Papyrus zum Ramadan

  

Wer sucht, findet immer neue Online-Plattformen zu Ägypten - einige sogar auf Deutsch. Eine der deutschsprachigen Plattformen ist das "Papyrus-Magazin". Vor über 30 Jahren ist es als Ratgeber für neu nach Kairo gezogene Deutsche entstanden und hat sich dann zu einem kulturell orientierten Print-Magazin weiterentwickelt. Nun hat sich das "Papyrus-Magazin" ein neues Gewand gegeben und erscheint ausschliesslich online von Kairo aus. Die Rubriken Gesellschaft, Kultur, Geschichte, Umwelt und Freizeit geben in etwa die Tonalität an: Es geht um informative Unterhaltung oder unterhaltende Information zu Ägypten. Politische Fragen schimmern gelegentlich durch, aber da bleibt das Magazin vorsichtig-zurückhaltend. Als Kostprobe hier der Abdruck eines unterhaltenden und informativen Artikels vom Januar 2017 zu den Fernsehserien im Ramadan - mit zwei Trailern und einigen Bildern. Die Autorin ist Renate Gomaa. Wem nach dieser Lektüre nach mehr ist, der/die möge auf der Website des Magazins stöbern: http://papyrus-magazin.de

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Der Ramadan und seine TV-Serien

 

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Plakatwerbung für Serie "El Khanka" an einer Schnellstraße (Foto Mohamed Mohsen)

 

Der Fastenmonat Ramadan, der wichtigste und festlichste Monat im islamischen Jahr, wird überall auf der Welt mit besonderen Ritualen gefeiert. In Ägypten sind es neben dem Fasten, dem Fastenbrechen und dem Gebet drei magische Begriffe, die mit dieser Zeit verbunden sind: "Fawanees" (Laternen), "Halawiat" (Süßigkeiten) und "Temseliat" oder "Mussalsalat" (Serien im Fernsehen oder Radio) stehen auf der Beliebtheitsskala bei Jung und Alt in Ägypten ganz oben. 2016 gab es viele neue Produktionen und einige neue Trends. 

 

Medien verkürzen die langen öden Nachmittage, helfen über die nervöse Phase vor dem Fastenbrechen und über das körperliche Tief nach dem Iftar, dem Fastenbrechen, hinweg. Auch wenn im Ramadan häufig gemeinsam gegessen wird und Einladungen zum Iftar und Zuhur, der letzten nächtlichen Mahlzeit vor Sonnenaufgang, sehr beliebt sind, und auch wenn es einem in dem durch kürzere Arbeitszeiten verursachten Chaos auf den Straßen nicht so vorkommen mag, verbringen die Menschen mehr Zeit zu Hause, vor allem angesichts der sich zunehmend schwieriger gestaltenden Verkehrsverhältnisse. Erst im letzten Drittel des Fastenmonats wird es deutlich voller auf den Straßen und in Geschäften, weil neue Kleidung für die ganze Familie gekauft werden muss.

 

Ramadanserien, die von Zeichentrickfilmen für Kinder, über Actionfilme, historische Verfilmungen aus allen Jahrhunderten bis zu Fernsehserien mit aktuellen Bezügen ein breites Angebot umfassen, sind für die ägyptischen Film- und Fernsehproduzenten in mehrfacher Hinsicht eine besondere Herausforderung. Da alle Serien gleichzeitig während der vierwöchigen Fastenzeit Premiere haben, konkurrieren sie massiv um Zuschauer, und  für die Sparte des sogenannten "Ramadan-Drama" stellt die Fastenzeit eine Art inoffizielles Festival für Fernsehspiele dar. Entsprechend werden berühmte Stars verpflichtet, die oft schon ein Garant für hohe Einschaltquoten und Publikumserfolg sind, die aber auch gleichzeitig sich selber profilieren wollen. Außerdem sei es stets ein besonderes Anliegen, aktuelle Ereignisse und Interessen des Publikums aufzunehmen, erklären Miriam Naiem und Magda Maurice, zwei bekannte Drehbuchautorinnen für Fernsehserien, in der nach dem Moderator benannten Talkshow "Maa Ibrahim Eissa" auf dem Privatsender Al Qahera Wel Nas am 2. Juni 2016. Deshalb beginnt die Produktion einer Serie für den nächsten Ramadan auch erst nach dem großen Bairamfest. Dieses höchste Fest im islamischen Kalender findet ca. neun Wochen nach dem Ramadan statt. Es wird auch Pilgerfest genannt, weil währenddessen die Hadsch, die große Pilgerfahrt nach Mekka zelebriert wird, oder auch Opferfest im Angedenken an die von Gott als Glaubensprobe geforderte Opferung Ismails durch seinen Vater Ibrahim. Für die Herstellung der Serien stehen nur knapp zehn Monate zur Verfügung, so dass nicht selten die letzten Folgen einer Serie bis kurz vor ihrem  Start am ersten Ramadantag noch produziert werden. Nur so könne man sicherstellen, dass eine aktuelle Botschaft in den Serien aufgenommen wird. Damit seien aber durchaus auch höhere Ansprüche im Sinne von Kunst verbunden: Die Realität solle abgebildet und darüber hinaus sollen erzieherische, staatsbürgerliche und moralische Aspekte vermittelt werden. Die Werke seien nicht zur Nachahmung gedacht, allerdings sei eine Einwirkung auf die Zuschauer intentioniert, so Miriam Naim und Magda Maurice.

