18 Tage / ١٨ يوم

 

Sechs Jahre kam der Film "18 Tage" über den Aufstand von 2011 nicht in die ägyptischen Kinos. Noch heute nicht. Dafür erschien er kürzlich auf Youtube und verzeichnete gleich in den ersten Tagen 3 Millionen Besucher. Da das Bedürfnis nach Darstellungen der dramatischen 18 Tage von 2011 offensichtlich riesig ist, stellt sich die Frage, wer für das Verbot oder die Nicht-Kommerzialisierung des Films verantwortlich ist. Eine Zusammenfassung und die Übersetzung eines Artikels aus Al-Monitor.

 

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Gleich nach den dramatischen Tagen vom Januar und Februar 2011 machten sich einige ägyptische Regisseure daran, ihre Begegnung mit dem ägyptischen Aufstand filmisch zu verarbeiten. Im Mai 2011 war der Film fertig und erschien gleich am Filmfestival von Cannes. In Ägypten gelangte er allerdings nie in die kommerziellen Kinos, obwohl einige der ägyptischen Filmstars wie das Schauspielerpaar Mona Zaki und Ahmed Helmy darin mitspielen. Nun hat eine Gratisversion auf Youtube den Bann gebrochen und Millionen von Ägypterinnen und Ägyptern erreicht.

  

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Ahmed Helmy und Mona Zaki

 

Eine Zusammenfassung

 

Der Film besteht aus 10 unterschiedlichen Beiträgen, teils sehr persönlich, teils fiktional, immer ein wenig dokumentarisch. Viele Szenen strahlen Wärme aus, mitten im Elend ist auch viel ägyptischer Humor und saftige Lebensfreude zu spüren. Aber grenzenlosen Optimismus gibt es nur in ausserordentlichen Momenten, und oft folgt die Ernüchterung auf dem Fuss. Hier der Film "18 Tage" auf Youtube, Arabisch mit französischen Untertiteln. Und hier meine Zusammenfassung: Man kann sie vorher lesen, oder nachher, oder gar nicht.

 

Eingeschlossen

Einige Insassen einer psychiatrischen Anstalt erleben den Ausbruch des Aufstands vom 25. Januar 2011. Ein Jugendlicher, ein Geschäftsmann, ein Lehrer, ein Religionsgelehrter, ein Journalist, ein Polizeioffizier und andere - sie alle beobachten an einem alten Fernseher die ersten Demonstrationen und streiten über ihre Bedeutung. Eine witzige Parabel.

 

Gottes Schöpfung

Eine junge Frau fragt sich, ob sie gesündigt hat, indem sie sich die Haare blond färben liess. Sie verkauft jeden Tag billige Ware und muss sich von der Polizei schikanieren und finanziell ausbeuten lassen. Eines Tages gerät sie in eine Demonstration, in der ein junger Mann die Menge mit Sprechchören vorantreibt: für sie eine neue Welt, des Muts, der Zuversicht, der Fröhlichkeit. Die Demonstration wird gewaltsam aufgelöst, sie wird schwer geprügelt und erwacht wieder im Krankenhaus.  

 

19-19

Ein politischer Aktivist und IT-Manager - Nummer "19-19" - in einem der geheimen Gefängnisse des Geheimdiensts. Er hatte, gibt er unter brutalen Schlägen und sadistischen Demütigungen zu, Kontakte zur serbischen Demokratiebewegung. Niemand wisse, erfährt er, dass er da sei, niemand werde von seinem Tod erfahren. Tatsächlich verschwinden auch heute noch jährlich Dutzende von Menschen, und ausser in prominenten Fällen wie dem italienischen Forscher Regeni (s. Blog "Je suis Giulio") bleibt alles unter dem Mantel des Schweigens. Nach Tagen der Misshandlungen stirbt der Aktivist. Unerträglich.

 

Wenn dich die Flut mitreisst

In einem Café. Ein windiger Kleinhändler verflucht die Demonstanten auf dem Tahrir-Platz, weil diese Herrensöhne ihm zu wenig Fahnen abgekauft hätten. Da erscheint dejenige, der ihm dieses Geschäft aufgeschwatzt hat, und verspricht dem leichtgläubigen Händler ein noch besseres Geschäft. Eine Parabel auf Dummheit und Opportunismus.

 

Ausgangssperre

Suez. Ein Vater nachts im Auto unterwegs mit seinem kleinen Sohn, der unbedingt auf einem Panzer fotografiert werden will. Sie geraten an eine Strassensperre, werden zu einem Umweg gezwungen, geraten wieder und wieder an eine Sperre. Sie kommen nicht nach Hause und müssen im Auto warten bis zum Morgen.

