Erinnerungen eines Sehers

   

Gerade habe ich die Autobiographie von Taha Hussain fertiggelesen - drei dünne Bände des grossen ägyptischen Schriftstellers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Kindheit auf dem Dorf, die Jugend in Kairo und das Erwachsenenleben in Frankreich und wieder in Ägypten: Ähnliche Selbstbildnisse kenne ich aus der europäischen Literatur, aber kaum aus der arabischen. Schlechte Kenntnisse - oder ist Taha Hussain etwa ein europäischer Schriftsteller? Eine Würdigung seiner Autobiographie und ein laienhafter Blick auf eine heissdiskutierte Frage.

  

  

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Taha Hussain 
Kindheitstage - Jugendjahre in Kairo - Weltbürger zwischen Kairo und Paris
Edition Orient

 

Er wohnte in einem seltsamen Haus, zu dem er durch eine ebenso seltsame Gasse gelangte, in die er rechts einbog, wenn er von Al-Azhar zurückkehrte. Die Gasse hatte ein Tor, das tagsüber offengehalten und nachts geschlossen wurde. Die kleine Luke in der Mitte blieb nach dem späten Abendgebet noch offen. Wenn er durch das Tor schritt, fühlte er eine lauwarme Luft an seiner rechten Wange, bemerkte einen leichten Rauch, der seine Nase kitzelte und vernahm von links kommend ein merkwürdiges Geräusch, das sein Ohr streifte und Staunen in ihm hervorrief.

  

Im zweiten Abschnitt des zweiten Bandes ("Jugendjahre in Kairo") schreitet Taha, fast noch ein Knabe und frisch aus dem Dorf gekommen, durch das Gamaleya-Quartier in Kairo. Seine ganze Aufmerksamkeit ist auf diese neue Welt gerichtet, die Wange nimmt einen Lufthauch wahr, die Nase Rauch, das Ohr ein merkwürdiges Geräusch. Er ist scheu, fast verängstigt. Deshalb fragt er nicht nach dem gurgelnden Geräusch. Erst später kann Taha Gesprächen entnehmen, dass es sich um Wasserpfeifen handelt. Taha ist nämlich blind und geht an der Hand eines Begleiters. 

 

Taha Hussein hat seine Lebensgeschichte 1926, mit 37 Jahren, zu diktieren begonnen. Er nennt sie schlicht "al-Ayam" (die Tage). In den ersten beiden Bänden spricht er in der dritten Person von sich selber, erst im dritten und letzten Band, den er Jahrzehnte später abgeschlossen hat, geht er zum "ich" über.

   

Vom Dorf an die Universität

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Taha Hussain

(1889 - 1973)

Taha Hussain wurde 1889 geboren und wuchs in einem oberägyptischen Dorf in einfachen Verhältnissen auf. Er war das siebte von dreizehn Kindern. Seine Eltern liessen die Augenprobleme des kleinen Taha vom Dorfbarbier kurieren, worauf Taha endgültig erblindete. Es blieb ihm sein Wille, Wissen zu erwerben, ein wichtiges Gut in der mehrheitlich analphabetischen dörflichen Umgebung. Bald konnte das Kind den ganzen Koran auswendig aufsagen. Schon Taha als Kind zeigte einen deutlichen Widerwillen gegen das Lernen als Auswendiglernen und gegen die Tradition als unreflektiertes Nachahmen. So lernte er zwar den Koran auswendig, wurde aber wütend, wenn ihm der Lehrer eine Textstelle nicht erklären konnte oder wollte, und er versagte schliesslich mehrere Male, als es ums Aufsagen von Koransuren ging. 

 

Schliesslich durfte er das ungeliebte Dorf mit seinem engen Horizont verlassen und an der traditionsreichen Azhar-Universität studieren. Sein heller Verstand trug ihm aber bald Probleme ein - er fiel durch die Prüfungen und wechselte an die neu gegründete Universität Kairo. Dort erst traf er eine Gesellschaft, die nicht in unreflektiertem Traditionalismus verstrickt war. Er kam auch in Kontakt mit europäischen Professoren. 1914 promovierte er über Abu al-'Ala al-Ma'arri (973–1057), einen Dichter der arabischen Klassik, blind und skeptisch - ganz nach dem Geschmack von Taha Hussain.

  

Nach seiner Promotion bewarb er sich für einen Frankreichaufenthalt und studierte während fünf Jahren zuerst in Montpellier, dann an der Sorbonne in Paris. In Frankreich heiratete er seine Vorleserin Susanne Bresseau, die Französin mit der "sanften Stimme", mit der er 1919 nach Ägypten zurückkehrte und der er bis ans Ende seines Lebens verbunden blieb. An der Universität Kairo Professor für Geschichte und später für arabische Literatur. 

 

Taha Hussains weitere Karriere ist die eines Schriftstellers, Artikelschreibers und Chefredaktors, Gründungsrektor der Universität von Alexandrien und streitbaren Gelehrten und Bildungspolitikers. Er setzte sich über lange Jahre für eine Reform des ägyptischen Bildungswesens ein. Seine Ziele waren etwa kostenlose Ausbildung und Förderung von Studien im Ausland. Von 1950 bis 1952 war er Erziehungsminister und versuchte seinem Anspruch gerecht zu werden: Bildung ist wie die Luft, die wir atmen, und das Wasser, das wir trinken.

