Frauen in Männerberufen

   

In der Schreinerei-Lehrwerkstatt in Belbeis, die ich vor fünf Jahren ausrüsten half, waren die ersten Lehrlinge Jungs. Natürlich! Nun haben auch einige Mädchen die Lehre angetreten. Natürlich! Das bringt mich dazu, hier eine Reportage von "Al-Monitor" wiederzugeben. Eine Frau als Mechanikerin - und dazu noch in Oberägypten! Eine erfreuliche Entwicklung, die unterdessen in vielen Berufssparten zu beobachten ist. Das nationale Echo ist seit einem Jahr gross, die Regierung verspricht Unterstützung. Nur leider ist der Weg noch weit. Der Artikel zeigt, dass es mit der Berufsbildung und auch der Ingenieurausbildung derart zum argen steht, dass "learning by doing" ohne jede Theorie noch immer besser ist als die bisher existierenden Berufs- und Universitätsausbildungen im mechanischen Bereich (und auch sonst, leider). Aber immerhin machen Karrieren wie die der porträtierten Liqa' el-Kholy der Gesellschaft und insbesondere den Frauen Mut, sich für moderne Ausbildungsverhältnisse einzusetzen.

 

Der Artikel von Amira Sayed Ahmed in "Al-Monitor" vom 16. Februar 2017: How this Egyptian woman overcame roadblocks to become a mechanic (Übersetzung von mir, Bilder aus verschiedenen Quellen) 

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Wie diese ägyptische Frau Sperren überwand, um Mechanikerin zu werden

 

Aufgewachsen in der hochkonservativen Gesellschaft von Oberägypten, hat es Liqa’ el-Kholy trotzdem geschafft, soziale Normen zu zertrümmern und eine ungewöhnliche Karriere hin zu einem männlich dominierten Beruf zu machen: Auto-Unterhalt. Als der erste weibliche Automechaniker in Oberägypten hat Kholy eine Bresche für die ägyptischen Frauen geschlagen und damit den Mythos von den traditionellen weiblichen Jobs zerstört.

 

Tatsächlich nimmt die Zahl der ägyptischen Frauen zu, die erfolgreich in bisher verschlossene Berufsbereiche vorgedrungen sind. Heute gibt es weibliche Polizeibeamte, Leibwächterinnen, Pilotinnen, Taxifahrerinnen und Mechanikerinnen - und die Liste geht weiter. Sie haben es geschafft, tabuisierte Karrierefelder zu betreten und zu beweisen, dass beide Geschlechter gleichermaßen geeignet sind, irgendeinen Job zu erledigen. Die Reparatur von Autos in Oberägypten zum Beispiel war fest in Männerhand, bis die in Luxor lebende Kholy, die Anfang 20 ist, den Bann gebrochen hat.

 

Wie viele Mädchen, die ihre Väter zum Arbeitsplatz begleiten, ging Kholy nach der Schule mit ihrem Vater zu seiner Autowerkstatt . "Das erste Mal, als ich eine Autowerkstatt betrat, das war vor 10 Jahren, ich war gerade elf Jahre alt. Zuerst wollte ich nur zusehen und beobachten, wie mein Vater die Autos reparierte. Aber nachdem ich ihn täglich begleitet hatte, habe ich mich selber entdeckt in meiner tiefen Leidenschaft für die Wartung von Autos. Da habe ich beschlossen, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen", sagte Kholy, die eine abgeschlossene kaufmännische Sekundarschulausbildung hat.

 

Zum Glück unterstützte Kholys Familie, besonders ihr Vater, ihre Entscheidung und zeigte ihr alle Aspekte des Berufs. "Ich lernte jeden Tag etwas Neues, mein Vater hat mich gelehrt, wie man Autostörungen genau erkennt und diagnostiziert. Ich habe vor vier Jahren begonnen, bei der Reparatur von Autos anzupacken", sagte sie.

 

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Genauigkeit und körperliche Kraft

In der verschlossenen Gesellschaft von Luxor ist Kholys Entscheidung, Mechanikerin zu werden, mit hochgezogenen Augenbrauen und scharfer Kritik quittiert worden. Trotzdem bestand Kholy darauf, ihren eigenen Weg zu gehen und an den kulturellen Schranken in Oberägypten zu rütteln. "Du solltest nicht vor den Augen der Männer unter die Autos rutschen und arbeiten ... das ist Männersache ... das ist gefährlich. Diese Klischees haben mich jeden Tag verfolgt, aber da mein Vater an meiner Seite stand, stellte ich mich taub, die Kritik schien mir sinnlos", sagte sie. "Im Gegenteil, ich habe diese Kritik als Ansporn genommen."