 

Revolutions-Kuchen

25. Januar 2011 in der Nähe des Tahrir-Platzes. Ein Polizist kommt in einen Schneiderladen und will einen Riss in der Hose sofort repariert haben. Schliesslich verlangt er eine Ersatzhose und eilt weiter. Während der Schneider näht, kommen die Rufe skandierender Demonstranten immer näher, und eine riesige Tränengas-Schwade weht in seinen Laden. Er denkt an Krieg, vielleicht mit Israel. Mehrere Tage wagt er nicht hinauszugehen. Durch den geschlossenen Metallvorhang seines Ladens hört er fassungslos, was draussen abgeht. Seine einzige Nahrung ist eine Schachtel mit Kuchen, die der Polizist in der Eile dagelassen hat. Als er sich schliesslich hinauswagt, wartet auf ihn eine böse Überraschung.

 

Tahrir 2/2

Ein junger Mann erzählt vom 2. Februar auf dem Tahrir-Platz. /Schnitt/

Eine arme Familie, der Mann hängt arbeitslos herum, die Kinder hungern, die Frau zankt. Ein Freund des Mannes kommt mit einem Jobangebot: Auf dem Tahrir-Platz würden einige Verrückte campieren, die wollten den Präsidenten stürzen und die Macht den Amerikanern und den Juden übergeben. Gegen Geld sollten sie nun Mubarak helfen, die Ordnung wieder herzustellen. /Schnitt/

Der junge Mann erzählt, wie plötzlich Gegendemonstranten auf dem Tahrir-Platz auftauchen und Blut fliesst, sein Freund stirbt. /Weitere Schnitte/

Der arbeitslose Mann kommt nach Hause, geschlagen. In der Hand hat er einen grossen Geldschein, mit Blut befleckt. 

 

Fenster

Kurz vor dem Aufstand. Ein junger Mann öffnet am Computer Facebook. Eine Meldung nach der anderen trifft ein: Wird Ägypten nach tunesischem Vorbild eine Revolution beginnen? Die ersten Bilder von Demonstrationen und Polizeieinsätzen erscheinen. Gleichzeitig beobachtet der junge Mann, wie seine Nachbarin ein Plakat mit der Aufschrift "Brot, Freiheit!" malt. Während der Mann zu Hause über Internet und Zeitungen die Ereignisse verfolgt, demonstriert die junge Frau in den Strassen. Schliesslich - Mubarak ist zurückgetreten - begegnen sie sich. Ein einfacher, poetischer Film.

 

Innen/Aussen

Eine junge Frau geht den Aufstand beobachten. Sie ist fasziniert, fühlt Freude über so viele Menschen im Aufbruch. Die Hoffnung auf eine neues Leben, ein neues Ägypten. Sie und ihre Mutter wollen sich dem Aufstand anschliessen, aber ihr Mann ist dagegen und verbietet es ihr. Schliesslich führt sie die kleinen Aufstand gegen ihren jungen, aber erzkonservativen Mann. Sie verlässt das Haus und nimmt an den Demostrationen teil. Ihr Mann sucht sie in der Menschenmenge, um sie zu schützen und nach Hause zu holen. Schliesslich gelangen sie zum Tahrir-Platz.

 

Ashraf Seberto

Ashraf Seberto ist ein junger Friseur. Seine junge Frau mag nicht Kinder in diese Welt der Armut setzen. Der Ausbruch des Aufstands bringt ihn um die letzten Kunden. Aber in seinem Friseursalon bleibt er nicht allein: Er kann einen verletzten Mann draussen nicht liegenlassen und holt ihn herein, und bald ist der Salon voll von Verletzten und Helfern. Nach Tagen der heftigen Kämpfe demissioniert der Präsident Mubarak, der junge Coiffeur ist für einen kurzen Augenblick ein Held der Medien, und er und seine Frau blicken optimistisch in die Zukunft.  

 

 

Die Debatte um den Film

Der im folgenden von mir übersetzte Artikel von Dawid Awad erschien am 21. Juni 2017 in "Al-Monitor", in Englisch und in Arabisch. Er zeigt, mit wievielen inneren und äusseren Schwierigkeiten die Kulturschaffenden in Ägypten zu kämpfen haben. Nun ist der Film auf Youtube erschienen, und mehr als 3 Millionen Menschen haben ihn gesehen. Aber Geld - lebensnotwendig für Kulturarbeit - hat es dafür nicht gegeben - weder vom Staat noch von Youtube.

