Karl May beim Mahdi

     

Zur Adventszeit habe ich mir einen Lieblingsroman aus meiner Kindheit vorgenommen: die Trilogie "Im Lande des Mahdi" von Karl May. Bei einigen Szenen erlebte ich wieder, wie ich als Kind - nach stundenlanger Lektüre schon steif in verdreht liegender Haltung - dem Ausgang einer Gefahr oder der Pointe eines witzigen Dialogs entgegenfieberte. Ein halbes Jahrhundert später entdecke ich zusätzlich, dass der "Mahdi" eine Quelle für psychologische, mentalitätsgeschichtliche und historische Einblicke ist.

 

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Glücklich der Junge, der damals sämtliche drei Bände besass!

 

 

Ein Bubentraum

Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar: Als Kind lebte ich in der Welt dieser Romanfiguren von Karl May. Das Spannendste und Lebensklügste, was ich damals kannte. Mit anderen Jungs (die Mädchen lasen Federica de Cesco) habe ich die Romane ausgetauscht, wir waren im Kino, als "Der Schatz im Silbersee" lief, wir spielten Szenen nach. Nun habe ich mir für diesen Blog "Im Lande des Mahdi I-III" vorgenommen, das in Ägypten und im damals ägyptisch besetzten Sudan spielt.

 

"Im Lande des Mahdi" besteht aus drei Teilen. Teil 1 und 2 schrieb Karl May 1890 als Fortsetzungsroman, mit Teil 3 fügte er 1896 einige Episoden für die dreibändige Buchpublikation hinzu. Der historische Hintergrund ist der "Mahdi", der im ägyptisch besetzten Sudan damals eine Art "Islamischen Staat" eingerichtet hatte. Herausgekommen ist der Roman in der Zeitschrift "Deutscher Hausschatz" von 1891 bis 1893. Später erschien das Werk in Buchform und erlebte unzählige Auflagen und zahlreiche Übersetzungen, allerdings meines Wissens keine auf Arabisch. Die Geschichte ist voll von Wendungen, Zwischen- und Zufällen. Sie ist auch voll von skurrilen Figuren: dem krankhaften Angeber, dem unersättlichen Fresser und anderen. Die Story lässt sich wie folgt zusammenfassen.

  

Im ersten Band ("Menschenjäger") befindet sich der Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi in Kairo und denkt über seine Rückreise nach Deutschland nach. Da wird er - oh wunderbare Fügung! - mit einem Türken bekannt, der sich später als Sklavenhändler erweist. Kara Ben Nemsi soll ermordet werden, entkommt aber dem Anschlag. Es folgt eine Reise nilaufwärts, wo der Held den Reïs Effendina, den Gesandten des Khediven (Vizekönigs) kennenlernt, der ihn sofort beauftragt, eine Sklavinnenkaravane aufzustöbern, die Sklavinnen zu befreien und die Sklavenjäger festzunehmen. Dies gelingt, die Hauptschurken Abd el Asl und dessen Sohn Ibn Asl entkommen allerdings in den Sudan.  

 

Im zweiten Band ("Der Mahdi") reist Kara Ben Nemsi durch den Sudan und rettet den Fakir Muhammed Ahmed vor einem Löwen. Dieser offenbart sich ihm als der Mahdi, das heisst als der von der islamischen Tradition erwartete Messias und Befreier der Muslime. Auch er ist ein Verbündeter der Sklavenjäger. Kara Ben Nemsi gerät in die Hände des obersten Sklavenjägers Ibn Asl. Er befreit sich und trifft wieder auf den den Reïs Effendina. Gemeinsam besiegen sie Abd el Asl und töten ihn. Weiter im Süden erobert die Gruppe um Kara Ben Nemsi ein Hauptquartier der Sklavenjäger. Ibn Asl ist jedoch bereits auf eine neue Sklavenjagd aufgebrochen und entzieht sich somit abermals dem Zugriff des Gesandten des Khediven.

