Ohnmächtige Wut

  

"Frag einen Taxifahrer!" Wenn Journalisten die Stimmung in einer Stadt oder einem Land erkunden wollen, dann fragen sie oft einen Taxifahrer. Taxifahrer kommen herum, sie verdienen ihr Geld mit harter Arbeit und transportieren einfache Menschen mit den gleichen Sorgen wie sie. Ein solcher Taxifahrer wurde in Ägypten nach seiner Meinung zum Land gefragt, er machte seinem Herzen Luft und wurde so berühmt, dass er untertauchen musste. Die Wut ist real, die Ohnmacht auch. Am 11. November hat die Regierung in allen Teilen des Landes Sicherheitskräfte aufgefahren, der Tahrir-Platz in Kairo war weiträumig abgesperrt, viele Menschen wurden im Vorfeld verhaftet. Trotzdem: Es kam zu zahlreichen kleinen Demonstrationen im ganzen Land. Nun hat der Internationale Währungsfonds Ägypten 12 Milliarden Dollar Hilfe zugesagt. Ob das Investoren ermutigen wird, ist fraglich. Viele fragen sich: Wo sind die 30 Milliarden von Saudi-Arabien geblieben? Warum wirft der Suez-Kanal keine Rendite ab, obwohl er als Geldquelle bezeichnet worden war? Klar und angekündigt ist nur: Das Volk muss den Gürtel noch enger schnallen, es muss auf Subventionen auf Nahrungsmittel und Benzin verzichten. Die ohnmächtige Wut eines Taxifahrers könnte ein Vorbote sein für allgemeine Proteste. Hier ein Hintergrundbericht aus "Al-Monitor - The Pulse of the Middle East" vom 24. Oktober 2016 (Übersetzung von mir).

 

tut-tuks

Die dreirädrigen Tuk-Tuks beherrschen das Strassenbild, vor allem im ärmerern Gegenden 

 

tuktuk-driver 

Der Tuk-Tuk-Fahrer, ein unbekannter Medienstar

 

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Ägypter uneins über Schimpftirade eines Tuk-Tuk-Fahrers in den Sozialen Medien

   

"Betrachten Sie Ägypten im Fernsehen: Es ist wie Wien. Gehen Sie auf die Straße: Es ist wie die Kusine aus Somalia."

 

Diese Worte eines Tuk-Tuk-Fahrers umschreiben die Sorgen der einfachen Ägypter, nachdem die Verbraucherpreise gestiegen und viele lebenswichtige Nahrungsmittel nicht mehr erhältlich sind. Unterdessen murren einige, Mitglieder der Regierung würden im Luxus leben und gleichzeitig das Volk zur Sparsamkeit anhalten.

 

Es war nicht das erste Video, in dem ein Bürger über die Härten des Lebens klagt. Dieses Video allerdings schlug Anfang des Monats wie eine Bombe in den Sozialen Medien ein, weil der Taxifahrer die Schmerzen der Ägypter in einer sehr einfachen Weise zum Ausdruck brachte. Einige haben den Schilderungen des Fahrers über das Elend der ärmeren Klassen zugestimmt, andere bezichtigen ihn, der Muslimbruderschaft anzugehören und das Video inszeniert zu haben, zumal Amr Ellissy, ein TV-Star und Berater des ehemaligen Präsidenten Mohammed Mursi, ihn auf der Straße befragt hatte.

 

"Wie kann ein Staat, der ein Parlament, einen Sicherheitsapparat, militärische Institutionen, Ministerien für innere und auswärtige Angelegenheiten und 20 weitere Ministerien hat, so enden? Vor den Präsidentschaftswahlen hatten wir genug Zucker, und wir exportierten Reis. Was ist passiert? Die Reichen verprassten 25 Millionen Pfund, während die Armen nicht einmal ein Kilo Reis finden können", sagte der Fahrer und spielte dabei an auf die offizielle Feier zu 150 Jahren Parlamentsbetrieb, die  in einem dreiminütigen Video am 12. Oktober im Programm "Einer aus dem Volk" gezeigt wurde.