 

Das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, war die größte Herausforderung der Mechanikerin. Anfangs unterschätzte die Mehrheit der Kunden ihr Wissen über die Mechanik und bat sie, ihre Autos nicht zu berühren. "Einmal habe ich einen Kunden herausgefordert und ihm gesagt, dass ich die Reifen perfekt installieren und die Schrauben richtig anziehen kann. Diese Aufgabe erfordert sowohl Genauigkeit als auch körperliche Kraft. Später kam der Kunde zurück und sagte mir, er sei zu einem männlichen Mechaniker gegangen, der es nicht geschafft habe, die Schrauben zu lösen Um ihn aufzuziehen, sagte der Kunde dem Mechaniker, er habe es nicht geschafft, von einem Mädchen aufgebrachte Reifen zu wechseln ", sagte sie.

 

 

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Der Geruch des Öls wird durch Parfüm ersetzt

Solche unüblichen Berufswege werden stereotyp als unweiblich angesehen. Doch Kholy betonte, dass der Job ihrer Weiblichkeit niemals geschadet habe. "In der Autowerkstatt trage ich einen Overall, der normalerweise mit Öl verschmiert ist. Außerhalb des Arbeitsplatzes verwende ich Make-up, und der Geruch des Öls wird durch Parfüm ersetzt, genau wie bei jedem Mädchen."

 

Ein Journalist in Luxor, der in der Nähe der Werkstatt wohnt, war von Kholys Engagement in der Automobilindustrie beeindruckt und beschloss, die unternehmungslustige junge Frau zu interviewen. Im Anschluss an dieses Interview begannen die Medien, Kholys Geschichte als ein leuchtendes Beispiel eines Mädchens zu portieren, das einen starken Willen hat, sich allen Schwierigkeiten stellt und in Berufe vordringt, die traditionell den Männern vorbehalten sind.

 

Kholys Foto wurde sogar in einem Rap-Video gezeigt, das vor kurzem veröffentlicht wurde, um die Kampagne der staatlichen Nationalen Rats für Frauen zu unterstützen: "16 Tage aktiv gegen geschlechtsspezifische Gewalt". Kholy hat auch an mehreren Kampagnen im Zusammenhang mit Frauenförderung teilgenommen.

 

 

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Grosse Worte - ob auch Taten folgen?

An der Jugend-Konferenz in Assuan vom 27. Januar würdigte sogar Präsident Abdel Fattah al-Sisi die in Luxor lebende Mechanikerin. Während der Konferenz sagte Sisi, dass er Kholy helfen würde, ihren Traum von der Gründung eines großen Autowartungszentrums in Luxor zu erreichen. Kholy sagte: "Dieses Zentrum soll Schulungen für beide Geschlechter anbieten, neben der Reparatur von Autos. Aber es wird sich auf die Ausbildung von Frauen konzentrieren, um ihnen zu helfen, sich als Mechanikerin zu versuchen. Ich träume davon, vielen Menschen mit dem Zentrum zu helfen."

 

Kholy fügte hinzu, dass viele Mädchen ihre Karriere als Automechanikerin einschlagen wollten, von ihren Familien aber entmutigt würden. Andere sind mit diesem Berufswunsch gescheitert, weil die Arbeitgeber sich weigerten, weibliche Mechaniker einzustellen. "Obwohl es zahlreiche Kampagnen gibt, um die Rechte der Frauen zu fördern, ändern sich die Dinge nur geringfügig und langsam. Aber wir werden niemals die Hoffnung verlieren."

 

Um ihre Fähigkeiten zu verbessern, besucht Kholy derzeit Kurse, die vom Ministerium für Handel und Industrie organisiert werden, die sie über die neuesten Entwicklungen in ihrem Bereich auf dem laufenden halten sollen. Sie hat auch mehrere Zertifikate von verschiedenen Autofirmen erhalten. "Während dieser Kurse bin ich vielen Maschinenbau-Absolventen begegnet", sagte sie. "Aber dank meiner vorherigen praktischen Erfahrung habe ich nie eine Kluft zwischen mir und ihnen gefunden, obwohl ich keine Hochschulbildung erhalten habe. Die praktische Erfahrung ist wichtiger als die akademische Erfahrung." 

 

Auf ihrem Berufsweg hat Kholy versucht zu beweisen, dass Frauen alles tun können und dass bestimmte Arbeitsplätze nicht mehr für Männer reserviert werden sollten. "Ich möchte den ägyptischen Mädchen einfach sagen, dass sie beruflich das tun sollen, was sie lieben. Sie müssen ihrer Leidenschaft folgen. Gib niemals deine Träume auf. Deine Träume haben keine Grenzen. Mach, was immer du willst!"

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