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Mit sechs Jahren Verspätung erreicht ein Film über die Revolution vom 25. Januar (2011) Ägyptens Massen

 

CAIRO - "18 Tage" ist nicht nur die Dauer der Revolution vom 25. Januar 2011, sondern auch der Titel eines der umstrittensten Filme in der Geschichte des ägyptischen Kinos.

 

Der ägyptische Film wurde auf dem Filmfestival von Cannes 2011 uraufgeführt, erreichte aber seltsamerweise erst am 3. Juli 2017 die ägyptischen Massen.

 

Die Kontroversen rund um den Film rühren nicht daher, dass er politisch ist oder sich auf eines der heikelsten politischen Ereignisse in der ägyptischen Geschichte konzentriert. In der Tat sind viele Filme in Ägypten wegen ihres politischen Inhalts von Verboten betroffen. Umstritten ist die Frage, warum genau der Film in Ägypten nicht in die Kinos kam.

 

Die Kontroverse um den Film "18 Tage" begann im Mai 2011, als über die Medien bekannt wurde, dass er am Filmfestival von Cannes gezeigt werden sollte, obwohl nur wenige in Ägypten vom Film gehört hatten. Die Produzenten erklärten in einer Meldung vom 13. Mai 2011, der Film bestehe aus 10 Geschichten oder Kurzfilmen, die humanitäre und politische Ereignisse während der Revolution vom Tahrir-Platz und von ausserhalb erzählen. Eine Gruppe von Schauspiel-Stars, darunter Ahmed Helmy und Mona Zaki, spielten in dem Film mit. Der Film sei - so die Aussage - zunächst ein Kunstwerk, das keine politische Idee oder eine Revolution unterstützen wolle. Die Vorbereitungen zum Film hätten im Februar 2011 begonnen als persönlicher Beitrag der Filmemacher zu den Ereignissen, die Gewinne sollten an Entwicklungsprojekte fliessen.

 

Knapp eine Woche nach seiner Publikation auf YouTube (am 3. Juli 2017) zählte der der Film bereits fast 3 Millionen Besuche, dies trotz seiner ernsten und eher deprimierenden sozialen und politischen Thematik. Damit erreichte er Zuschauerzahlen wie die Kinos mit ihren Filmen zum Ramadan 2017. 

 

Der Film wurde im Mai 2011 auf dem 64. Filmfestival von Cannes als Teil des neuen Programms gezeigt, das jedes Jahr das Kino eines anderen Landes präsentiert. Er nahm auch als Wettbewerber am Internationalen Filmfestival von Bagdad 2011 teil. In Ägypten allerdings gelangte er nie in die Kinos. Im Oktober 2015 berichtete die Website von Vetogate, der Film sei von Ägyptens Generaldirektion für die Zensur von künstlerischen Arbeiten wegen seiner beleidigenden Sprache verboten worden. Die Zensurbehörde hätte gegenüber den Filmemachern den Entscheid begründet.

 

In einer Pressekonferenz am 5. Juli (2017) sagte Khaled Abdul Jalil, Leiter der Generaldirektion für die Zensur von künstlerischen Arbeiten, die Direktion hätte den Film nicht verboten, da er ihre nie vorgelegt worden sei. Damit sei die Generaldirektion auch nicht verantwortlich für die verschleppte Projektion in den Kinos. 

 

Ebenfalls am 5. Juli meinte Sherif El Bendary, einer der Regisseure des Films gegenüber der Website Raseef22: "Ich weiß nicht, wer den Film die ganze Zeit verboten hat." In einem Interview mit CNN am 6. März sagte Regisseur Yousri Nasrallah - ein Co-Regisseur des Films: "Der Film wurde in Ägypten von der Zensurbehörde und einigen Sicherheitsdiensten verboten. Einige versuchen, die Erinnerung an die Revolution vom 25. Januar auszuwischen."

