Dämonische Tradition

  

Mit einer Romanbesprechung verabschiede ich mich für dieses Jahr von den Lesern/innen meines Ägypten-Blogs: "Tante Safija und das Kloster" von Baha Taher, erschienen auf Arabisch 1991, auf Deutsch 2003.

 

Ägypten, Christentum und Klöster

"Ägypten" ist vom Griechischen über das Lateinische zum europäischen Begriff für "Masr" (ägyptischer Landesname) geworden. Gemeint war in römischer und frühislamischer Zeit die Gegend um Alexandrien, in der die Menschen das alte Ägyptisch sprachen. Da Alexandrien christlich dominiert war, wurde der Begriff bald auf alle Christen Ägyptens angewendet. Diese "Kopten" nahmen und nehmen für sich in Anspruch, die Nachfahren der alten ägyptischen Kultur zu sein. 

 

Eine noch wichtigere Rolle spielte Ägypten für die Entstehung der christlichen Klöster.  Lange vor Benedikt von Nursia (6. Jahrhundert) lebte in Ägypten der Eremit Antonius (4. Jahrhundert), der als Urvater des Mönchtums gilt. Er soll 105 Jahre gelebt haben, die meiste Zeit in der Wüste. Die vielen Heimsuchungen durch Dämonen haben zahlreiche europäische Künstler zu frommen Werken inspiriert. Noch heute leben in Ägypten koptisch-christliche Klostergemeinschaften, die bekanntesten und meistbesuchten sind die vom Wadi Natrun. 

 

Die Geschichte des heiligen Antonius können als Sinnbild der Versuchungen in der Lebenswelt gelten. Das sind nicht nur die klassischen Laster Torheit, Ungerechtigkeit, Gier und Feigheit. Es sind auch die perfideren Dämonen, die in unverfänglichem Kleid daherkommen, wie die Ehre oder die Selbstverleugnung. Von diesen ist zwischen den Zeilen in "Tante Safija und das Kloster" die Rede.

 

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Martin Schongauer (15. Jahrhundert) und Hieronimus Bosch (16. Jahrhundert)

Die Dämonen überwinden, das war ein Lebensziel des heiligen Antonius 

 

Wahrscheinlich bildeten die Kopten vor 1500 Jahren die Bevölkerungsmehrheit, heute sind sie eine Minderheit von knapp zehn Prozent. Das Zusammenleben von Kopten und Muslimen war über die Jahrhunderte meist friedlich und gewaltfrei. Die beiden Kulturen mischten sich nicht, aber es war ein eingespieltes Nebeneinander. Nur ab und zu wurde das Klima gewalttätig. Wenn sich etwa im Dorf ein Christ und eine Muslimin liebten, dann konnte es auf beiden Seiten zu rabiaten Übergriffen führen. Auch die Regierungen hatten immer wieder ein Interesse, die Frustration der Bevölkerung wegen Armut, Korruption und Misswirtschaft in Religionskampf umzumünzen, damit sie nicht selber Ziel von Gewalt wurden. 

 

"Tante Safija und das Kloster"

safija

Die Geschichte von Baha Taher spielt in den 60er Jahren zur Zeit von Gamal Abdel Nasser. Ein kleines oberägyptisches Dorf, fast in Sichtweite davon in der Wüste ein Kloster. Im Dorf leben Muslime, aber vermutlich auch viele Kopten. Die allermeisten sind arm, deshalb gibt es auch in der regional umherstreifenden Räuberbande sowohl Muslime wie Kopten.

 

Die Sippe in dieser Erzählung ist muslimisch. Mit den Kopten hält sie kaum Kontakt - mit Ausnahme der regelmässigen kleinen Feiertagsgeschenke an das nahe Kloster. Umgekehrt ist einer der Patres des Klosters unter den Bauern ein gerne gesehener Berater für alle Fragen der Landwirtschaft. 

 

Die Heldin der Erzählung ist Safija, auf Deutsch "die Reine". Der jugendliche Ich-Erzähler sagt: 

Für mich war sie die schönste Frau der Welt. Nur noch Fâtin Hamâma reichte an sie heran, in die ich mich auf Anhieb in dem ersten Film, in dem ich sie im Kino in Luxor sah, verliebt hatte. Ich erlebte die glücklichsten Momente meiner Kindheit, wenn Tante Safija mich an sich drückte ich das Jasminparfüm roch, dass ihr Körper verströmte. Der Erzähler kann sich an Safija nicht sattsehen. Nach einer minutiösen Beschreibung ihrer Schönheit kommt er zu den Augen: Und dann die Augen! Sie waren einzigartig in ihrer Schönheit, dabei kann ich nicht einmal genau sagen, welche Farbe sie hatten. Im Schatten glänzten sie wie heller Honig, und in der Sonne oder im Licht glitzerten sie wie Gold, mit einem Stich ins Grünliche, in das sich viele andere Farben mischten.

 

Diese Safija, noch keine 20 Jahre alt, willigt ein, den viel älteren Konsul Bey zu heiraten. Die Familie und das Dorf sind perplex, alle sind überzeugt, dass sie den Verwandten Harbi liebt, der aber nie um ihre Hand angehalten hat. Die Beziehung zwischen dem reichen Konsul Bey und seinem Neffen Harbi verschlechtert sich dramatisch, als Safija einem Sohn das Leben schenkt. Es ist die Geschichte einer bizarren Dreiecksbeziehung mit tragischem Ausgang, die einen Rezensenten an die schaurig-schöne "Ballade vom traurigen Café" von Carson McCullers erinnert.

 

Eine moderne Tragödie

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Wer den Roman liest, wird eine ägyptische Form der antiken Tragödie erleben. Nur sind es nicht die Götter, die den Menschen zum Untergang bestimmen. Es ist die dörfliche Tradition. Diese ist friedlich, aber voll von Tabus, die den Menschen plagen können, nicht weniger als die Dämonen. Und nicht nur die Übertretung der Tabus kann tödliche Folgen haben, sondern auch deren Einhaltung.

 

Für Safija ist klar: Über eigene Liebesgefühle spricht man nicht, man darf sie nicht einmal vor sich selber zugeben. Nur diese unterdrückte Emotionalität kann erklären, wie aus der "reinen" Safija eine blinde Rachegöttin wird. Oder für Harbi: Der soziale Tod ist schlimmer als der natürliche. Als Harbi bis auf die Unterhosen ausgezogen und gepeitscht wird, fleht er darum, erschossen zu werden. Er kann es nicht ertragen, dass ihn die Nachbarn in dieser unwürdigen Lage gesehen haben. Auch später wird er sich nicht mehr von diesem Trauma befreien können. 

 

Das Kloster spielt in dieser Geschichte eine besondere Rolle. Es ist der Ort, in dem die strenge diesseitige Tradition nicht wirkt. Nicht weil es ein christliches Kloster ist, sondern weil es ein geweihter Ort ausserhalb der Dorfgemeinschaft ist. Dort finden bedrängte Menschen Zuspruch, Hilfe, Unterschlupf. Es ist der Ort, in dem die Dämonen einer traditionalen Gesellschaft keinen Zutritt haben.  

 

Ich wünsche eine gute Lektüre und allen Leserinnen und Lesern frohe Festtage und ein glückliches Jahr 2017!

 

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