Marionetten-Kreuzfahrer

    

Kreuzfahrer, Byzantiner, Araber und Türken als Marionetten - der ägyptische Künstler Wael Shawky erzählt die Geschichte der Kreuzzüge. Eine gewaltige, opulente Kulisse. Was das alles bedeutet, da hilft leider das Kunsthaus Bregenz nicht weiter, es stellt die Produktion ohne inhaltliche Hilfen in seine Räume. Aber in jedem Fall ein Augenschmaus, dem Sie mit etwas Vorbereitung zusätzlich einen grösseren Genuss der Geschichten und viele inhaltliche Deutungen entnehmen können! Kunsthaus Bregenz, bis zum 23. Oktober.

 

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Bilder: Website des KUB Bregenz (Shawky) und Wikipedia (Maalouf)

     

Marionetten, die sich scheinbar aus eigener Initiative bewegen, in Wirklichkeit aber einem fremden Willen, einem Sachzwang, einer "höheren Macht" folgen: das ist nicht nur für den ägyptischen Künstler Wael Shawky ein anregender Gedanke. Schon in Büchners Revolutionsdrama "Dantons Tod" ruft Danton aus: 

 

Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst! die Schwerter, mit denen Geister kämpfen – man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen. 

 

Üppige Bilder, raffinierte Technik

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Das Kunsthaus Bregenz ist ein Werk des Schweizer Architekten Peter Zumthor. Wael Shawkys Werk beginnt gleich mit der Fassade. Der Bau, der als Burg oder auch als Panzer aufgefasst werden kann, trägt nun eine Kreuzritterfahne, die sich im Inneren des Gebäudes fortsetzt.

 

Wael Shawky erzählt die Geschichte der Kreuzzüge als verfilmtes Marionettentheater. Entstanden ist die Filmtrilogie Cabaret Crusades. Der erste Teil (The Horror Show File, 2010), machte den Künstler über Nacht berühmt. Der zweite (The Path to Cairo) und der dritte Teil (The Secrets of Kerbala) sind nun im Kunsthaus Bregenz zu sehen, zusammen mit vielen Exponaten, hauptsächlich Puppen.

   

Die Marionetten tragen üppige orientalische Kleidung aus Samt, Brokat, Leinen, sogar metallene Rüstungen. Die Figuren des zweiten Teils sind aus Terracotta, die des dritten aus Muranoglas. Auf einer beleuchteten Bühne sind alle Glasmarionetten als Gruppe aufgestellt. Die Kreuzzüge spielten an Orten, die heute wieder Schauplatz ungeheurer Brutalität sind: Damaskus, Aleppo, Hama, Jerusalem, Bagdad, Mossul. Gesprochen wird Hocharabisch mit englischen Untertiteln, am Empfang ist auch ein Heft mit der deutschen Übersetzung erhältlich.

  

Im Untergeschoss des Kunsthauses ist ein Interview mit Wael Shawky über das "Making of" zu sehen. Der erste Teil der Filmtrilogie ist nun sechs Jahre alt, Shawky hat ihn vor dem ägyptischen Aufstand von 2011 fertiggestellt. Seither ist nicht nur politisch vieles in Bewegung geraten, sondern der Künstler hat auch sein Projekt mit neuen Ideen und neuen Mitteln weiterverfolgen können. Für den ersten Teil hat er bestehende Figuren übernommen und angepasst, für den zweiten hat er neue Marionetten aus Terracotta, für den dritten aus Muranoglas fertigen lassen. Neun Fäden steuern die Figuren, sogar die Augen oder die Augenlider.

  

Auch die Bühnentechnik hat er weiterentwickelt. Für den dritten Teil hat er eine Drehbühne mit drei Kreisen hergestellt, so dass auch unbewegliche Figuren Bewegung erhielten. Die Kampfszenen sind dank echtem Feuer und Rauch sowie vielen Toneffekten und Musik packend. An anderen Stellen wird die Stimmung sehr lyrisch - Shawky hat nach eigenen Aussagen Gesänge arabischer Perlentaucher in seine Musik integriert, ferner gibt es viel arabischen Sprechgesang.

