Scanning Sethos

 

1922 entdeckte Howard Carter das beinahe unversehrte Grab des Pharaos Tutanchamun, und die Begeisterung für das ägyptische Altertum nahm einen neuen Aufschwung. Heute - 2017 - wirft das Basler Antikenmuseum mit der Ausstellung "Scanning Sethos" ein neues, interessantes Licht auf die klassische Altertumsforschung, die gleichzeitig bewahrte und zerstörte. Die Ausstellung ist bis 6. Mai 2018 geöffnet und eine Reise wert.

 

sethos1

In Basel durchs Grab des Pharaos Sethos I. schreiten (Foto: © Ruedi Habegger, Antikenmuseum)

 

Altertumsforschung zwischen Kunstsinn, Politik und Kommerz

Vor 200 Jahren - 1817 - entdeckte Multitalent und Entdecker Giovanni Battista Belzoni das Grab des Pharaos Sethos I. (reg. 1290-1279 v. Chr.). Die Grabbeigaben waren bereits geplündert, aber die Reliefdarstellungen in den zahlreichen unterirdischen Sälen und Kammern strahlten auch nach 3000 Jahren in einer bisher ungesehenen Frische. Mit welchem Geld, mit welcher Unterstützung konnte dieses Unternehmen überhaupt gelingen? Die Antwort gibt die Ausstellung "Scanning Sethos": "Das (europäische) Verlangen nach ägyptischen Kunstschätzen stieg zu jener Zeit ins Unermessliche. (...) Die Folge war allerdings, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Ägypten ein erbitterter Wettstreit im Hinblick auf die Kunstbeschaffung einsetzte." Kurz: Die Engländer wollten wertvolle Stücke für das British Museum, die Franzosen für den Louvre, und sie stützten sich dabei auf den Herrscher Mohamed Ali, der in diesem Blog schon Thema war (s. Blog "Fürst Pückler in Ägypten"). Belzoni stand im Dienst des britischen Generalkonsuls Henry Salt, und er machte auch seine eigenen Geschäfte.

 

sethos2

Abenteurlustige Forscher: Belzoni (rechts) und Scheich Ibrahim (Foto: © Ruedi Habegger, Antikenmuseum)

 

So wird der Janus-Kopf der Altertumsforschung sichtbar: Einerseits fertigte Belzoni genaueste kolorierte Zeichnungen der Anlagen an, weshalb wir noch heute über die Farben Bescheid wissen. Er machte auch Abgüsse von den Reliefs (womit er allerdings die Farbpigmente teilweise stark beschädigte). Andererseits öffnete er der "gelehrten" Plünderung des Grabs Tür und Tor. Kassetten wurden auf Wunsch von Museen und privaten Kunstliebhabern herausgerissen und nach Europa verfrachtet. Und vor allem: Durch die Öffnung der Grabanlage für Millionen von Touristen sind in den letzten 200 Jahren viele der Darstellungen bis zur Unkenntlichkeit verblichen und am Bröckeln. Die Altertumsforschung erhält und zerstört gleichzeitig!

 

Modernste Technik hilft weiter

"Scanning Sethos" handelt von der Wiedergeburt eines Pharaonengrabs mit Hilfe modernster Technik. Das Grab wurde in den letzten Jahren akribisch dreidimensional gescannt - ein kontaktloses Verfahren, das im Gegensatz zum Wachsabdruck das Material und insbesondere die Farbpigmente nicht beschädigt. Ferner wurden überall in der Welt Fragmente aus diesem Grab erfasst, um sie wieder zum - virtuellen - Grab hinzuzufügen. So ist aus dem Sammeln und Erfassen mit Hilfe der Zeichnungen und Notizen Belzonis ein Gesamtbild entstanden. Im Museum sind nun einige der Grabkammern in neuem Glanz zu sehen. In einer späteren Phase wird es möglich sein, im Tal der Könige ein neues "Faksimile"-Grab von Sethos I. einem breiten Publikums sichtbar zu machen, das den Glanz und die Frische der Zeit seiner Entdeckung hat. Das bisherige, stark lädierte Grab ist dann vor weiterem Zerfall geschützt und nur noch für Forschungszwecke zugänglich.

 

sethos3

Schritt für Schritt zurück in die Vergangenheit (Foto: © Ruedi Habegger, Antikenmuseum)

 

Eine spannende Übergangsära

Neben den bemerkenswerten Aspekten moderner Forschungs- und Konservierungsarbeit erfahren wir auch etwas über die Regierungszeit von Sethos I. Ihr vorangegangen war die Ära von Echnaton, der das ganze Pharaonenreich auf den einen Gott Aton ausrichten wollte und dazu viele Tempel des Gotts Amun zerstören liess. Eine derart eng gefasst Theokratie konnte er nicht wirklich durchsetzen, uns so setzte unter seinen Nachfolgern eine "Restauration" ein, die mit einem Namenswechsel ihren Wendepunkt fand: aus "Tutanchaton" wurde "Tutanchamun". Die elf Regierungsjahre von Sethos I. waren immer noch geprägt durch die Wiederherstellung der alten Ordnung, einerseits aussenpolitisch (Kriege), andererseits innenpolitisch (Wiederaufbau und Inbetriebnahme von Amun-Tempeln, Auseinandersetzung mit der Abfolge von Diesseits und Jenseits). Nach dem ehrgeizigen und polarisierenden Projekt Echnatons trat wieder Stabilität ein. Der Sohn von Sethos I., als Ramses II. der Grosse in die Geschichte eingegangen, regierte 66 Jahre! Eine rätselhafte, aber umso faszinierendere Zeit. 

 

Eine Kopie, die echter ist als das Original? Kunstliebe, die erhält und zerstört? Wissenschaft, die von Geldgebern abhängig ist? "Scanning Sethos" wirft viele Fragen auf und gibt auch Hinweise zu ihrer Beantwortung. Basel ist übrigens seit den 1950er Jahren intensiv an der wissenschaftlichen Erforschung des Tals der Könige beteiligt - dank Professor Erik Hornung (* 1933) von der Universität Basel.

1210 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden