Islamische Streitkultur

  

Ja, es gibt die islamische Streitkultur! Man kann auch bei grundlegenden Meinungsunterschieden friedfertig über den Islam diskutieren. Das zeigt ein mehrhundertseitiges Streitgespräch zwischen Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide: "Ist der Islam noch zu retten?". Ab und an werden die beiden leidenschaftlich, führen die Argumente der Gegenseite satirisch ins Absurde, der Ton bleibt aber immer respektvoll, die Debatte kehrt immer wieder zum Ernst zurück, der Dialog bricht nie ab. Lesenswert!

 

 

Der Besonnene und der Heisssporn

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Mouhanad Khorchide: "Jeder Muslim / jede Muslima sollte ein Luther sein bzw. werden"

 

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Hamed Abdel-Samad: "Der Islam braucht keinen Luther, sondern eine Coco Chanel"

Drei Europäer, zwei davon ägyptischer und einer palästinensischer Abstammung, prägen derzeit die Islamreform-Debatte im deutschsprachigen Raum: Tariq Ramadan, Mouhanad Khorchide und Hamed Abdel Samad. Der erste verfolgt einen äusserst vorsichtigen Kurs, der zweite versucht, den Koran und die Propheten-Überlieferung von ihrer menschenfreundlichen Essenz her zu verstehen, und der dritte findet, dass viele Stellen in den heiligen Texten für ungültig erklärt werden müssten. Dementsprechend ist ihre Lage: Tariq Ramadan gilt vielen als verkappter Islamist mit gespaltener Zunge, Mouhanad Khorchide hat im islamischen Establishment Deutschlands viele Gegner, die ihn gerne von seinem Lehrstuhl für islamische Theologie weghaben möchten, und Hamed Abdel Samad gilt in konservativen islamischen Kreisen definitiv als Glaubensabtrünniger und steht unter ständigem Polizeischutz.

 

Nun haben sich die zwei fortschrittlicheren Reformbefürworter zu einem Gespräch getroffen. Gegensätzlicher könnten die Standpunkte und Temperamente nicht sein. Mouhandad Khorchide findet, die gläubigen Muslime dürften und sollten sich an die Botschaft der Barmherzigkeit halten, mit der die Eingangssure beginnt ("Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!") und die auch sonst im Koran und in der Prophetenüberlieferung hundertfach belegt ist. Khorchide ist sehr spirituell orientiert und strahlt Sanftmut und Geduld aus. Hamed Abdel-Samad findet, dass die zahlreichen gewaltbefürwortenden Stellen in der Überlieferung ausdrücklich für ungültig erklärt werden müssten, und das sei bei einem Text unmöglich, den gläubige Muslime als direktes Gotteswort ansähen. Abdel-Samad ist ein Heisssporn, der früher auch für manche Provokation zu haben war. Dass er den mehrmonatigen Dialog mit einem - aus seiner Sicht - eher mutlosen Theologen auf sich genommen hat, zeigt, dass er nicht stehengeblieben ist.

  

Willkommen im Lutherjahr!

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95 thesenartige Briefe, 47 von Khorchide, 48 vom Abdel-Samad. Die Anspielung ist gewollt. Zum 500. Jahrestag von Luthers 95 Thesen zu Wittenberg möchten die beiden Reformer zeigen, dass auch Muslime festgefahrene Traditionen und Missstände in der islamischen Gemeinschaft kritisch hinterfragen können. Mehrere Monate haben die beiden Muslime ihre Thesen weiterentwickelt, immer eine These als Antwort auf die vorherige.

 

Natürlich stellt sich die Frage, ob das Lutherjahr mehr ist als ein Aufhänger. Braucht der Islam einen Luther? Nein, meinen beide.

   

Khorchide betont, dass sich die modernen Muslime von den islamischen Autoritäten lösen und einen eigenen Weg zu ihrer Spiritualität finden müssen. Deshalb: "Jeder Muslim / jede Muslima sollte ein Luther sein bzw. werden".

   

Auch Abdel-Samad will keinen reformierten islamischen Religionsführer, sondern: "Der Islam braucht einen Erasmus von Rotterdam und einen Moses Mendelssohn (...), eine Coco Chanel, die durch Kreativität und Eigensinn die französische Frau im wahrsten Sinne aus dem Korsett befreite".  

 

Trotzdem "95 Thesen". 1517 löste Luther mit seinem Thesenanschlag eine Bewegung aus, deren Breite er weder beabsichtigt noch vorausgesehen hatte. Eine breite Reformdiskussion, an der Basis und unter den Gelehrten, davon ist der Islam heute weit entfernt. Die, die heute zu den islamischen Schriften zurückkehrten, sind nach Abdel-Samad vor allem die Salafisten und der IS. Und das liege - da gehen die Meinungen von Abdel-Samad und Khorchide weit auseinander - wesentlich am Koran und der Prophetenüberlieferung.  

 

Eine umfassende Auslegeordnung

Die 95 Thesen sind in neun Blöcke unterteilt: 

  • Positionsbestimmung
  • Der Koran
  • Das Gottesbild im Islam
  • Freiheit und Selbstbestimmung im Islam
  • Islam und Gewalt
  • Scharia und der säkulare Staat
  • Frauenbild und Sexualität im Islam
  • Die Zukunft des Islam in Europa
  • Was getan werden muss

Schon im ersten Block, der Positionsbestimmung, wird der Unterschied zwischen Abdel-Samad und Khorchide deutlich.

 

Der Islam sei immun gegen Reformen, meint Abdel-Samad. Dieses Problem sei dem Islam seit der Wiege mitgegeben: Der Koran gelte als das letztgültige Wort Gottes und damit nicht veränderbar. Der Prophet Mohamed habe in Personalunion die Religion, den weltlichen Alltag, die Wirtschaft, den Krieg bestimmt und damit die Trennung von Religion und Staat und die Säkularisierung unmöglich gemacht. Sünde (religiöse Kategorie) und Verbrechen (juristische Kategorie) seien eins, fern von jeder Rechtsstaatlichkeit. Ferner habe der Islam keinen Klerus, den man reformieren könne, und von den Gläubigen werde Unterwerfung verlangt. Und schliesslich sei der Islam in seinem Selbstverständnis als letztverkündete und "endgültige" Botschaft die einzige wahre Religion. 

 

Dem hält Khorchide entgegen, die islamische Religion sei nicht plötzlich dagewesen, sondern Resultat eines Ausdifferenzierungsprozesses, der erst nach dem Tod des Propheten eingesetzt und über Generationen angedauert hat. Es sei also falsch, von einer Unveränderbarkeit des Islam auszugehen. Gerade die Herausbildung der vier Rechtsschulen zeige, dass der Koran immer wieder neu interpretiert wurde, um ihn dem jeweiligen Kontext anzupassen. Wenn Dieben zu Mohameds Zeiten die Hand abgehackt werden sollte, so hiess dies neben der konkreten Massnahme ganz einfach, dass Diebe streng bestraft werden sollten. So waren im Osmanischen Reich die koranischen Körperstrafen lange Zeit durch andere Strafen ersetzt. Zudem sei der Koran voll von Aufforderungen zur kritischen Auseinandersetzung mit den Regeln und zur regelmässigen Erneuerung der Religion.

 

Die beiden Kontrahenten sparen bei ihren Ausführungen nicht mit Zitaten aus dem Koran und der Prophetentradition. Diese zeigen: Man kann fast jede Deutung mit entsprechenden Zitaten stützen. Die Frage ist also, wie man mit Schriften umgeht, die in sich widersprüchlich sind. Kann Gott der Allwissende widersprüchlich sein? Sind die Menschen - ausser einigen Gelehrten - einfach nicht fähig, den tieferen Zusammenhang zu erkennen? Oder ist der Koran am Ende gar nicht Gottes Wort?

 

Der Koran als "Gottes Wort", diese Vorstellung ist für beide erklärungsbedürftig. Khorchide bleibt mit seinem Kommentar dazu innerhalb der Reformdebatte, wie sie der ägyptische Gelehrte Nasr Hamid Abu Zaid vor etwa 10 Jahren mit dem Begriff "Gottes Menschenwort" geprägt hat. Ganz ähnlich argumentiert Khorchide, der Koran sei nicht Gottes monologisch herabgesandtes Wort, sondern Gottes Wort als Resultat eines dialogischen Prozesses, der die Werte des Koran in eine Form bringt, welche den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst ist. Damit ist gesagt, dass jede Zeit den Koran "dialogisch" auf ihre Verhältnisse anpassen muss.

 

Weniger Federlesens macht da Abdel-Samad. Für ihn ist der Koran durch und durch ein Instrument, den Willen des Propheten als Gottes Wort auszugeben und damit zu heiligen. Deshalb auch die vielen Kurswechsel beispielsweise in der Auseinandersetzung mit Juden und Christen, die für Mohamed manchmal Gegner, manchmal Bündnispartner waren. Auch wenn Abdel-Samad dem Koran einen spirituellen Gehalt nicht abspricht, so ist dieses Buch doch derart essentiell mit islamischer Machtsicherung verbunden, dass man viele Passagen einfach für ungültig erklären müsste, um den Koran als zivilisatorischen Beitrag des Islam verstehen zu können. 

 

Barmherzigkeit und radikaler Säkularismus

Nach längeren methodischen Diskussionen nehmen sich die beiden Kontrahenten die wichtigsten Streitpunkt vor: Freiheit, Gewalt, Scharia, Frauen und Sexualität, Europa und Islam. Um schliesslich bei den Chancen und Formen der Reformdebatte zu landen.

 

Dabei kristallisieren sich die beiden Denkrichtungen heraus. Khorchide streicht zu Recht heraus, dass im Koran an Hunderten von Stellen die Barmherigkeit als zentraler Wert genannt ist, angefangen bei der Formel "Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!". Auch wenn in den Anfangszeiten des Islam eine Praxis vorgeherrscht habe, die diesem Wert nicht gerecht wird, und auch wenn die damalige Praxis im Koran ihren Niederschlag gefunden habe, so gelte heute wie damals: Jede Generation muss den Koran für ihre Zeit nutzbar machen, das heisst die Grundbotschaft der Barmherzigkeit so gut wie möglich im spirituellen und gesellschaftlichen Leben umsetzen.

 

Demgegenüber betont Abdel-Samad das teilweise erdrückende Übergewicht "unbarmherziger" Passagen in den heiligen Schriften. Dieses und die Tatsache, dass der Islam sich tatsächlich in eine autoritäre und unterdrückende Kultur entwickelt habe, sei ein Beweis, dass der Islam nicht reformierbar sei, ohne die heiligen Schriften radikal auf ihre Menschenfreundlichkeit zu überprüfen und viele Stellen ausser Kraft zu setzen. Nur ein streng verstandener Säkularismus und die Verbannung des Religiösen in den Privatbereich könne den Islam - wenn überhaupt - retten. Und dazu fehle die Bereitschaft in der islamischen Gemeinschaft.

 

In zwei abschliessenden Briefen werden die Autoren - der spirituelle Khorchide und der Rebell Abdel-Samad - sehr persönlich. Khorchide sei, so schreibt er, sehr gerührt gewesen, als er gelesen habe, dass Abdel-Samad seine muslimischen Freunde gebeten habe, für seinen verstorbenen Vater zu beten. Er könne das nicht. Dies sei für - sagt Khorchide - ein schönes Zeichen für die Sehnsucht nach Spiritualität. Und Abdel-Samad macht mehrere Vorschläge, wie und wo man die Debatte weiterführen könnte. Und schliesslich: "Wir sitzen im gleichen Boot, wir rudern mit all unseren Kräften. Wenn es einen Gott gibt, der tatsächlich barmherzig ist, dann möge er uns beistehen!"