  

Im ersten Stock ist der zweite Teil - The Path to Cairo - zu sehen, im zweiten Stock der dritte - The Secrets of Kerbala. Den dritten Stock dominiert ein gewaltiges Fabelwesen, eine Mischung aus Drachen und Kampfflugzeug.

  

Ideenloses Kunsthaus

Besucht ein Chinese eine Chinaoper, dann wird er geniessen, wie bestimmte Mythen dargestellt werden, er wird entscheidenden Entwicklungen entgegenfiebern, er wird auch auf die Koloratur der Stimmen und die Gestik achten. Der unvorbereitete europäische Besucher wird hingegen nach einer halben Stunde nur Gegreine und Verrenkungen wahrnehmen. Dementsprechend ist auch im Kunsthaus kein einziger der wenigen Besucher (ausser mir) von A bis Z in den beiden Filmen sitzengeblieben. Nach einer halben Stunde war nur gerade klar, dass da ein Reigen von Hochzeiten, Krönungen, Meuchelmorden, Schlachten und Massakern stattfindet - immer von neuem. Oft war in der schnellen Folge nicht erkennbar, ob nun Kreuzritter gegen Kreuzritter oder gegen Byzantiner oder gegen Araber oder die seldschukischen Türken kämpften. Auch die Untertitel setzten einiges voraus: Mit Franj ("Franken") sind zum Beispiel die westeuropäischen Christen gemeint, dies im Gegensatz zu den Rum (Ost-"Römer"), den byzantinischen Christen.

 

Hier hätte das Kunsthaus Hilfen bieten können: einige Schautafeln, die Anordnung von Puppen nicht nur nach ästhetischen, sondern auch nach gesellschaftlichen Kriterien, ferner nicht nur künstlerisch, sondern auch historisch geschultes Personal für die Führungen.

  

Amin Maalouf, Meister des Worts

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Nur dank meiner Vorbereitung waren für mich die beiden je etwa einstündigen Filme ein Genuss. Ich habe nämlich Shawkys Hauptquelle gelesen: Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren - Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber. Maalouf ist kein Wissenschafter, sondern ein gründlich recherchierender Journalist. Er schafft es, aus den vielen Quellen - er berücksichtigt vor allem die arabischen - spannende und erhellende Geschichten zu extrahieren. 

 

Zu Beginn von The Path to Cairo ist ein Kleriker zu sehen, als Kadi von Damaskus vorgestellt, der in der Moschee von Bagdad Aufruhr macht und schimpft, die Muslime sollten sich aufraffen, nach Jerusalem ziehen und die Kreuzzügler verjagen. So weit, so gut. Viele Details sind mir aber nur deshalb aufgefallen, weil sie ziemlich genau die Geschichte von Maalouf aufnehmen:

  

Die Eroberung Jerusalems war ein schwerer Schock für die islamische Welt. Dass Jerusalem - auch für die Muslime ein heiliger Ort - in die Hände von "Ungläubigen" gefallen war, war weniger schlimm als die Plünderung der Stadt und das Gemetzel unter den Einwohnern jeder Glaubensrichtung. Die Gewaltszenen sind im Film sehr eindrücklich dargestellt. Nach dem Fall Jerusalems eilt Imam al-Harawi, Kadi von Damaskus, nach Bagdad, wo der Kalif residiert, der mehr am Hofleben als an Politik interessiert ist, denn er hat die Macht schon längst an einen seldschukischen Türken abgegeben, der als Sultan das Sagen hat. Maalouf beschreibt nun eine hübsche Szene, die man im Film nur erkennt, wenn man die Geschichte kennt:

 

Al-Harawi sieht, dass in Damaskus niemand vom Fall Jerusalems wissen will, es ist eine zu grosse Schmach. Deshalb geht er in die Moschee, wo er ostentativ trinkt und isst - mitten in der Fastenzeit! Als die Leute auf ihn einschimpfen, steigt er auf die Kanzel und kanzelt sie ab: Über so etwas regt ihr euch auf, aber dass in Jerusalem Tausende von Glaubensbrüdern abgeschlachtet wurden, davon wollt ihr nichts wissen!

