Fürst Pückler in Ägypten

    

Lebendige Geschichte: Da reist ein deutscher Adliger 1837 nach Ägypten, bleibt mehrere Jahre in der Region, wird vom damaligen Khediven Mohamed (Mehemed) Ali an den Hof und auf eine Reise geladen und kauft sich unterwegs eine Sklavin. Genau so spannend wie die Karl-May-Lektüre in meiner Jugend, aber mit sehr viel mehr Beobachtung aus erster Hand. Pücklers Reisebericht "Mehemed Alis Reich" zeigt uns, wie man vor fast 200 Jahren reiste und wohnte, wie Alexandria und Kairo aussahen, wie und warum der Vizekönig Mohamed Ali das Land modernisieren wollte. Das alles durch die Brille Fürst Pücklers, der sich vor allem als Landschaftsgärtner unsterblich gemacht hat. Seine Urteile und Vorurteile werfen auch ein Licht auf das damalige Europa, das der vielgereiste Pückler gut kannte.

     

  

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http://gutenberg.spiegel.de/buch/aus-mehemed-alis-reich-4339/2

  

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Eine goldne, feurige Sonne leuchtete mir zum ersten Tage des neuen Jahres 1837, eine warme, balsamische Luft wehte über dem wollüstig sich schaukelnden Meere, doch schwarze Wolken rollten einzeln am Himmel (...). In höchster Pracht glänzte der Ida auf Kandia, vom frisch über Nacht gefallenen Schnee in ein flimmerndes Gewand fleckenlosen Weisses gekleidet (...). Sanft glitten wir in der bequemen Feluke über den Wasserspiegel hin und näherten uns mit taktmässigen Ruderschlägen der Brigg des Vizekönigs von Ägypten Semendidschad.

 

Dies ist der Beginn der Reise. Fürst Pückler befindet sich am Neujahrstag 1837 in Kreta, das seit einigen Jahren unter Kontrolle des Khediven Mohamed Ali steht, des Statthalters des Osmanischen Sultans in Ägypten. Der Khedive hat für seinen adligen Gast aus dem "Frankenland" (Europa) ein Schiff bereitgestellt, das ihn und sein Gefolge nach Ägypten bringen soll.

 

Fürst Pückler-Muskau, ein Adliger auf Sinnsuche

 

Pücklers Reise- und Unternehmungslust lässt sich vor dem Hintergrund seiner Familiengeschichte verstehen. Hermann von Pückler-Muskau (den "Fürst" hat er später erhalten) wird 1785 als erstes von fünf Kindern der Grafenfamilie Pückler und Callenberg geboren. Der Vater gilt als mürrisch und antriebslos. Mit sieben Jahren muss der Junge für vier Jahre zu den pietistischen Herrhutern in die Schule, in seinen Erinnerungen nennt er das die herrenhutische Heuchelanstalt. Nach weiteren Schulen beginnt er ein Studium, das er aber bald wieder abbricht. Stattdessen beginnt er wie viele Adlige eine militärische Laufbahn, unterbrochen von Reisen durch Europa - oft zu Fuss. Als sein Vater stirbt, überlässt er die Verwaltung seiner Güter einem Freund. Er unternimmt Forschungsreisen, zum Beispiel nach Irland und beobachtet empört, wie die Landbevölkerung durch Adlige vertrieben wird. Diese Erfahrung erklärt teilweise das äusserst milde Urteil über die ägyptischen Bauernpolitik.

 

In England studiert Pückler den Gartenbau und beginnt bald darauf mit eigenen Gartenanlagen auf seinen Gütern. Noch heute ist in der ostdeutschen Lausitz sein Muskauer Park zu besichtigen. Die Gartenanlagen sollen - soll will es der Erbauer - allen Menschen offenstehen, nicht nur einer kleinen Gruppe von Privilegierten. Als die Landschaftsgärtnerei den enthusiastischen Pückler in den Ruin zu treiben droht, willigt seine Frau in eine Scheidung ein, damit er auf die Suche nach einer kapitalkräftigen Braut gehen kann. Die beiden Geschiedenen bleiben aber über Jahre in intensivem Briefkontakt.

 

Im Endeffekt war Pückler ein Adliger auf Sinnsuche, ein Abenteurer und Visionär, dem aber sehr am Praktischen und am Nützlichen gelegen war. So schreibt er in "Aus Mehemed Alis Reich": Was ist am Ende unsre eigne Konversationslexikonsgelehrsamkeit bei einem Leben wert, das meistens so tatenlos wie das einer Kohlpflanze verstreicht?

