Clash / اشتباك

 

Gewaltsam und gleichzeitig hoffnungsvoll, hyperrealistisch und gleichzeitig poetisch - diesen Eindruck vermittelt der meisterhafte Film "Clash" (اشتباك) von Mohamed Diab. Ich habe ihn in Basel gesehen, in Berlin läuft er ab 6. Juli. 

 

Der Inhalt gemäss einer der Synopsen: Am 03. Juli 2013 gehen in Kairo mehrere Tausend Menschen auf die Straße, um für und gegen den amtierenden Präsidenten Mohamed Mursi zu protestieren. Die Polizei und das Militär schlagen die Proteste gewaltsam nieder und sperrt sowohl Befürworter als auch Gegner des Vorsitzenden der Muslimbruderschaft in einen Polizeitruck. Hier sind die die Menschen von unterschiedlichster politischer Ansicht und religiöser Überzeugung dann auf engstem Raum zusammengetrieben, aus dem es kein Entkommen gibt. Während draußen Hysterie und Gewalt toben und der Truck einen ganzen, endlos langen Sommertag durch die Stadt fährt, steigt die Spannung zwischen den Inhaftierten. Koalitionen und Kompromisse werden geschlossen, doch eine körperliche Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Lagern liegt in der Luft –  es sei denn es gelingt ihnen, ihre Differenzen zu überwinden.

 

 

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"Mein Mann und mein Sohn!"

 

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Vereint im Gefangenenwagen

 

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Die ersten Verhafteten: zwei Journalisten

 

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Die Anti-Islamisten...

 

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... vereint mit den Islamisten

 

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Draussen toben Strassenschlachten

 

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Die Muslimbrüder beraten sich

 

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Für oder gegen Mursi?

 

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Mit Wasserwerfer die Gemüter kühlen

 

Ein Topos

Das Thema ist ein literarischer Topos: Einige Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund finden sich plötzlich gegen ihren Willen zusammengeworfen. Schiffbrüchige auf einer Insel, Geschäftsleute in einem Aufzug, Häftlinge in einem Gefängnis. Die Konventionen und Gesetze, die den Alltag regeln, gelten auf einmal nicht mehr, es ist niemand mehr da, der sie unangefochten durchsetzen könnte. Es müssen neue Regeln aus der Situation geboren werden. Durchsetzen wird sich, wer stärker oder schlauer ist, im Ausnahmefall vielleicht auch, wer klüger oder versöhnlicher ist. 

 

Dieser Topos ist in Mohamed Diabs Film von 2016 gleich im Titel angesprochen. "Clash", auf Arabisch "Ischtibaak" heisst Zusammenstoss, Aufeinanderprallen. Der Zusammenstoss findet aber nicht nur zwischen dem bunten Haufen statt, der sich in einem Gefangenenwagen der Polizei zusammengepfercht findet. Ausserhalb finden ebenfalls heftige Gefechte statt, es geht um Leben und Tod. Es fliegen Steine und Kugeln, und die Luft ist erfüllt von Tränengas.

 

Knisternde und krachende Gewalt

Viele der im Gefangenenwagen Eingepferchten sind gewohnt, Gewalt zu erleiden und Gewalt auszuüben. 

 

Die Gruppe der Anti-Islamisten ist durchsetzt von primitiven und rabiaten Typen. Sie sind laut, grob, bereit, jedes Ammenmärchen zu glauben. Endlich - so glauben sie - haben sie die wirklichen Verantwortlichen für ihr tristes und aussichtsloses Dasein gefunden: die Muslimbrüder, die in Wirklichkeit Terroristen sind. Und die Journalisten, die in Wirklichkeit Spione sind und mit den Terroristen unter einer Decke stecken. Und endlich sind sie auf der Seite der Gewinner: Sie lassen die Armee hochleben und sogar die Polizei, die sie eingesperrt hat. Gewalt ist für sie alltäglich. Einer aus dieser Gruppe bringt seinen besten Freund fast um, als er erfährt, dass dieser mit seiner Schwester SMS austauscht.

 

Auch die Gruppe der Muslimbrüder ist sehr realistisch dargestellt. "Angestellte eines Konzerns", so hat mir früher einmal ein Muslimbruder seine Rolle in dieser Massenorganisation beschrieben. Tatsächlich hatte die Muslimbruderschaft Millionen von Anhängern, nicht zuletzt weil ihre wohltätigen Stiftungen Millionen von Menschen zu Brot, Jobs und (islamistischer) Orientierung verhalfen. Mehrere der Muslimbrüder im Gefängenenwagen reden von ihren Gefängnisstrafen und von Folter, und sie wiederholen mechanisch die Durchhalteparolen, denn Gott ist mit den Rechtgläubigen. Auch unter ihnen sind grobe und gewaltbereite Subjekte. Für sie ist es unfassbar, dass es Menschen gibt, die Armee und Polizei unterstützen. Für sie sind das "Ungläubige" und damit Feinde.

 

Dann ist da die Polizei, die ungeheuer grob mit den Verhafteten umgeht. Von oben gedemütigt, von weiten Teilen des Volks verachtet, schlecht bezahlt und schlecht ausgebildet - ein einfacher Polizist hat in Ägypten keinen leichten Job. Die Polizisten müssen miterleben, wie einige ihrer Kameraden verletzt und getötet werde, und fühlen sich bestätigt in ihrer Praxis der Schläge und der Folter. Ein Heckenschütze wird von ihnen gefasst und stirbt unter ihren Schlägen, bevor sie den Gefangenenwagen erreicht haben. 