 

Werbeplakat des Senders cbc für seine Ramadanserien © cbc

  

Die Werbung für diese Fernsehspiele beginnt schon lange vor Beginn des Ramadans und sehr offensiv, mit Einspielern im Fernsehen und großen Werbetafeln an den Kairener Einfallsstraßen. Dutzende von Serien werben um Zuschauerzahlen. In diesem Jahr liefen ca. 30 Neuproduktionen bei den beliebtesten privaten Sendern – im Vergleich zu früher eher wenig, als es bis zu 70 neue Serien zum Ramadan gab. Diese massive Überflutung bot nicht immer gute Qualität, auch wenn nicht alles schlecht war. Problematisch jedoch ist: Für andere Produktionen bleiben kaum Ressourcen übrig, so dass ältere bis sehr alte Ramadan-Serien mehrfach wiederholt werden.

 

Deutlich lässt sich auch bei den Ramadan-Serien eine Anpassung an den Publikumsgeschmack und vor allem an internationale Formate feststellen. Ganz früher waren neben den Kindersendungen vor allem die Fawasir-Ramadan, eine Art Quizsendung, oder Fatuta, eine Show mit dem berühmten Bühnenstar Samir Ghanem, beliebt. Aber auch Hörspiele versammelten im heute nicht mehr vorstellbaren Prä-Television-Zeitalter die Familie vor dem Radiogerät. Vor einigen Jahren wurden diese schlichten Formate aus dem Programm genommen und durch thematisch attraktivere ersetzt, z.B. Kriminalspiele. Wurden direkt nach der Revolution 2011 die Machenschaften der Polizei durchaus kritisch beleuchtet, werden zur Zeit, nach dem Vorbild amerikanischer Serien, Polizisten und Sicherheitspersonal als Bekämpfer des Verbrechens dargestellt. Dies beruhigt die Menschen, kommt ihrem Bedürfnis nach heiler Welt entgegen und poliert das lädierte Image der Polizei auf.

 

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Ankündigung für die Serie "El Khurug" © cbc

  

Im Ramadan 2016 war die Anzahl von Polizeiserien spürbar höher. Die Serie "El Khurug" (The exit) handelt von zwei Polizisten; einer hat voller Resignation bereits seine Kündigung eingereicht, der andere ist neu, ehrgeizig und interessiert. Sie müssen einen geheimnisvollen Mord mit zwei halben Toten aufklären. Die Handlung entwickelt sich in fünf separaten Strängen: eine Serie von Rachemorden, die die Polizei irreführen sollen, ein Arzt und Eigentümer eines Krankenhauses verschwindet, eine Prostituierte, die ihren Zuhälter getötet hat, eine Rechtsanwältin, die eine Mandantin wegen Veruntreuung gegen einen kriminellen Unternehmer verteidigt und eine Journalistin, die unwissentlich Leichen aus den Serienmorden transportiert. Mit Hilfe von Rückblenden und mysteriösen Vorkommnissen entstehen allmählich Verbindungen zwischen den Personen und Handlungssträngen. Die sehr anspruchsvolle Handlungsstruktur erfordert entsprechend aufmerksame Zuschauer. Die nicht immer nachvollziehbaren Sprünge zwischen den Strängen brauchen Geduld, was im Hinblick auf die hohe Konkurrenz durch die anderen Ramadan-Serien eher als Nachteil zu sehen ist, der durch die überzeugenden schauspielerischen Leistungen der Darsteller Dhafer Al Abdin und Sherif Salama nur teilweise ausgeglichen wird. Eine Serie also, die vor allem durch Wiederholungen Beliebtheit erwarten lässt!