 

Reise durch Ägypten und den Sudan

Nach einigen Tagen und Nächten mit heftigen Stürmen legt das Schiff in Alexandria an. Beim Aussteigen, schreibt Pückler, fand ich bereits einen eleganten englischen Wagen mit zwei arabischen Pferden bespannt und mehrere riesige Kamele zum Transport meiner Effekten vor. In Alexandria lernt Pückler mehrere ägyptische und europäische Notabeln kennen und erkundet die Stadt, die damals eine grosse ausländische Wohnbevölkerung hatte, darunter viele Griechen. Er geniesst auch die Gesellschaft des Herrn Lesseps, des eleganten Konsuls Frankreichs, der damals noch nicht wusste, dass er einmal den Suezkanal bauen würde. Pückler erwähnt auch eine ganz kürzlich angelegte Eisenbahn, die allerdings ausschliesslich für Materialtransporte diente - in der Schweiz gab es zu jener Zeit noch keinen einzigen Schienenkilometer! Pücklers besonderes Interesse gilt aber den Gartenanlagen, die überall im Bau sind, meist im Auftrag des Khediven und seiner Familie.

  

Natürlich verleitet seine Begeisterung für das moderne Ägypten Pückler zu mancher Schönfärberei. Als er die für damalige Verhältnisse gigantischen Bauarbeiten in Alexandrien inspiziert und die Arbeiter sieht, schreibt er: Da ich in den meisten Relationen (Berichten) über Ägypten die kläglichsten Jeremiaden (Wehgeschrei) über das Elend dieser unglücklichen Klasse gesehen hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kräftige, gesund aussehende und lustige Menschen zu finden, die singend und lachend ihre Arbeit verrichteten (und) von den Aufsehern höchst nachsichtig behandelt wurden. Immerhin muss man Pückler zugute halten, dass er im damaligen Europa proletarische und bäuerliche Schicksale gesehen hat, gegen die ihm die ägyptischen Verhältnisse rosig vorkamen. Pückler: Endlich (Schliesslich) hörte ich noch nie, dass ein Fellah (ägyptischer Bauer) verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irländischen Bauern notorisch schon öfters vorgekommen ist und vielleicht heute noch möglich sein mag. 

  

Das harte Regiment des Khediven Mohamed Ali ist für Pückler durchaus segensreich, denn sobald diese Kinder der Natur (die Ägypter) nur ihren nötigsten Lebensunterhalt gewonnen haben, legen sie sich gleich den Lazzaroni in die Sonne und faulenzen. Die von oben verordnete Entwicklung des Landes vergleicht Pückler zutreffend mit Preussen: Der Vizekönig (Mohamed Ali), der alles auf kolossale Weise erfasst, hat das Fabrikwesen gleichfalls auf einmal und wie durch Zauber in Masse hervorgerufen, ähnlich Friedrich dem Grossen, den man damals auch genug deshalb tadelte und dem doch Preussen die Gründung seiner jetzigen so hochgestiegenen Industrie allein verdankt.

  

Ein eigenes Kapitel widmet Pückler der Schiffsreise von Alexandria nach Kairo. Alles beschreibt er: den Nil, die Dörfer und Städte, die Landschaft. Besonders scheinen ihn die Gesänge der Seeleute auf dem Schiff zu befremden: Das Geschrei, Stöhnen, Wiehern und Singen dieser Araber bei allen Geschäften (Tätigkeiten) ist zuweilen belustigend, aber häufiger lästig. Oft klingt es, als wenn sie die Bastonnade (Stockschläge) bekämen oder sich in Kolikschmerzen wälzten, aber alles im Takt.

 

Mohamed Ali, Khedive von Ägypten

Schliesslich wird Pückler mit seinem kleinen Gefolge wie ein Staatsbesuch in Kairo zur ersten Audienz beim Khediven Mohamed Ali empfangen. Pückler ist beeindruckt von der ruhigen Zielstrebigkeit des Herrschers. So ist er auch von der Wahrhaftigkeit des Bilds überzeugt, das Mohamed Ali von sich selbst vermittelt: der Herrscher, der nur äusserst widerwillig die ganze Konkurrenz morden lässt (Mamlukenmord 1811) und der auch nur zahlreiche Kriege führt, weil er einfach dazu gezwungen ist. Ein wenig Abstand behält Pückler allerdings, er meint: Es ist wahr, dass Napoleon immer dasselbe zu versichern pflegte.