 

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Kara Ben Nemsis Spezialität, Karl Mays Erzähltrick: Belauschen des Gegners

 

Im dritten Band ("Im Sudan") schliesst Kara Ben Nemsi am Obernil ein Bündnis mit einem Beduinenstamm. In der Nähe lagern auch die wichtigsten Sklavenjäger. Nach einem gescheiterten Versuch, Kara Ben Nemsi gefangen zu nehmen, werden zwei der Hauptschurken auf Befehl des Reïs Effendina erhängt. Danach nehmen die Soldaten des Reïs Effendina und die verbündeten Stammes-Krieger die Verfolgung Ibn Asls auf. Kara Ben Nemsi ersinnt einen Angriffsplan gegen die Sklavenjäger, kann sich jedoch gegenüber dem Reïs Effendina nicht durchsetzen. Stattdessen nimmt Ibn Asl den ihn verfolgenden Kara Ben Nemsi gefangen. Schliesslich aber wird Ibn Asl selbser gefangengenommen und hingerichtet. Der inzwischen eifersüchtige Reïs Effendina will Kara Ben Nemsi kaltstellen und sendet ihn zu einer vermeintlich entlegenen Nilinsel. Dennoch gelingt es Kara Ben Nemsi, einen weiteren Schlag gegen die Sklavenhändler zu führen. Das Buch endet mit einem langen Exkurs zu früheren Ereignissen.

 

Psychologische Einblicke

Ein halbes Jahrhundert vor der Reise des Kara Ben Nemsi war schon ein anderer Europäer nilaufwärts in den Sudan gefahren, s. Blog "Fürst Pückler in Ägypten". Fürst Pückler war ein Adliger, der diese Reise auf Einladung des Khediven (Vizekönigs) unternahm und dem sich alle Türen öffneten, zum mindesten zur gehobenen Gesellschaft. Seine Reisebeschreibung atmet eine grosse Nonchalance. Er beobachtet und kommentiert, ohne sich selber allzu stark in den Vordergrund zu rücken. Er ist sich seiner Geltung bewusst, ohne sie betonen zu müssen. Karl May dagegen hatte eine proletarische Herkunft. Reisen konnte er sich erst als berühmter Mann leisten. Was er über den Orient wusste, das hatte er aus Büchern. Er wollte immer wieder glauben machen, Kara Ben Nemsi sei in Wirklichkeit er selber, und er habe all die beschriebenen Abenteuer wirklich erlebt. Sein "Alter Ego" Kara Ben Nemsi (oder Old Shatterhand) sollte das darstellen, was er selber gerne gewesen wäre und nicht werden konnte.

 

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Beengte Verhältnisse

Karl May wurde 1842 im sächsischen Ernstthal als Kind einer armen Weberfamilie geboren. Sein Geburtshaus, in dem auch seine dreizehn Geschwister zur Welt kamen, bot äusserst beengte Verhältnisse. Neun seiner Geschwister starben schon in den ersten Lebensmonaten. Als einziger überlebender Sohn sollte er nach dem Willen seines Vaters eine bürgerliche Existenz schaffen. Er durfte Schulen bis zum Lehrerseminar besuchen, er musste ganze Bücher abschrieben, er erhielt Musikunterricht. Der Druck war aber zu hoch: Als Jugendlicher wurde er wiederholt wegen Diebstahl, Betrug und Hochstapelei verurteilt. Das Lehrerseminar musste er deshalb abbrechen. Noch als Erwachsener erlag er immer wieder der Versuchung, sich mit kleinkriminellen Delikten das zu beschaffen, was ihm nach seiner Ansicht die Gesellschaft schuldig blieb. Aus den beengten Verhältnissen konnte er sich nicht wirklich befreien: Fast sein ganzes Leben verbrachte er in Sachsen, erst 1899/1900 - er war bereits ein berühmter Schriftsteller - bereiste er erstmals den Orient. Karl May starb 1912 in Radebeul, einige Kilometer von seinem Geburtshaus entfernt.

 

Der Autor strickte zeitlebens an seiner Legende als weltläufiger Reisender. Er gab vor, mit seinen Helden identisch zu sein und die geschilderten Abenteuer selbst erlebt zu haben. Die Studiofotos von Karl May als Old Shatterhand oder als Kara Ben Nemsi fanden reissenden Absatz. Das Publikum war derart begeistert von Mays Romanen, dass es gerne mithalf, die Hochstapelei für bare Münz zu nehmen - aller Evidenz zum Trotz. Wer trotzdem öffentlich etwas anderes behauptete, sah sich schnell in einen verbissenen Rechtshändel mit dem berühmten Autor verwickelt.

 

Karl May war ein Genie und gleichzeitig ein Hochstapler, der so stark in seiner Romanwelt lebte, dass er vermutlich selber Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten konnte.

