Postfaktische Zeiten

  

Manche Regierung hat Mühe mit kritischen Medien. Bisher haben sich autoritäre arabische Regimes ein Vorbild genommen an mächtigen Staaten wie Putins Russland. Nun wird es noch drastischer: Was der neue US-Präsident Trump nach seiner Inauguration gegenüber den Medien vorgespielt hat, das sprengt an Dreistigkeit jeden Rahmen. Heute mehr denn je ist es nötig, dass wir unsere Informationen aus seriösen Medien beziehen und diese damit unterstützen. Soziale Medien sind dazu keine Alternative. Einige Gedanken zum Anlass des Aufstands in Ägypten vor sechs Jahren, am 25. Januar 2011.

 

Dreistigkeit als Markenzeichen

Unmittelbar nach seiner Inauguration scheint den neuen Präsidenten Trump keine Frage mehr beschäftigt zu haben als die Anzahl der Anwesenden an der Zeremonie. Es sei die grösste Menschenansammlung gewesen in der Geschichte der Präsidenten-Inaugurationen, behauptete er. Als einige Medien dies in Zweifel zogen, schickte er seinen Mediensprecher Sean Spicer an die erste Medienkonferenz, um diese Frage zu klären. Spicer war sehr klar. Den Medien gab er zu Protokoll: "Das war das grösste Publikum, das je bei einer Inauguration anwesend war." Flugaufnahmen, die Obamas und Trumps Amtseinführung zeigen, seien falsch ausgelegt und seien absichtlich aus irreführender Perspektive aufgenommen. 

 

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"Das war das grösste Publikum, das je bei einer Inauguration anwesend war." Die Aufnahme von Trumps Inauguration fand zwei Minuten nach Trumps Amtseid statt, das heisst auf dem Höhepunkt der Veranstaltung

 

Aus dem "schändlichen" Verhalten der Journalisten, die "zu den unehrlichsten Menschen auf dem Planeten" gehörten, zog er zwei Konsequenzen:

  • Die Medien werden "den Preis" für ihre "Unwahrheiten" zahlen. 
  • Die Trump-Administration will künftig "direkt" zu den Leuten sprechen, das heisst über Twitter, Facebook und andere Soziale Medien.

Postfaktische "Wahrheit" ist nicht neu in der Welt. Auch Putin weiss die Presse einzuschüchtern, bis hin zu nie aufgeklärten Morden. Und er spielt meisterhaft auf der Klaviatur der Sozialen Medien, mit Förderung regierungsfreundlicher Propaganda und mit technischer Unterbindung von "Lügen" seiner Gegner. Neu ist die stolz zur Schau gestellte Dreistigkeit in einem Land, das als eine der Wiegen der Demokratie gilt. Wenn solches in den USA "normal" ist, dann darf das auch in Ägypten und anderen arabischen Staaten gelten.

 

Soziale Medien: Grabesstille

Heute ist der 6. Jahrestag des Aufstands in Ägypten, der zur Entfernung des Autokraten Mubarak führte. Dieser Aufstand von 2011 hatte zu zahlreichen Plattformen auf Facebook geführt, in denen heftig, bald auch unsachlich und rüpelhaft über Ägyptens Zukunft gestritten wurde. Im Sommer 2013 ergriff das Militär die Macht. Auch dies führte zu heftigen Debatten, wobei Kritiker des neuen Autokraten al-Sisi in einigen Plattformen als "Terroristenfreunde" beschimpft wurden. Als die Hoffnung auf Demokratie und Wohlstand unter der Führung der Armee geschwunden war, wurde es still - grabesstill. Dies bestätigt ein Blick in Facebook. Welche 5 Posts erscheinen zuoberst, und wie alt sind sie? Heute, 25. Januar 2017, 13h GMT:

  • In einer Facebook-Gruppe, die ausdrücklich die "Revolution" in Ägypten unterstützt: 1. Trumps Weltbild (17.1.), 2. Trump und al-Sisi (24.1.), 3. Trump (24.1.), 4. Trump (18.1.), 5. Trump (22.1.) 
  • In einer Facebook-Gruppe, die "Ägypten ändern" möchte: 1. Konzert in Ägypten (19.1.), 2. Deutschkurs (18.1.), 3. Deutschkurs (11.1.), 4. Ägyptischkurs (3.1.), 5. Neujahrsbild (31.12.16)
  • In einer Facebook-Gruppe für ägyptische "Expats": 1. Islam in Frankreich (10.1.), 2. Migrationskontrolle in Ägypten (17.1.), 3. Umfrage an Expats (17.1.), 4. Umfrage an Expats (17.1.), 5. Selbstmord eines Richters in Ägypten (4.1.)

Offenbar haben die allermeisten Mitglieder dieser Facebook-Seiten ihr Interesse für das Schicksal Ägyptens verloren und sagen mit Adenauer: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?"

 

Ägyptische Zeitungen: die Schere im Kopf

In den ägyptischen Zeitungen sieht es nicht besser aus. Die meisten Medien wagen es nicht, sich mit dem Regime anzulegen. 

  • Demensprechend macht heute "al-Masry al-Youm" folgendermassen auf: 1. al-Sisi über den 25.1.2011, Rede im Volltext, ohne jeden Kommentar, 2. Trumps neue Visaregeln für arabische Staaten,  3. Wort al-Sisis an die Opfer von 2011, 4. Presseschau, 5. Presseschau.
  • Die englische Ausgabe von "al-Masry al-Youm", sie heisst "Egypt Independant": 1. al-Sisis Vorstellungen zum Scheidungsrecht, 2. Devisenabkommen Russland-Ägypten, 3. Deutschland hebt Reisewarnungen für Sinai auf, 4. Vorläufig keine Flüge aus Russland, 5. Trump und al-Sisi reden über Terrorbekämpfung. 
  • "Al-Ahram" ist vollends Sprachrohr der Regierung: 1. al-Sisi über die "fähigen und ausdauernden" Ägypter, 2. der Innenminister über die hervorragende Sicherheitspolitik der ägyptischen Regierung, 3. Porträt eines Grossprojekts, 4. Porträt eines Grosspojekts, 5. Trump.
  • Nur die regierungskritische Online-Plattform "Mada Masr" setzt einige andere Akzente: 1. Kino sechs Jahre nach dem Aufstand von 2011, 2. Krise in der "Doustour"-Partei, 3. die Armen im Wirtschaftsabschwung, 4. Lieder sechs Jahre nach dem Aufstand von 2011, 5. Trauerfeier für Tote von al-Arisch.

 

Seriöse Medien gegen das Abgleiten ins "Postfaktische"

Weder in Social Media noch in Medien in unfreien Ländern sind heute zuverlässige Informationen zu erhalten. Natürlich werden in Facebook usw. auch Artikel aus seriösen Medien gepostet, aber diese gehen unter im Meer von Schund und Tratsch. Wer sich also aktuell über den Nahen Osten informieren will und zudem Englisch kann, dem/der empfehle ich das Gratis-Onlinemagazin "Al-Monitor - The Pulse of the Middle East". Kürzlich musste der populäre Fernsehmoderator Ibrahim Eissa, der in diesem Blog schon Thema war (s. Blog "Einfache Wahrheiten") seine Sendung "al-Qahira wa l-nas" ("Kairo und die Leute") aufgeben. Als Leseprobe hier ein Artikel von "Al-Monitor" zur Lage der Medien in Ägypten: "Why was pro-government Egyptian TV host taken off air?"

 

Wir steuern auf "postfaktische" Zeiten zu, Wahrheit ist, was die Regierung für richtig hält, alles andere ist Lüge. Kritische Menschen gibt es in allen Ländern, und in Westeuropa sind die Bedingungen für eine kritische Debatte besonders gut. Nutzen wir die Möglichkeiten, indem wir unsere Informationen in seriösen Medien suchen und ausgereifte Gedanken statt Lümmeleien in den Social Media hineintragen!

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