Oase der Seligen

 

Eine Stadt für Flüchtlinge bauen in Ägypten, mit dieser sympathischen Schnapsidee ist der ägyptische Grossunternehmer Samih Sawiris bei Schweizer Politikern auf wenig Gegenliebe gestossen. Auf den ersten Blick wirkt diese Lösung einleuchtend: den Flüchtlingen in ihren Ursprungsländern oder mindestens in ihrem Kulturraum helfen, damit sie nicht nach Europa fliehen müssen. Aber Ägypten ist leider nicht ein Teil der Lösung, es ist ein Teil des Problems. Eine Erörterung.

 

Sawiris: ein Begriff in Ägypten und in der Schweiz

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Samih Sawiris

In der Schweiz ist Samih Sawiris wohlbekannt: Seit 2009 ist er daran, dem Touristenort Andermatt auszubauen. Ein Resort der Spitzenklasse ist am Entstehen. Sawiris wusste die rauhen Bergler von Andermatt mit seinem Charme und mit der Aussicht auf hohe Gewinne zu überzeugen. Vielen Schweizern/innen ist auch "El Gouna" in Ägypten ein Begriff, wo Sawiris ein riesiges Resort am Meer betreibt: für wenig Geld wie ein König leben, besonders seit der ägyptischen Tourismuskrise. Samih Sawiris ist Mitglied der reichsten Familie Ägyptens. Allein sein eigenes Vermögen wird von Forbes auf 1,3 Milliarden US-$ geschätzt.

 

Samih Sawiris ist 1957 geboren und stammt aus einer koptischen (christlichen) Unternehmerfamilie. Er kann hervorragend Deutsch, denn er hat in Kairo die Deutsche Evangelische Oberschule besucht und danach an der TU Berlin Wirtschaftsinformatik studiert. Er und seine Familie sind nicht zuletzt dank der guten Verbindungen zu Präsident Mubarak reich geworden. So bestanden enge Beziehungen zu den beiden Söhnen Mubaraks sowie in Touristikministerium hinein. 

 

Als im Januar 2011 der ägyptische Aufstand ausbrach, stellte sich Samih Sawiris zunächst auf die Seite Mubaraks. Der "Tages-Anzeiger" vom 27.1.11 zitierte ihn: "Von einem Pulverfass zu reden, sei übertrieben", und zudem habe die Regierung wichtige Reformen eingeleitet: "Es sei viel Geld in Strassen und andere Infrastrukturprojekte geflossen". Erst später sprach er sich halbwegs für Demokratie aus: "Ich glaube aber, dass wir erst mal ein paar Jahre ein autoritären Übergangsregime haben werden." (Der Sonntag 10.7.11)

 

"Christlicher Unternehmer"? 

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Sawiris mit Mitarbeitenden in El Gouna 

Ein Menschenfreund ist Samih Sawiris wohl nicht, wohl aber ein Grossunternehmer, der viele Arbeitsplätze geschaffen hat und der auch manchmal nachdenkt über das Spannungsfeld Geschäft und Moral. Er bezeichnet sich als gläubigen Christen und gab am 12.12. 2014 der NZZ zu Protokoll: "Mein Glaube gibt mir die Chance, mich zu fragen: Was habe ich für die Gesellschaft getan? Und was habe ich nur getan, um mich selbst zu bereichern? Wenn ich letzteres feststellen muss, dann fühle ich mich unwohl, weil mein Glaube stark ist."

 

"Christlicher Unternehmer", das war zum Beispiel im "Frommen Basel" des 19. Jahrhunderts ein bekannter Begriff. Noch heute ist die Abkürzung CMS (Christoph Merian Stiftung) in Basel vielen geläufig. Der "christliche Unternehmer" Christoph Merian hätte allerdings im heutigen Ägypten grosse Schwierigkeiten, ethisch-religiöse Normen zum Massstab wirtschaftlichen Handelns zu machen, auch wenn er ein "muslimischer Unternehmer" wäre. So resümiert Sawiris im Interview: "Leider, das muss ich zugeben, durchdringt mein Glaube mein Geschäftsleben nur wenig. Dass ich im Beruf erfolgreich bin, hat nichts mit meiner Religiosität zu tun. Ich arbeite nicht so hart, weil ich denke, dass Gott mich dafür belohnen wird, wie die Calvinisten das tun."