 

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In Orient und Okzident unterwegs im Kampf für das Gute

 

Mentalitätgeschichtliche Einblicke

Im 19. Jahrhundert findet - so der Buchtitel des Historikers Jürgen Osterhammel - "Die Verwandlung der Welt" statt. Indem der Westen die Welt erkundet, verändert er sie auch. Zahlreiche Konversationslexika entstehen, die die ganze Welt zu beschreiben und zu erklären beanspruchen, und gleichzeitig findet eine Aneignung der Welt in Form von Expeditionen und kolonialer Unterwerfung statt. Karl May ist ein Beweis dafür, wie umfangreich damals das Wissen um die Welt bereits war. Was er an Konversationslexika, Reiseberichten, Landkarten und Wörterbüchern im sächsischen Radebeul auftreiben konnte, daraus schuf er exotische Reiseberichte, die ausserordentlich plastisch und realitätsnah sind. Das Problem waren nicht die Fakten, sondern die damals herrschenden Werturteile. Karl Mays Werke sind eine Fundgrube für Mentalitäten im 19. Jahrhundert. 

 

Der Autor, Autodidakt aus einfachen Verhältnissen, hat einen ungeheuren Glauben an die Wissenschaft. Fürst Pückler (s. Blog) schrieb in seinem Ägyptenbericht: Was ist am Ende unsre eigne Konversationslexikonsgelehrsamkeit bei einem Leben wert, das meistens so tatenlos wie das einer Kohlpflanze verstreicht? Dies konnte für Karl May nicht gelten. Er hatte keine Vergangenheit, nicht einmal eine Gegenwart, nur die Zukunft. Und so zieht der Held Kara Ben Nemsi mit seiner Konversationslexikongelehrsamkeit durch den Orient und erklärt einem Beduinen, dass er nichts von Pferden verstehe: Es wird mir ein Vergnügen sein, dir zu beweisen, dass ihr dieses edle Pferd schlecht behandelt habt. Rufe deinen Sohn und die Reitknechte herbei. An anderer Stelle lässt er einen Orientalen erklären, warum die Europäer überlegen sind: Jeder dieser gelehrten Christen hat eine Menge Bücher über fremde Länder und Völker, und ausserdem gibt es bei ihnen grosse Bibliotheken, welche zwar dem Staate gehören, die aber ein jeder lesen darf. Wissenschaftliches Denken ist rein logisch, Intuition hat da keinen Platz, wie einer seiner orientalischen Bewunderer einem Freund sagt: Nein, er errät nichts, sondern er berechnet alles. Und so kommt es, dass ein Ägypter zu Kara Ben Nemsi sagt: Du weisst ja, dass ich oft anders dachte als du und auch gegen deine Ansichten gesprochen habe; aber ich sehe jetzt wieder ein, dass es immer geraten ist, dir zu folgen.

 

Die weisse Rasse war für Karl May eine überlegene Rasse. Ein schwarzen Mädchen beurteilt er treuherzig: Es ist ein schönes Kind, wenngleich von schwarzer Farbe. Für ihn ist auch selbstverständlich, dass er sich in Ägypten nicht gegenüber den ägyptischen Behörden, sondern gegenüber Deutschland zu verantworten hat: Mein Konsul ist’s, der mich zu richten hat.

 

Auch seine Haltung gegenüber anderen Religionen ist ebenso missionarisch wie die eines heutigen islamischen Salafisten. Kara Ben Nemsi versucht öfter mal, die Muslime zu bekehren und ihnen sogar zu erklären, was am Koran falsch ist. Als einmal ein Muslim grossherzige Gedanken äussert, kommentiert Kara Ben Nemsi: Indem ich ihn reden liess, gab ich ihm Gelegenheit, fast wie ein Christ zu sprechen. Indem er sich von der Aggressivität des Islam lossagte, hörte er auf, ein Muhammedaner zu sein. Er tat einen grossen Schritt zum Christentume herüber. Die Mehrzahl der Muslime sieht er allerdings anders: Und so sind sie alle, diese unwissenden Moslems, deren Frömmigkeit sich meist nur im gedankenlosen Herleiern einige Gebete betätigt, verbissene und verständnislose Menschen, welche mit Verachtung selbst auf ihre Glaubensgenossen herabsehen.

 

Trotzdem: Karl May hält auch manchmal seiner Zeit den Spiegel vor und weist damit ins 20. Jahrhundert. Einmal meint Kara Ben Nemsi: Wer den Neger nicht für erziehungsfähig hält, wer ihm die besseren Regungen des Herzens abspricht, der begeht eine grosse Sünde nicht nur gegen die schwarze Rasse, sondern gegen das ganze Menschengeschlecht. Gegen Ende seines Lebens entwickelt er stark pazifistische Züge.