    

Ein hellsichtiger Chronist seiner Zeit

Taha Hussains Kampf um ein modernes Ägypten wirft in seiner Autobiographie ein spannendes Licht auf die ägyptische "Renaissance"-Bewegung. Es gibt wohl keinen Chronisten des beginnenden 20. Jahrhunderts, der ein klareres Bild der ägyptischen Gesellschaft zeichnet als der blinde Taha Hussain. Da ist einerseits die Azhar, die sich mit einer Modernisierung sehr schwer tut. Der junge Student Taha Hussain erlebt gerade noch, wie der grosse Reformer der Azhar-Ausbildung, Mohammed Abduh, gegen einen wachsenden Widerstand der Azhar-Gelehrten kämpfen muss und dann 1905 mitten in dieser Auseinandersetzung stirbt. Dann ist da die moderne Elite, die sich in der Universität von Kairo versammelt.

 

Es ist auch eine Zeit des wachsenden Konsums von Zeitungen. Taha Hussain wird einer der grossen Artikelschreiber und Kolumnisten. Seine Vision ist die eines eigenen ägyptischen Wegs - weder unter dem Diktat der islamischen Tradition noch des kolonialen Erbes. So vertritt er 1911 als Journalist die These, die Heirat eines Muslims mit einer Christin (oder Jüdin) sei zwar religiös unbedenklich, aber in der gegenwärtigen Zeit doch eine Sünde, da dies die Muslime von ihrer Suche nach einer eigenen Identität abbringen könnte. Bis er 1918 die "sanfte Stimme" heiratet, die fromme Katholikin ist und auch bleibt...

 

Taha Hussain verfasste auch eine Studie über die vorislamische Lyrik, in der er die Echtheit der Überlieferung der Texte anzweifelte. Für diese wissenschaftliche Arbeit wurde von wütenden Azhar-Gelehrten öffentlich der "Beleidigung des Islam" bezichtigt, da herausgehört werden konnte, auch der Koran sei ein historisch entstandenes Buch und nicht die unmittelbare Botschaft Gottes. Die Justiz stellte sich allerdings nicht hinter die Azhar, und die Anklage verlief im Sand.

 

Die Autobiographie, kein Import, sondern Anregung

1926 legte Taha Hussain den ersten Band seiner Autobiographie einem Freund vor. Der riet ihm dringend von einer Publikation ab. Arm sein, wie Taha es im Dorf war, das sei keine Schande, aber darüber erzählen, das war ungehörig - so der Freund. Hussain entschloss sich trotzdem zur Publikation, seine Autobiographie erschien als Fortsetzungsroman in einer Zeitung und wurde ein durchschlagender Erfolg.

 

Die arabische Literatur kennt unzählige Werke mit biographischem Charakter: Lebensbeschreibungen von Königen und Gelehrten, Reisebeschreibungen. Oft sind es Biographien, manchmal auch Autobiographien in der ersten oder dritten Person. Dazu bot der Islam eine gute Grundlage: das Leben des Propheten Mohammed, die sira nabawiya. Da vor anderthalbtausend Jahren die Überlieferung mündlich erfolgte, war die Glaubwürdigkeit der Quellen ein wichtiges Kriterium. Dementsprechend zeichneten unzählige Gelehrte den Lebenslauf der Gewährsleute nach, um zu sehen, ob ihren Aussagen zu trauen war. 

 

Allerdings fehlte der arabischen Autobiographie bis ins 20. Jahrhundert das, was der französische Literaturwissenschaftler Georges Gusdorf die "Tugend der Individualität" nannte - die enttabuisierte Veröffentlichung von Privatem. Im Vergleich zu europäischen Autobiographien wirken viele arabische ausgesprochen unpersönlich und konformistisch. Insofern zeigt die Autobiographie von Taha Hussain zweierlei: Hussain war ein Pionier der redikalen Introspektion, und die Zeit war reif, dies zu verstehen und zu schätzen. Wer in Ägypten schon einige Bücher gelesen hat, kennt sicher auch "al-Ayam" von Taha Hussain.

 

Auch wenn der arabische Begriff für Autobiographie (sira zatiya) noch keine 100 Jahre alt ist, auch wenn Taha Hussain in Frankreich die europäische Kultur kennengelernt und eine französische Frau geheiratet hat, so ist es doch zu einfach zu sagen, die moderne Autobiographie sei ein westlicher "Import". Dies würde nicht erklären, warum der "Import" 1926 erfolgte und nicht schon 100 oder 200 Jahre früher. 

 

Wahrscheinlich ist es klüger, von einer westlichen "Anregung" zu sprechen: Ägypten vor 100 Jahren war im Umbruch. Mit der Auflehnung gegen einen blinden Traditionalismus war auch der Subjektivität der Weg gebahnt. Auf individueller Ebene: Taha Hussains Deutung seines eigenen Lebens ist radikal subjektiv, er schreibt nicht, "was sich gehört", sondern war er für wahr hält. Und auf gesellschaftlicher Ebene: Der "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (Habermas) hat stattgefunden, Taha Hussain kann für seine Bekenntnisse auf ein offenes und interessiertes Publikum zählen. Wenn eine Zeit reif ist für eine Neuerung, dann schafft sie diese. Und wenn ausserhalb des Kulturraum geeignete Muster vorhanden sind, dann probiert sie diese aus. Wenn sich Taha Hussein allenfalls durch europäische Texte hat inspirieren lassen, dann ist er damit immer noch ein ägyptischer und kein europäischer Schriftsteller.

    

 

Taha Hussain ist für mich kein Schriftsteller im Format von Naguib Mahfouz, aber er zeichnet ein unvergleichliches Bild der ägyptischen Gesellschaft eine Generation vor Mahfouz, und er besticht in "al-Ayam" durch seine radikale Ehrlichkeit. Mahfouz hat bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises gesagt, eigentlich hätte Taha Hussain als erster drankommen müssen. Er hat ohne Zweifel recht! 

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