 

Der damalige Chef der Generaldirektion für die Zensur von künstlerischen Arbeiten, Sayyed Khattab, hatte Al-Monitor während der Dreharbeiten des Films im Jahr 2011 gesagt, "Zwei Genehmigungen sind erforderlich, um einen Film in Ägypten zu zeigen. Die erste ist die Drehgenehmigung. Die Filmemacher erhalten sie, nachdem sie eine Kopie des Drehbuchs an die Direktion für Zensur eingereicht haben. '18 Tage' hat diese Genehmigung erhalten, und es wurden keine Einwände zum Drehbuch erhoben. Die zweite Genehmigung ist die kommerzielle Genehmigung, um den Film in den Kinos zu zeigen. Diese Erlaubnis erfolgt, indem die Direktion für Zensur die endgültige Version des Films genehmigt. Die Filmemacher von '18 Tage' haben diese Version nicht eingereicht, um die Genehmigung zu erhalten." Er fügte hinzu: "Der Film ist eine gemeinschaftliche Arbeit von mehreren Produzenten und Regisseuren. Es kann sein, dass sie sich über die Vermarktung oder über das Veröffentlichungsdatum nicht nicht einig werden konnten, besonders wenn einer der Filmemacher das von der Direktion für Zensur genehmigte Skript während der Dreharbeiten durch Hinzufügen von obszönen und beleidigenden Texten verändert hat, wie in der auf YouTube veröffentlichten Version ersichtlich. Der Streit zwischen den Filmemachern geht wahrscheinlich zurück auf widersprüchliche Aussagen von Nasrallah, der behauptet, der Film sei von der Direktion für Zensur verboten worden, und Bandari, der sagt, er wisse nicht, wer den Film verboten hätte."

 

Der Film zeigte in einigen Szenen, wo Beamte der Staatssicherheit Bürger folterten, die zu den Demonstrationen vom 25. Januar 2011 aufgerufen hatten. Deshalb war für Nasrallah unbestreitbar, dass der Film von den Zensurbehörden oder aufgrund von Empfehlungen der Sicherheitsdienste verboten wurde. Khattab hielt diese Möglichkeit für unglaubwürdig, denn: "Viele künstlerische Arbeiten, die zwischen 2011 und 2012 gezeigt wurden, und vielleicht sogar jetzt, haben das Innenministerium unter der Mubarak-Ära kritisiert. Das schadet dem derzeitigen Innenministerium nicht, dessen Führung sich in den letzten Jahren mehrmals verändert hat." Er fügte hinzu: "Es ist auch unwahrscheinlich, dass die  unflätige Sprache der Grund für ein Verbot war. Mehrere Filme konnten dieses Problem lösen, indem sie Piepstöne einbauten oder den Film nur für bestimmte Altersgruppen freigaben. Ich denke, der Grund, warum der Film niemals gezeigt wurde, liegt an einem Streit unter den Filmemachern, die unterschiedliche politische Orientierungen und Ansichten haben und die verschiedene Arten, sich mit den Empfehlungen der Zensurbehörde auseinanderzusetzen."

 

In einer Pressemitteilung vom 5. Juli zeigte sich Nasrallah begeistert, dass der Film (auf Youtube) eine so grosse Anzahl von Besuchern anzog - dies nach Jahren des Verbots. Eine nicht genannt sein wollende, den Filmemachern nahestehende Quelle sagte Al-Monitor: "Viele der Filmemacher hatten die Hoffnung verloren, den Film in Ägyptens Kinos zeigen zu können. Sie waren daher glücklich über das grosse Aufsehen und die Millionen von Besuchen, welche die Veröffentlichung auf Youtube ausgelöst hat. Dementsprechend haben dem YouTube-Management keine Weisung gegeben, den Film zu entfernen."

 

Filmkritiker Nader Adly erklärte den Erfolg des Films auf YouTube mit den Worten: "Der Film ist sehr einflussreich und wirklich gut trotz der Schwäche einiger seiner Geschichten. Ich denke, das sechsjährige Verbot schuf ein großes Verlangen des Publikums, ihn zu sehen." Und er fügte hinzu: "YouTube ist bei den Jugendlichen beliebt, und die Jugend hat in der Revolution eine grosse Rolle gespielt. Sie interessieren sich dafür, ihre persönlichen Erfahrungen in der Revolution auf dem Bildschirm zu sehen."

 

Der Staat hat von Jahr zu Jahr mehr Mühe bekundet, künstlerische Arbeiten zu verbieten, zu beobachten und zu entfernen. Die gleichen sozialen Netzwerke, die als Plattform für die Forderungen der jungen Ägypter nach politischer Freiheit am 25. Januar 2011 gedient haben, sind nach dem Screening von "18 Tage" im Juli 2017 zu einer Arena für den Schutz künstlerischer und filmischer Freiheiten geworden - ganz losgelöst von der Frage, wer für die Verbannung des Film von den öffentlichen Kinos verantwortlich ist.

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