 

Auch andere Figuren - wie zum Beispiel Salah ad-Din (Saladin) - erhalten nur eine innere Logik, wenn man die Episoden versteht, die im Film und im Buch dargestellt sind. Gerade um Saladin ranken sich zahlreiche Legenden, die bis in die europäische Literatur gelangt sind (z.B. Nathan der Weise). So soll er - im Film genüsslich dargestellt - nach der Rückeroberung Jerusalems allen einen Abzug aus der Stadt mit ihrer ganzen Habe versprochen haben. Im Film sieht man dann, wie der christliche Patriarch das Kirchengut, Tonnen von Gold, in Karren aus der Stadt schafft - vorbei an Saladin und seinem haareraufenden Kämmerer.

 

Das Buch von Maalouf ist aber nicht nur lesenwert, um die Geschichten im Film zu verstehen. Es wird auch klarer, warum die Menschen oft - wie Marionetten - scheinbar gegen jede Vernunft handeln. Der Nahe Osten war vor der Ankunft der Kreuzritter keine Insel des Friedens - da sind Maalouf und Shawky ganz klar. Aber die Kreuzritter haben das verworrene Szenario mit ihrer Präsenz noch komplizierter gemacht. Und sie haben die Gewalt verstärkt, die aus ihrer Sicht "logisch" war: ein grosses Heer kann sich nur durch Plünderungen und rohe Gewalt ernähren, Gefangene kann man nicht durchfüttern, man kann sie nur umbringen, gegen Lösegeld freilassen oder in die Sklaverei verkaufen. Ebenfalls eindrücklich wird, dass die Kreuzzüge für ganze Generationen von Menschen im Nahen Osten eine Zeit fast pausenloser, bewaffneter Konflikte war. 

  

Aktuelle Bezüge

Natürlich ist Shawkys Produktion voll von aktuellen Bezügen. Dies zeigt sich deutlich am gigantischen Drachen im dritten Stock, dem Shawky Düsenaggregate zugefügt hat. Damals wie heute geht es vordergründig um Religion, hauptsächlich aber um wirtschaftliche und geostrategische Interessen. Damals wie heute sind die Schauplätze des Geschehens im Nahen Osten, aber auch in der westlichen Welt zu finden. Blickt man zurück auf die Kreuzritterstaaten im Mittelalter, drängen sich Parallelen zum "Islamischen Staat" geradezu auf: Beide haben einen Staat ausgerufen und unter dem Vorwand der Religion einen blutigen Kampf gegen die "Ungläubigen" geführt. 

 

Nicht nur die Akteure im Nahen Osten bewegen sich heute skurril und schwankend - wie Marionetten. Auch der Westen schwankt und tut nicht das, was er tun zu wollen vorgibt. Deutschland will Werte verteidigen, liefert aber Waffen an die Kriegführenden. Russland will den Frieden in Syrien und lässt zu, dass Präsident Assad Fassbomben auf die Zivilbevölkerung wirft. Alle wollen eine starke UNO, die ihre Autorität dazu einsetzt, die streitenden Parteien zu trennen und Übergangslösungen zu vermitteln, aber niemand will ihr die Kompetenz und die Mittel dazu geben. Das ewige Hin und Her sehen wir auch heute, beispielsweise beim Palästinakonflikt, der nach fast 70 Jahren immer noch weit von einer Lösung entfernt ist. 

  

Was damals zwischen den arabischen und türkischen Führern und zwischen Ost und West geschehen sei, sagt Shawky, das erkläre vieles von dem, was heute passiere. 

  

Wael Shawky, Meister des Bilds

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Wael Shawky ist 1971 in Alexandria geboren. Er studierte Kunst an den Universitäten von Alexandria und von Pennsylvania, USA. Seine Werke waren in zahreichen internationalen Ausstellungen zu sehen, auch berühmte Institutionen wie MoMa oder Documenta sowie viele arabische Galerien und Museen sind dabei.

  

Auch wenn sich Shawky nicht als politischen Künstler sieht, hat er sich stark eingesetzt während des ägyptischen Aufstands von 2011. Seine Werke sind keine politischen Manifeste, aber sie regen zu politischer Reflexion an.

 

Klicken Sie auf den Trailer zur Ausstellung im Kunsthaus Bregenz.

 

 

 

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