 

Wahrscheinlich darf man Sawiris nicht den Vorwurf machen, ihm sei christliche Nächstenliebe egal. Man könnte allerdings einwenden, dass er sich allzu leicht mit den Reichen und Mächtigen arrangiert hat.   

 

Neu ist die Idee der Flüchtlingsstadt nicht. Schon Samihs Bruder Naguib Sawiris wollte Ende 2015 griechische Inseln aufkaufen, auf der künftig Flüchtlinge leben sollten. Er hat aber bei den griechischen Behörden auf Granit gebissen und das Projekt schliesslich fallengelassen. Auch die deutschsprachige Presse gab dem Projekt wenig Chancen. "Fantasterei eines Milliardärs", titelte die FAZ vom 29.12. 2015.

 

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Haram City

Ein anderer Vorläufer ist "Haram City", eine Retortenstadt, die Samih Sawiris ab 2007 ausserhalb von Kairo für Minderbemittelte bauen liess. Diese Stadt wurde 2010 bezogen, danach wurde es relativ still. Vor allem dürfte die ursprünglich angezielte Zahl von 400'000 Bewohnern niemals erreicht worden sein. Im Internet ist kaum etwas dazu zu finden, die Facebook-Seite von Haram City wird seit 2013 nicht mehr bewirtschaftet. In der Presse finden sich wiederholt Klagen von Bewohnern, man lebe in Haram City isoliert, mit wenig Infrastruktur und kaum Arbeitsmöglichkeiten.

 

Nun also soll es für die Flüchtlinge eine Oase der Seligen in der Wüste Ägyptens statt eine Insel der Seligen im griechischen Meer geben. Samih Sawiris hat sogar versprochen, er wolle bauen, aber auf seinen Gewinn verzichten. Die Städte sollten eine Mehrheit von Ägyptern umfassen, damit sich keine Ghettos bildeten. Das Geld sollte zu einem guten Teil aus der Schweiz stammen, die Politiker seien aufgerufen mitzuhelfen. 

 

Gut gemeint, aber unrealistisch

Das Echo war allerdings dürftig. Rechte Politiker hätten eigentlich begeistert zustimmen müssen, da sie für alle Flüchtlingsprojekte sind, welche die Flüchtlinge von der Schweiz fernhalten. Aber Sawiris' Projekt kostet Geld, und so war das Echo aus dem rechten Lager dürftig. Auch von links kamen skeptische Stimmen. Nationalrat Cédric Wermuth (SP) meinte, es sei wohl etwas billig, auf Ägypten zu setzen, weil man sich der Flüchtlingsfrage in der Schweiz nicht stellen wolle. Und die zu bauenden Städte könnten zu Retortenstädten verkommen, wo die Menschen ohne Perspektive auf Arbeit und Einkommen leben müssten - was ja für Haram City zutrifft.

 

Etwas genauer fasste es alt Nationalrat Theo Meyer (SP) in der "Basellandschaftlichen Zeitung" vom 12.10. 2016. Zunächst hob er hervor, dass es durchaus schon erfolgreiche Projekte für arme Menschen gegeben hat, zum Beispiel das Schweizer 68er Projekt Longo Mai, das noch heute in Costa Rica die Kooperative "Sonador" betreibt. Er sieht allerdings zwei wichtige Bedingungen.

 

Erstens müsse das Projekt im Gastland langfristige Sicherheiten haben, am besten sollte es internationaler Kontrolle unterstehen. Die ägyptische Regierung hat allerdings schon mehrere NGOs aus dem Land getrieben, sie beansprucht absolute Kontrolle. Dies hat unterdessen dazu geführt, dass der US-amerikanische Senat bereits gesprochene Gelder für Ägypten eingefroren hat und erst ausschütten will, wenn die Gängelung der amerikanischen Stiftungen in Ägypten aufhört. Wie die Regierung Entwicklungsprojekte sabotiert, das habe ich schon in mehr als einem Fall mitbekommen (s. Blog: "Ohne Diskussion: Atef").

