Helmy Elsaeed, Velo-Star

   

Für mich als Radfahrer der ersten Stunde und als Halbägypter eine Supernachricht: Diesen Sommer hat der Ägypter Helmy Elsaeed zusammen mit vier Schweden den Weltrekord gebrochen auf der Strecke vom äussersten Osten Europas (Ufa in Russland) bis zum äussersten westlichen Zipfel (Cabo de Roca in Portugal). Der Eintrag ins Guinness Book of Records ist aber nur ein Zwischenschritt. Helmy (auf Deutsch: "der Träumende") träumt davon, Ägypten an der Winterolympiade 2018 in einer Ski-Disziplin zu vertreten. Ein Bericht und einige weiterführende Gedanken.

 

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Ägypten mit Radfahren verbessern

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Irgendwo in Europa

Die Querung Europas von Osten nach Westen ist eines der ehrgeizigsten Unternehmen im Amateur-Radsport. Sie wird - was das Tempo angeht - nur noch übertroffen von Wahnsinns-Rennen wie dem "Race Across America". Helmy Elsaeeds Team brauchte für die 6000 Kilometer 29 Tage, 5 Stunden und 25 Minuten, ein neuer Rekord. Jeden Tag, bergauf bergab, bei schönem und stürmischem Wetter, auf gefährlichen und idyllischen Strassen, jeden Tag gut 200 Kilometer.

 

Der Bankangestellte Helmy mag sportliche Herausforderungen, er liebt es, Grenzen zu überschreiten. Dass er seine spektakulären Sportaktionen ausserhalb Ägyptens begonnen hat, ist wohl kein Zufall. Es ist derzeit wahrscheinlich einfacher, ohne behördliche Auflagen durch 10 Länder Europas zu reisen als durch das ganze Land Ägypten. Helmy ist aber Ägypter, das spielt für ihn eine Rolle. Einer Frauenzeitschrift hat er zu Protokoll gegeben: "Ich will Ägypten auf die Weltkarte bringen, das ägyptische Volk soll stolz sein auf sein Land." Dementsprechend sind seine nächsten beiden Projekte: Ägypten von Nord bis Süd zu Fuss durchwandern und Ägypten 2018 an der Winter-Olympiade vertreten. 

 

Das Fahrrad in Ägypten wieder als alltägliches Verkehrsmittel in Stadt und Land, das Fahrrad für Schule und Arbeit, für Freizeit und Tourismus - das wäre der schönste Effekt, den Helmy Elsaeeds Engagement für Ägypten haben könnte. Leider ist der Weg dorthin weit.

 

Verschüttete Velo-Kultur

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Alexandrien in den 1920er Jahren

 

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Qena in den 1960er Jahren

Ägypten war einmal ein Fahrrad-Paradies. Und es könnte es noch heute sein. Könnte. Ich habe vor einigen Jahren von einem Projekt "Velo-Tourismus im Nildelta" geträumt. Nach einer Fahrt kreuz und quer durchs Nildelta und einigen Gesprächen mit Touristenführern und Touristikunternehmern habe ich aber eingesehen: eine schöne Perspektive, aber im Moment chancenlos. Die Strassen und Wege im Nildelta zu einem sicheren Radnetz verbinden - eine Herkulesaufgabe. Das Gleiche gilt für Gaststätten und Unterkünfte unterwegs. Die Sicherheit (Strasse, Verbrechen, Terror) ist derzeit nicht zu gewährleisten. Und nicht zuletzt dürfte ein Fahrradprojekt an der umständlichen und oft unkooperativen ägyptischen Verwaltung scheitern. Dabei gäbe es zum Beispiel aus Europa durchaus einen Markt: Unzählige Radbegeisterte aus Europa fliegen jeden Frühling nach Mallorca, um für den Sommer zu trainieren, inzwischen ein wichtiges Standbein des mallorquinischen Tourismus’. Ägypten wäre als Destination in den kalten Tagen mindestens so attraktiv, wenn denn die Bedingungen geschaffen würden.

 

Dabei ist das Fahrrad im ägyptischen Mittelstand als Sportgerät durchaus präsent. Im Grossraum Kairo (Zentrum, Maadi, Heliopolis, Dokki...) entstanden nach dem Aufstand von 2011 zahlreiche Veloclubs, Facebook-Seiten wie "Cairo Cycling Club" und auch neue Fahrrad-Geschäfte. Heute scheint diese Bewegung zu dümpeln: Die letzten Einträge auf einigen Facebook-Seiten sind mehrere Jahre alt, gemeinsame Ausfahrten sind selten geworden, dafür stehen allerhand Räder zum Verkauf.

 

Dabei hat Ägypten eine lange Velo-Kultur. Es gab eine Fahrrad-Industrie - heute sind in den Läden nur noch chinesische Räder (schlecht, schwer, billig) und europäische Räder (gut, leicht, gleich teuer wie in Europa) zu kaufen. Wer heute noch im Berufs- oder Schulalltag in den Städten Rad fährt, muss sehr viel Erfahrung haben - oder lebensmüde sein.

 

Massnahmen statt Propaganda

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Propaganda-Aktion 2014 ohne Folgen

Erinnert sich jemand noch? Vor drei Jahren fuhr der ägyptische Präsident el-Sisi, eskortiert von Militärs im Sportlook, durch einige eigens gesperrte Strassen Kairos - eine Werbeaktion zum Einsparen von Treibstoff und zur Förderung der Gesundheit. War das ein Auftakt für Massnahmen zur Förderung der Verkehrssicherheit auf den Strassen, zur Förderung der öffentlichen Verkehrmittel, zur Schulung von Radfahrern und Radfahrerinnen? Leider nicht: Es folgte gar nichts. Nun ist zu hoffen, dass Helmy Elsaeed mit seiner Begeisterung viele Ägypter und Ägypterinnen dazu motiviert, sich (wieder) dafür einzusetzen, dass sie "stolz sein können auf ihr Land". 

 

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