 

"Die Regierung behauptet, Ägypten sei Zeuge einer Renaissance, und es sammelt Geld für wertlose nationale Projekte, während unsere Ausbildung sich immer weiter verschlechtert", fuhr der Fahrer fort, bevor Ellissy ihn unterbrach und fragte: "Wo hast du den Abschluss gemacht?" - "Ich bin ein Absolvent der Tuk-Tuk-Fakultät", antwortete der Fahrer (scherzhafte Antwort).

 

Der Fahrer fügte hinzu: "Wie kommt es überhaupt zu diesen Mega-Projekten, wo doch die Menschen hungern, keine Ausbildung und viele gesundheitliche Probleme haben? Es gibt drei Wege, das Land zu entwickeln: Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft. Ist das das Ägypten, das in der Vergangenheit England Darlehen gab, als zweites Land der Welt Eisenbahnen baute und die grössten Devisenreserven der Welt hatte? Wie konnten wir so enden! Tschad, Sudan und Saudi-Arabien waren ein Teil von Ägypten, und jetzt macht sich eine Bande von Golfstaaten über uns lustig! Diese Verführer haben die Menschen mit den Parolen von Patriotismus, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit hinters Licht geführt. Ihre Versprechen Lichtjahre von Demokratie und Gerechtigkeit entfernt. Genug ist genug!"

 

Die Worte des Fahrers verursachten einen politischen Aufruhr in der ägyptischen Öffentlichkeit. Der Hashtag #IAmATukTukGraduate, auf Social Media gestartet, wurde auf Twitter zum Renner. "Die Worte dieses jungen Mannes - diese drei Minuten Offenheit - zeigen, dass zwei Jahre Gängelung der Medien durch die Regierung und die Versuche, den Massen eine Gehirnwäsche zu verpassen, gescheitert sind", sagte der Menschenrechtsanwalt Negad El Borai. Ein anderer ägyptischer Social-Media-Nutzer sagte: "Ägypten hat es so weit gebracht, dass eine so gescheite und patriotische Person als Tuk-Tuk-Fahrer arbeiten muss, während einer  wie Ahmed Moussa die Medien leitet."

 

"Ein Tuk-Tuk-Fahrer mit dem Wert von 100 Männern sagt alles in Sekundenschnelle und erhält dafür von den Passanten eine stehende Ovation. Er fasste unseren Niedergang von 1952 bis heute zusammen. Er kritisiert nicht die heutige Regierung, sondern beschreibt unsere traurige Realität und weckt unsere Begeisterung und Liebe für das Land ", schrieb der ägyptische Milliardär und Geschäftsmann Naguib Sawiris auf seinem offiziellen Twitter-Account am 13. Oktober.

 

"Der junge Mann hat sein Herz ausgeschüttet. Als Folge haben einige eine Schmutzkampagne gegen ihn ausgelöst, viele andere versuchen seine Worte für politische Interessen zu nutzen. Er hat warm und ehrlich zu unseren Herzen gesprochen. Seine Worte entspringen der Angst um dieses Land, das es verdient, eine Million Mal besser zu sein, als es ist", sagte TV-Moderator Tamer Ameen in seiner Show "Das Leben heute".

 

Auf der anderen Seite kritisierte TV-Star Azmy Megahed den Fahrer und unterstellte: "Amr Ellissy bezahlte dem Fahrer 10’000 Pfund, um die Tuk-Tuk-Szene zu inszenieren. Das ist billig und es unehrlich. Wo bleibt die Strafe?" In einem Telephonanruf in der Show "Eigenständigkeit" auf dem Kanal El Assema am 14. Oktober fügte Azmy hinzu: "Der Fahrer gehört zur Muslimbruderschaft, und er arbeitet in einer Schule im Besitz der Muslimbrüder. Ellissy ist auch ein Muslimbruder, weil er immer mit der Bruderschaft arbeitet. Der Fahrer trägt ein Polohemd, das ich mir nicht leisten kann." In einer Erklärung auf "Veto Gate" am 13. Oktober konterte Ellissy, er habe bei der Staatsanwaltschaft eine Klage gegen Azmy Megahed eingereicht, weil dieser die Glaubwürdigkeit von Ellissys Show diskreditiert habe.