 

Die Hoffnung stirbt nicht

Trotzdem: Immer wieder kommen Momente, wo das Menschliche hervortritt. Unter den Polizisten gibt es einen, der es wagt, den Gefangenen zu helfen und sie aus dem Wagen zu befreien, in dem sie wegen der Hitze zu ersticken drohen (es sind tatsächlich einmal alle Gefangenen eines Gefangenenwagens wegen der glühenden Sonne in ihrem Metallkäfig ums Leben gekommen). Aber er hat keine Chance. Auch wenn viele ihn gewähren lassen wollten - Befehl ist Befehl. Die Gefängnisse sind voll, die Gefangenen müssen im Wagen bleiben. Der junge Polizist landet schliesslich selber im Gefangenenwagen. Eine der Frauen sieht das christliche Kreuz-Tattoo am Handgelenk des Polizisten und flüstert ihm zu, es zuzudecken. Die Spannung ist so explosiv, dass jedes Anderssein zu Gewalt Anlass geben kann.

 

Sogar beim "Baltagi", einem perspektivelosen Haudrauf und Obdachlosen, schimmert die menschliche, verletzliche Seite durch, als der über seinen Hund spricht, der von demonstrierenden Muslimbrüdern getötet wurde. Auch feiner Humor schimmert manchmal durch. Nachdem die Gefangenen mit einem Wasserwerfer "abgekühlt" wurden, fragt ein junger Mann seinen Freund, ob seine Frisur noch in Ordnung sei. 

 

Besonders ergreifend ist die Szene, wo einer der Insassen - ein Muslimbruder - ein Liebeslied zu singen beginnt. Plötzlich sind sich die Gefangenen ganz nahe, für einen Moment herrscht tiefer Frieden. Bis das nächste Unheil über sie hereinbricht.

 

Ein abgekartetes Spiel

"Clash" zeigt einen Tag im Juli 2013. Vermutlich kurz nach dem Militärputsch vom 3. Juli gegen den amtierenden islamistischen Präsidenten Mursi. 

 

Vorangegangen war im Frühling 2013 eine Unterschriftenkampagne der Bewegung "Tamarrud", bei der weit über 10 Millionen Unterschriften gegen Mursi zusammenkamen. Diese Protestbewegung gipfelte Ende Juni in landesweiten Demonstrationen, an denen sich Millionen beteiligten. Eigentlich war damit Mursi die Vertrauensgrundlage entzogen. Es gab Pläne und Ideen, den Rücktritt des Präsidenten herbeizuführen, ohne Millionen von Anhängern der Muslimbrüder in die Illegalität zu treiben.

 

Die Armee aber putschte und setzte am 3. Juli den Staatspräsidenten ab. Sie tat dies mit dem klaren Bekenntnis, mit Neuwahlen und einer neuen Verfassung den Weg zur Demokratie ebnen zu wollen. Die Mehrheit des Volkes jubelte, die Muslimbrüder organisierten in aller Eile den Widerstand, einige Skeptiker warnten. Das Land war gespalten. Armee und Muslimbrüder wetteiferten um die Gunst der Bevölkerung, von beiden Seiten kamen kaum kaschierte Aufrufe zu Denunziation und Gewalt. Der traurige Höhepunkt war Anfang August 2013 ein unbeschreibliches Massaker von Armee und Polizei an zwei Versammlungsorten der Muslimbrüder, bei dem auch Dutzende von Frauen und Kindern im Kugelhagel starben. 

 

Nachträglich erweist sich, dass die Demokratieversprechungen der Armee von Anfang an nicht ernst gemeint waren. Vielmehr war ein brutales Durchgreifen gegen jede Art von Opposition geplant: sowohl gegen die demokratische Opposition wie gegen die Anhänger der Muslimbrüder. Damit wanderten auch reihenweise all diejenigen ins Gefängnis, die den Aufstand von 2011 angestossen hatten, der zur Absetzung des Präsidenten Mubarak führte. Nun herrscht Ruhe. Eine Grabesruhe, die ab und zu durch Attentate gestört wird.

 

Der Gefängniswagen kann durchaus als Metapher für das derzeitige Ägypten gelten. Die ersten Insassen waren zwei Journalisten. Ihr "Verbrechen" war, ihre Arbeit getan zu haben: photographieren, interviewen, recherchieren. Auch unter den anderen Verhafteten gab es viele einfache Bürger, die mitdemonstriert hatten. Ob friedlich oder gewaltsam, das spielte in diesem Moment keine Rolle - und auch nachher nicht. Die Regierung hoffte, die Bevölkerung durch wirtschaftliche Fortschritte und mehr Sicherheit an ihrer Seite halten und so mit der Zeit den eisernen Griff lockern zu können. Die Wirtschaftslage ist aber noch schlechter geworden, und von Sicherheit kann man auch nicht reden. Deshalb geht die Repression ungebremst weiter - gerade wurden 21 Internet-Presseportale vom Netz genommen, weil sie "Lügen verbreiten" und die "nationale Sicherheit bedrohen".

 

Aber wie im Gefängniswagen am Ende der Ausgang - buchstäblich und im übertragenen Sinn - offen ist, so ist es auch in Ägypten.

 

  

Der Trailer

 

 

  

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Mohamed Diab

Mohamed Diab, 39 Jahre, ist Schriftsteller und Filmemacher. "Clash" ist sein zweiter Spielfilm. Sein erster, "Cairo 678" von 2010, behandelte ebenfalls das Thema der Gewalt, nämlich die epidemischen sexuellen Übergriffe auf Frauen im öffentlichen Raum. Auch diese sind - wie der politische Fanatismus - ein Notventil für unzählige Menschen (Männer), und wie der politische Fanatismus eine unerträgliche Situation.

 

 

 

 

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