 

Historische Einblicke

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Muhammad Ahmad, der erste Mahdi

Als Karl May 1890 am "Mahdi" schrieb, gab es bereits im Sudan das "Kalifat von Omdurman" (oder "Reich des Mahdi"), eine Art "Islamischer Staat". Dort herrschte die Sharia. Sklavenhandel war erlaubt, wenn die Sklaven keine Muslime waren. Andersdenkende, Andersgläubige, Schwarze - sie alle waren einem brutalen und blutigen Regime unterworfen. Dies war das Resultat des sogenannten Mahdi-Aufstands: eine von 1881 bis 1899 währende Rebellion gegen die ägyptisch-britische Herrschaft im Sudan, angeführt vom islamisch-politischen Führer Muhammad Ahmad, der sich zum Mahdi erklärt hatte. Der Mahdi ist im Roman der Fakir, dem Kara Ben Nemsi das Leben rettet. Der Mahdi-Aufstand gilt als der erste erfolgreiche Aufstand einer afrikanischen Bevölkerungsgruppe gegen den Kolonialismus. Die Mahdisten eroberten bis 1885 weite Teile des Landes und wurden erst 1898 durch eine ägyptisch-britische Streitmacht besiegt. Karl Mays Roman spielt offensichtlich zu Beginn der 80er Jahre, als der Mahdi noch am Sammeln von Anhängern war.

  

Natürlich bediente der Autor mit seiner "Mahdi"-Trilogie die damals herrschende Meinung (die der heutigen gegenüber dem "Islamischen Staat" nicht ganz unähnlich ist): Das ist rückständig, mittelalterlich, und es hat mit dem Westen gar nichts zu tun. Dennoch zeigt Karl May ein wenig Verständnis für das Unabhängigkeitsstreben der arabischen Stämme. Von einem sagt Kara Ben Nemsi: Die Monassir sind ritterlich gesinnte, kriegerische Leute, welche auch heute noch ihre Unabhängigkeit mit grösster Eifersucht bewachen. Sie zeigen ihren Hass offen und ehrlich, und sind mir infolgedessen sympathischer als jene Stämme, welche sich kriechend unterwerfen und später hinter dem Rücken des Siegers Heimtücke üben.

 

Auch die Rolle der Kolonialmächte schimmert durch. Ägypten stand damals unter britischer Kontrolle. Die Kolonialherren brauchten zuverlässige ägyptische Partner, und so akzeptierten sie die Vizekönige (Khediven), die sich am Land bereicherten und keineswegs Anstalten machten, irgendetwas für die einfachen Menschen zu tun. Die Khediven förderten den Sklavenhandel, unter anderem um genügend Soldaten für ihre Kriege zu haben. Dies konnte allerdings demokratischen englischen Parlamentsmitgliedern nicht gefallen. Sie drohten damit, die Gelder für die englische Kolonialherrschaft zu kürzen, worauf die englischen Kolonialbehörden Druck ausübten, bis schliesslich Ägypten den Sklavenhandel verbot - pro forma.

 

Der koloniale Hintergrund wird spürbar, wenn zum Beispiel ein Sklavenjäger zum andern sagt: Der Khedive hat den Sklavenfang verboten. Er hat einen Reïs Effendina gesandt, welcher die Sklavenschiffe und die Sklavenhändler abfangen soll. Zu diesem Reis Effendina gehört ein Franke, ein Christenhund, den der Teufel verschlingen möge. Dieser Mensch glaubt nicht an Allah und lästert den Propheten. Der Khedive hat also den Sklavenfang verboten und jagt die Sklavenhändler. Aber nur halbherzig, denn einerseits sind Sklaven in Ägypten auch am Hof eine begehrte Ware, andererseits mag sich der Hof auch nicht mit den vielen Stämmen anlegen, die vom Sklavenfang leben. Nun kommt also ein Europäer - Kara Ben Nemsi - und macht Druck. Er identifiziert sich mit den Zielen eines Hofs, der in Saus und Braus und weit von den Sorgen der Menschen entfernt lebt, und macht sich dran, die arabischen Stämme um ihr Brot zu bringen. Der Westen im Verbund mit einem korrupten Regime - das ist auch heute traurige Realität, die mitschuld ist am Extremismus. Nur heissen die ägyptischen Herrscher heute nicht mehr Ismaïl, Tawfiq oder Abbas, sondern Mubarak, Mursi oder Sisi.

 

Die zweite Lektüre der "Mahdi-Trilogie" war für mich eine neue Begegnung mit dem Buch. Ob Erst- oder Zweitlektüre: Empfohlen!

 

 

 

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