   

   

Als  weiterer auffälliger Trend erschien im Sommer 2016 das Genre Psychodrama mit drei verschiedenen Serien, wobei  jedes Mal  eine Frau mit psychischen Problemen im Mittelpunkt stand: "Sokoot Hor" (Free Fall), "El Khanka" (The Asylum) and "Fouq Mustawa Al-Shubuhat" (Above Suspicion).  In "Sokoot Hor" wird die aus guter Familie stammende psychisch kranke Malak in die psychiatrische Anstalt in Abbasseya eingewiesen, weil sie angeblich ihren Mann und ihre Schwester getötet hat. Im Verlauf der Handlung kommen Zweifel auf, ob Malak, die sehr überzeugend von Nelly Karim dargestellt wird, nicht das Opfer einer Intrige ihres Schwagers war. Der Titel "Al Khanka" ist der Name des bekannten Hospitals für psychisch Kranke, in das Amira, eine junge Sportlehrerin, eingewiesen wird. Sie wurde an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt, und als sie sich gegen ihre Angreifer zur Wehr setzt, treiben diese die junge Frau mit Intrigen und Gerüchten buchstäblich in den Wahnsinn. In beiden Serien entwickelt sich das Hospital zum sicheren Hafen für die verstörten Frauen und verschiedene andere weibliche Patienten. Viele leiden unter dem Druck einer männerdominierten Gesellschaft, die ihnen nur die Option lässt, entweder verrückt zu werden oder jung zu sterben. Im Schutz der Krankenhäuser erscheinen die Patientinnen als normal und die Gesellschaft draußen als verrückt. Folglich wollen die Frauen auch lieber im Hospital bleiben anstatt in die Gesellschaft zurückzukehren, die den stigmatisierten Frauen verständnislos und feindlich gegenübersteht. "Fouq Mustawa al-shubuhat" schildert die Geschichte einer eleganten und gut situierten Wissenschaftlerin namens Rahma, die als  Parlamentsabgeordnete kandidieren möchte und bei dem dazu notwendigen Gesundheitscheck ihrem ehemaligen Psychiater wiederbegegnet. Rahma, sehr souverän dargestellt von der ägyptischen Filmikone Youssra, tötet ihn, damit er ihre psychische Erkrankung, die sich im Laufe der Handlung immer deutlicher auch den Zuschauern offenbart, nicht an die Öffentlichkeit bringt.

   

In allen drei Serien beweisen die Hauptdarstellerinnen ihr schauspielerisches Können in der Darstellung sehr problematischer Charaktere. Gleichzeitig fragt man sich jedoch, ob diese Serien zum Verständnis psychisch Kranker beitragen, selbst wenn streckenweise exemplarisch psychiatrische Fallbeschreibungen für Laien geboten wurden. Insbesondere erschien laut der englischsprachigen  "al-ahram online"  vielen Zuschauern diese deprimierende Thematik für den Ramadan nicht angemessen, zumal durch künstlich übertriebene Längen und viele Redundanzen in der Handlung die Grenzen des Zumutbaren überschritten wurden.

  

 

  

Weitere Empfehlungen von "al-ahram-online" galten den Serien "Afrah el Qoba" (The joys of the dome), einer Verfilmung des Romans von Naguib Mahfus, mit dem Filmstar Mona Zaki in der Hauptrolle, sowie "El-Moughany" (The Singer), in der der legendäre Sänger Mohamed Mounir als Hauptdarsteller sein Leben und seine Karriere erzählt. Die Serie "Grand Hotel" ist im berühmten Hotel Old Katarakt in Aswan angesiedelt und handelt angeblich von der Familiengeschichte der Eigentümer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Drehbuch orientiert sich trotz des interessanten Hintergrunds jedoch wenig an historischen Ereignissen, sondern rekurriert auf eine gleichnamige spanische Soap. Ein Bezug zu dem eigentlichen Grand Hotel, das bis zu seinem Brand 1984 an der Corniche in Aswan schräg gegenüber vom Old Katarakt in unmittelbarer Nachbarschaft zum deutschen Krankenhaus lag, gibt es dementsprechend nicht. Natürlich darf im Reigen der Stars der große Adel Imam nicht fehlen. Er erfreute seine Zuschauer mit der gesellschaftskritischen Slapstick-Satire "Maamoun wa shoraka" (Maamoun and his partners), in der er einen Milliardär darstellt, der seine gierigen Erben zur Verzweiflung treibt.

 

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Grand Hotel © beelink

 

Insgesamt hielt sich die Begeisterung des Publikums in Grenzen. Besonders die Rolle der Frauen wird laut Reham Mokbel in Al-Monitor/ egypt pulse kritisch beurteilt. Zwar wird positiv vermerkt, dass mit weiblichen Hauptrollen in 13 von 30 Serien Frauen eine bedeutende Stellung zukommt, allerdings bemängelt der Nationale Frauenrat die vorherrschende Darstellung als Tänzerinnen, Prostituierte und psychisch Kranke.

  

Wer möchte, kann sich ganz entspannt diese Serien und die Publikumslieblinge der letzten Jahrzehnte  in den Wiederholungen ansehen, bis man im Frühsommer nach neuen Serien lechzt, wenn es wieder heißt  "Ramadan karim!" 

 

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Ramadanlaternen © R. Zaganeh

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