersonal sei im Lager "Souda" sehr knapp.

Das Leben im Lager ist offensichtlich sehr schwierig. Einerseits die ungewisse Zukunft angesichts der unmöglichen Weiterreise (Türkei-Abkommen). Dann die brutale Hitze in den unklimatisierten Wohncontainern. Mehrere Ethnien auf engem Raum zusammengedrängt (Araber, Kurden, Afghanen). Zu wenig Personal. Und nicht zuletzt der Fastenmonat Ramadan - nichts zu trinken vom Sonnenaufgang bis zum -untergang. Eigentlich dürften Muslime auf Reisen auf das Fasten verzichten oder es vereinfachen oder verschieben. Aber in der Fremde, da halten sich auch unfromme Menschen an die strenge Auslegung religiöser Gebote. Ist es also möglich, dass ich mit A. vor einigen Tagen den Messerstecher vor mir hatte? Angesichts der explosiven Lage halte ich nichts für ausgeschlossen.

  

Wer in den Camps "Souda" und "Vial" keinen Platz findet, schlägt sein Zelt am Meer auf. Oder mitten in der Stadt.

  
Arche Noah

Dass schon seit Jahren viele Ägypter von einem Auszug in irgendein "gelobtes Land" träumen, hat der ägyptische Schriftsteller Khaled al-Khamissi in seinem Roman "Arche Noah" thematisiert (s. Blog "Arche Noah"). Jetzt folgen - glaubt man dem deutschen "Handelsblatt" - den Träumen auch Taten: Die Anzahl der aus Ägypten kommenden Flüchtlinge - Ägypter und andere - steigt. Dies ist wenig erstaunlich: Drei Jahre nach dem Militärputsch verlieren immer mehr Ägypter/innen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und das heillos zerrüttete und korrupte Land wird zu einem idealen Operationsgebiet für Schlepper.
  
Das "Handelsblatt" schildert die Lage wie folgt: 5000 Dollar soll eine Flucht in Schiffen ab Ägypten kosten. Die Schiffe treffen sich südlich von Italien mit kleineren Booten aus Libyen. Die Passagiere steigen um und fahren den letzten Abschnitt zur italienischen Küste im Schlauchboot. Manche ägyptische Polizisten sollen mit den Schleusern zusammenarbeiten. Die ägyptische Flüchtlingsroute sei zu einer Art „Businessclass"-Lösung geworden - komfortabler, aber teurer.

 

[Nachtrag vom 28.6.: Heute greifen mehrere Medien das Thema "Ägypten als Flüchtlings-Hotspot" auf, z.B. der "Blick".]

[Nachtrag vom 29.6.: Fuer die aegyptische Regierung ist der Menschenschmuggel willkommene "Arbeitsbeschaffung", schreibt heute die "Zeit".]

  

Hilfslose EU

Bei einem Besuch im grossen Flüchtlingslager "Vial" in Chios (1200 Flüchtlinge) war ich beeindruckt von der hohen Professionalität des Personals. Das Lager liegt auf einem Berg einige Kilometer von der Hauptstadt Chios entfernt. Die Flüchtlinge dürfen das Lager verlassen und gehen oft in die Stadt - mit gemeinsamer Taxifahrt oder zu Fuss. Die Infrastruktur ist verhältnismässig gut. 
  
Aber auch hier ein schwerer Schatten: Wie geht es weiter? Ein Syrer fragte mich: Ist nun das Türkei-Abkommen (vom April 2016) ausgesetzt oder nicht? Tatsächlich: Wie kann es sein, dass Syrer, die vor einem Monat in Chios angekommen sind (d.h. nach Beginn der Zusammenarbeit mit der Türkei), weder in die Türkei zurückmussten, noch weiterreisen durften, noch ein Asylverfahren erhielten. Der Syrer: Man informiert uns nicht, wir wissen nichts. Er nicht und alle übrigen Beteiligten offensichtlich auch nicht: nicht die Rotkreuz-Ärztin, nicht der Polizeioffizier am Eingang zum Betreuungs- und Registrierungszentrum. Das Personal tut seine Arbeit und fühlt sich dabei von Europa im Stich gelassen...
 
Die EU zahlt heute für jahrzehntelanges "muddling trough" (Durchwursteln). Ständig neue Erweiterungen um Partner, die - in Flüchtlings- und anderen Fragen - andere Ansichten haben als die "alten" EU-Länder, keine wirkliche Macht zur Durchsetzung gemeinsamer Beschlüsse, wenig Kontrolle, wenig Disziplin. So ist die EU stark beschäftigt mit der Austarierung des brüchigen inneren Friedens - an eine kraftvolle Flüchtlingspolitik, an eine klare Haltung gegenüber dem Kooperationspartner Türkei ist nicht zu denken. 

Ebenfalls rächt sich heute die direkte und indirekte Unterstützung von Autokraten im Nahen Osten gegen die eigene Bevölkerung - in Ägypten war das vor 2011 Mubarak, heute ist es Sisi. Die Bilanz dieser Präsidenten ist ernüchternd: Sie können zwar mit einer grossen und teuren Armee ein Drohpotential aufbauen und damit zu einer gewissen "geopolitischen Stabilität" beitragen - im Innern höhlen sie jedoch das Land aus und "produzieren" die Flüchtlinge von morgen.  

 
Ägypter in der Schweiz

In der Schweiz leben mehr als 3000 Ägypterinnen und Ägypter. Etliche habe ich auf Festen angetroffen oder kenne ich persönlich: mittelständische Familien, Berufsleute verschiedener Sparten, Ärztinnen mit eigener Praxis oder Forscher in der Pharmaindustrie. Sie sind aus Ägypten ausgezogen und haben in der Schweiz ihre zweite Heimat gefunden - zu ihrem Nutzen und zum Nutzen des Gastlandes.

   

In letzter Zeit tauchen Meldungen von ägyptischen Flüchtlingen auf, die Ungutes verheissen. Kurz vor meiner Abreise war laut BZ vom 15.6. ein sturzbetrunkener ägyptischer Flüchtling bei Basel gegen Mitternacht lärmend ins Wohnheim zurückgekehrt. Ein Somalier und ein Iraner mahnten ihn zur Ruhe, worauf er ein Messer zückte, sich verletzte und zwecks Operation ins Spital transportiert wurde. Solche Meldungen sind nicht neu - neu ist, dass nun auch Ägypter in den Negativschlagzeilen auftauchen. Droht ein neuer Auszug aus Ägypten?

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