 

Zweitens müsse eine Flüchtlingsstadt wirtschaftlich lebensfähig sein. Leider ist Ägypten schon heute in einem völlig desolaten wirtschaftlichen Zustand. In vielen neuen Grossstädten haben die Menschen keine Arbeit und leben in Armut. Die Regierung investiert vornehmlich dort, wo keine langfristigen Arbeitsplätze entstehen, nämlich in prestigereiche Grossprojekte wie den Suezkanal-Ausbau (s. Blog "Flucht in die Zukunft"). Eigeninitiative trifft auf zahlreiche Hindernisse: Bewilligungen, die nur mit "Trinkgeld" zu haben sind, unsinnige Vorschriften, politisch motivierte Schikanen.

 

Diese beiden Bedingungen dürften somit das "Aus" für das ägyptische Projekt sein. Ägypten ist eben nicht ein Teil der Lösung des Flüchtlingsproblems, es ist ein Teil des Problems. 

 

Was sich schon diesen Frühling abzeichnete (s. Blog "Auszug aus Ägypten"), ist nun offenkundig: Ägypten wird zum Startland für Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, und die Behörden unternehmen ausser gelegentlichen spektakulären Strafmassnahmen nichts. Viele Polizisten sind am Menschenschmuggel beteiligt, was angesichts ihrer tiefen Löhne nicht verwundert. Dafür schlägt die Regierung manchmal zu, wenn ein nichtsahnender Fischer sein Fischerboot an einen Fremden verkauft, weil er glaubt, mit einem Flecken Land seine Familie besser ernähren zu können als mit Fischen. Ferner wird Ägypten selber zur "Produzentin" von Flüchtlingen: Menschen, die ohne Jobaussichten sind, sogar wenn sie ein Uni-Diplom haben.

 

Verhältnis zu Diktaturen überdenken

Es ist illusorisch, Ägypten heute als Lösung des Flüchtlingsproblems anzusehen, weder durch ein Flüchlingsabkommen mit der ägyptischen Regierung noch durch Flüchtlingsstädte in Ägypten. Nötig wäre hingegen ein saubere und transparente Beziehungen zwischen Ägypten und dem Ausland.

  • Wie wäre es zum Beispiel, wenn die EU Frankreich an die Kandare nehmen würde, das Ägypten zwei Helikopter-Träger verkauft, die zur Terrorismusbekämpfung herzlich wenig taugen? Ägypten kann sich dies nicht leisten, trotzdem verhandelt es bereits mit Russland wegen - ebenfalls teuren - Helikoptern.
  • Wie wäre es, wenn die EU ihre Mitgliedländer entschlosser zur Einhaltung der Flüchtlingsquote und notfalls mit Konsequenzen drohen würde?
  • Oder wie wäre es, wenn der Internationale Währungsfonds seine Kredite an die "Good Governance" in Ägypten knüpfen würde und nicht nur an Sparauflagen? Den Gürtel enger schnallen können die meisten Menschen ohnehin nicht mehr. Sie brauchen aber gute Ausbildung, eine Gesundheitsversorgung und Hilforganisationen, die unbehindert tätig sein können. 

Stattdessen hofiert die internationale Gemeinschaft dem jetzigen Präsidenten Sisi, der seine frühere Popularität weder in bessere Sicherheit noch in bessere Ausbildung noch in bessere Jobchancen noch in mehr Freiheit ummünzen konnte (s. Blog "Deutsche Kurzsichtigkeit").

 

Der Flüchtlingsfrage und den Flüchtlingen in Europa müssen wir uns stellen, solange Diktaturen von der westlichen Welt gestützt werden. Es ist Samih Sawiris nicht vorzuwerfen, dass er mit einem sympathischen, aber untauglichen Vorschlag kommt. Wir sollten uns eher fragen, warum wir im Westen nicht eine ehrlichere und mutigere Politik unserer Regierungen durchsetzen können.

 

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