 

Die Debatte mit christlichen Gelehrten weiterführen!

Die Debatte ist spannend und lehrreich, gerade auch für interessierte Laien! Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass auch ein gelehrter Christ in der Runde sitzen würde. Denn einige Parallelen zwischen Islam und Christentum sind augenfällig, und ein Unterschied ist riesig und erklärungsbedürftig.

 

Der Koran strotze vor Gewalt? Sicher, aber auch die Bibel, sogar im Neuen Testament finden sich viele Stellen, die ein fundamentalistischer Christ als Legitimierung für Gewalt nutzen kann. Die islamische Geschichte sei gewaltsam? Sicher, aber auch die Christen haben mit den Kreuzügen, der Inquisition, der rabiaten Christianisierung ganzer Kontinente eine Spur der Gewalt gelegt. Der heutige Terror habe meistens einen islamischen Hintergrund. Sicher, aber vergessen wir nicht, dass noch vor einer Generation der Terror in Europa "christlich" war: IRA, ETA usw. Und dass der schlimmste noch frei lebende Massenmörder, Joseph Kony, mit seiner "Lord's Liberation Army" im Namen des Christentums Hunderttausende von Menschen in Afrika umbringen, verklaven, vergewaltigen liess. Der Islam betrachte sich als einzig wahre Religion? Sicher, aber einige erinnern sich vielleicht noch, dass der Papst Benedikt XVI. einen Entrüstungssturm hervorrief, als er andeutete, letztlich verkörpere nur die SANCTA ECCLESIA CATHOLICA den wahren christlichen Glauben. Und so liesse sich die Reihe fortsetzen.

 

Der riesige Unterschied liegt in der Geschichte des Christentums. Verschiedene historische Umstände (sie sind in Wolfgang Reinhards "Geschichte der Staatsgewalt" hervorragend analysiert) haben dazu geführt, dass die Menschen sich weder von der Kirche noch von der Tradition völlig unterjochen liessen. Es sind moderne Zivilgesellschaften und moderne Staaten entstanden, die den Druck auf die Kirche derart erhöht haben, dass diese sich schliesslich gefügt und in den demokratischen Prozess eingereiht hat. Das Christentum hat sich erneuert, ohne dass es heikle Passagen aus der Bibel gestrichen hätte. Die Christen haben einfach gesagt: Wir verstehen die Botschaft der Liebe als Kernbotschaft des Christentums. Diese Botschaft wollen wir in der Bibel besonders beachten und besonders in unser Leben auf dieser Welt hineinbringen. Punkt.

 

Sicher hätte ein Kenner der christlichen Kultur einen Kommentar zu diesem Satz von Abdel-Samad geäussert:  "Ich bin der Meinung, nicht der Islam braucht einen Luther, sondern das Christentum braucht einen neuen Luther. Ein moderner Luther würde den Kirchen nahelegen, sich ganz aus der Politik, den Medien und der Wirtschaft zurückzuziehen und sich der Spiritualität zu widmen."

 

Er hätte vielleicht gesagt, dass der "neue Luther" die Zivilgesellschaft ist. Ob nämlich wie in Frankreich ein strenger Säkularismus herrscht oder wie in Dänemark (und der Schweiz und anderen Ländern) die Kirche eine staatlich anerkannte öffentliche Rolle hat, es funktioniert. Die Kirche kann sich über das Spirituelle hinaus durchaus zu Zeitfragen äussern, solange die Gewaltentrennung gewahrt und die Zivilgesellschaft lebendig ist. 

 

 

 

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