 

Seine Einschätzung des Kolonialismus als zivilisatorischer Aufgabe teilt Pückler mit vielen Zeitgenossen. Deshalb findet er die Eroberungskriege Mohamed Alis legitim: Er (Mohamed Ali) teilt diesen glorreichen Einfluss, was den Orient betrifft, nur mit dem Sultan Mahmud (...); in Europa aber hat nur Frankreich Anspruch auf solchen Ruhm durch die Eroberung Algiers, deren noch unberechenbare Folgen für die künftige Welt (...) einen Glanzpunkt in der Geschichte der Franzosen begründen werden. (...) Er hat mit bewunderswürdigem Organisationstalent in einem der verwahrlosesten und verwildertsten Länder der Welt Ordnung und Sicherheit, die ersten Bedürfnisse eines zivilisierten Staates, in einem solchen Masse herzustellen gewusst, dass man sein unermessliches Reich vom Taurus bis an die Grenzen Abessiniens, so weit sein Gebiet sich zwischen Meer und Nil und Wüste erstreckte, mit Gold beladen sicher und ohne Furcht durchziehen konnte, wo sonst jedem Schritt Beraubung und Tod drohte. 

   

Ganz blenden lässt sich Pückler allerdings nicht: Indes ist doch nicht zu leugnen, dass ungeachtet des stets humanen Betragens Mehemed Alis und seines meist freundlichen Blickes, der ihm das Ansehen eines der gutmütigsten unserer christlichen Monarchen gibt, dieser Blick doch zuweilen (...) einen ganz eignen Ausdruck bittren Misstrauens annimmt, bei dem dann das etwas unheimlichere türkische Element (...) voll hervortritt.

 

Pücklers Reisebeschreibung ist voll von präzisen Beobachtungen zu den Umgangsformen, zum Beispiel, wie man sich je nach Rang neben den Vizekönig auf die Ottomane (Sofa) zu setzen hat: 1) mit einem untergeschlagenen Beine auf dem Rand der Ottomane, 2) auf beiden Knien, aber etwas entfernt, ganz darauf Platz nehmend, ohne sich anzulehnen, 3) endlich es sich nach Belieben bequem machend, wo man vertraut oder gleich und gleich ist.

   

Die Reise geht nach der Audienz beim Khediven weiter. Pückler darf auf einer Inspektionsreise Mohamed Alis nach Südägypten mitreisen. Danach wird er auf eigene Faust den Sudan bereisen.

 

Machbuba, die Sklavin

Stahlstich um 1848: "Egypte moderne / Marché des Esclaves."

Ein besonders bezeichnendes und berühmtes Kapitel ist Pücklers "gekaufte Braut". Die Sklavin Machbuba ("die Geliebte") erwähnt Pückler bei einer Beschreibung seines Gefolges auf der Reise nilaufwärts: Mein kleines Gefolge bestand ausser dem genannten Doktor mit seinem Diener noch aus einem Kawass (Polizeidiener) des Vizekönigs, meinem Dragoman (Übersetzer) Giovanni, meinem Kammerdiener Ackermann, einem griechischen Pagen aus Kandia (Kreta) mit Namen Jannis, einem arabischen, in Kandia einigermassen französierten Koch, und - um die Langeweile einer so weiten Wasserreise etwas weniger monoton zu machen - einer abessinischen Sklavin, die ich erst wenige Tage vorher für eine ziemlich ansehnliche Summe gekauft hatte.

 

 

Auf einem Sklavenmarkt in Kairo beobachtete er den Verkauf von Mädchen und das Verhalten eines Käufers: Ohne alle Umstände nahm er ein vierzehnjähriges Mädchen beim Arm und befühlte, ihr den Bernus abstreifend, in welchen sie sich gehüllt hatte, ihre jungen Brüste, wie man die Reife einer Frucht probiert. Eines der Mädchen ist eine 12-jährige Abessinierin, die auch Pückler in ihren Bann zieht. Wie er schreibt, staunten alle über das makellose Ebenmaß des Wuchses dieser Wilden. 

  

Pückler kauft das Mädchen, das 40 Jahre jünger ist als er, und nimmt sie zu sich aufs Schiff. Natürlich möchte er sich von den rohen Sklavenhaltern unterscheiden. Er will, dass die Beziehung zwischen den beiden auf Freiheit beruht, er will sie zu nichts zwingen. Seine gewundenen Erklärungen lassen aber vermuten, dass er die herrenhutische Heuchelanstalt noch nicht hinter sich gelassen hat. Machbuba begleitet ihren Beschützer schliesslich nach Deutschland, wo sie bald an Tuberkulose stirbt. 

  

Fürst Pückler, 52, und Machbuba, 12

  

"Aus Mehemed Alis Reich" ist nicht nur eine spannende Reiseschilderung. Wir erfahren auch, wie es damals im Nahen Osten und in Europa zuging: der griechische Freiheitskampf, der Zerfall des Osmanischen Reiches, die diversen Einmischungen der europäischen Mächte, die Modernisierung Ägyptens. Empfohlen! 

 

 

  

 

 

 

 

 

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