 

Ayten El Mougy spottete in einem Tweet: "Was für ein Land, das einen Tuk-Tuk-Fahrer mag und gegen einen Direktor des Nachrichtendiensts bekämpft!" Er spielte damit an auf die Vergangenheit des Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi als Ägyptens Topspion .

 

"Die Bruderschaft trainiert alle ihre Mitglieder, die als Taxifahrer, Tuk-Tuk-Fahrer oder sonstige Fahrer  direkten Publikumskontakt haben, die Missstände zu nutzen, um Wut und Verzweiflung zu schüren", meinte Sheikh Mazhar Shaheen von der Omar-Makram-Moschee. Er fügte hinzu: "Das ist keine triviale Angelegenheit. Das ist ernst und kann zu gefährlichen Folgen führen. Grob geschätzt, sind 2.000 Tuk-tuks und Taxis im Besitz von Muslimbrüdern. Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Fahrzeug von 50 Personen pro Tag bestiegen wird, sind jeden Tag 100’000 Menschen der Enttäuschung ausgesetzt. In einem Monat erleiden 3 Millionen Bürger diese destruktive Atmosphäre."

 

"Das Video des Tuk-Tuk-Fahrers auf "Einer aus dem Volk" wurde entfernt, da der El-Hayah-Kanal die Urheberrechte besitzt. Das Video ist noch auf der Seite des Kanals verfügbar ", sagte Ellissy zur Entfernung des Videos von seiner offiziellen Facebook-Seite. Nachdem er das Video entfernt hatte, teilte Ellissy einen Teil dieser Episode ohne einen Kommentar. Später löschte El Hayah das Video dauerhaft aus seinem offiziellen YouTube-Kanal.

 

"Ich erhielt einen Anruf von Tamer Ouf, einem politischen Berater des ägyptischen Premierministers, da er mit dem Tuk-Tuk-Fahrer über sein Gespräch über die Krise, die das Land durchgemacht hat, treffen wollte", sagte Ellissy. "Die Verantwortlichen der Show haben keine Informationen über den Fahrer - er fuhr sofort nach Gesprächsende weiter."

 

Der Fahrer ist abgetaucht, nachdem das Video ging in die Schlagzeilen kam. Er hatte offenbar Angst, von den Sicherheitsbehörden verfolgt zu werden. "Mein Bruder wohnt an einem abgelegenen Ort. Er will mit niemandem Probleme. Er wollte mit seinen Äusserungen gegenüber Ellissy keinen Aufruhr verursachen. Er sprach nur über die harten Umstände, die er und andere nach den Preiserhöhungen ertragen mussten, und nachdem Nahrungsmittel wie Zucker und Reis verschwunden waren ", sagte Saa'd Abdel Azeem, der Bruder des Fahrers, gegenüber "Veto Gate". "Mein Mann ist wohlauf. Er bleibt an einem entfernten Ort, weil er sich um die Sicherheit seiner Kinder sorgt", fügte seine Frau hinzu.

 

"Seit der Revolution vom 25. Januar 2011 hat das politische Bewusstsein der Ägypter ein rasches Wachstum erlebt. Es ist zu einem Phänomen geworden, dass einige Leute die Situation realistischer einschätzen können als politische Analytiker", erklärte Hassan Nafea, ein Politikwissenschaftsprofessor an der Kairo Universität, gegenüber "Al-Monitor". "Ägyptische Medien drücken nur eine Stimme aus, denn sie unterstützen das Regime und sind nicht tolerant gegenüber anderen Meinungen. Die Medien haben wiederholt Schmutzkampagnen eingeleitet, um Andersdenkenden Verrat und Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen zu unterstellen. Die Medienatmosphäre in Ägypten ist verdorben", sagte Nafea.

 

Wegen der Arbeitslosigkeit und der sinkenden Löhne, vor allem in ärmeren Gebieten, müssen Lehrer und Studenten mit höheren Abschlüssen nach ihrer täglichen Arbeitszeit Tuk-Tuk fahren, um ihr Einkommen aufzubessern. Tuk-Tuks sind unterdessen das am meisten benutzte Transportmittel in Ägypten.

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