Die 33. Hochzeit

 

Die dunkle und kalte Jahreszeit ist da - Zeit für Lektüre und Erbauung. Gar nicht erbaulich geht es in der "33. Hochzeit von Donia Nour" zu. Trotzdem empfehle ich den Roman: Er ist unterhaltsam, witzig, böse, hintergründig und letztlich eben doch aufbauend.

 

 

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Auf Deutsch: Blumenbar Verlag 2016, 18 Euro, auch als E-Book erhältlich
Autor: Hazem Ilmi, Pseudonym für einen in Kairo lebenden Wissenschaftsjournalisten

 

Eine gute Rezension zum Roman findet sich in MADA MASR. Hier die deutsche Übersetzung des Artikels (Übersetzung von mir, mit einigen Ergänzungen in Klammern), gefolgt von einer Empfehlung speziell für Nichtägypter/innen.

 

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Mada Masr, Autorin: Maha ElNabawi, 28. Juli 2016 

https://www.madamasr.com/en/2013/09/16/feature/culture/review-the-33rd-marriage-of-donia-nour/amp/

 

Rezension: Die 33. Hochzeit von Donia Nour

 

Wir schreiben das Jahr 2048. Donia Nour erwacht zusammen mit den 124 Millionen anderen Ägyptern aus ihrem nächtlichen Schlaf, als der Ruf zum Morgengebet in ihren Köpfen ertönt: "Allahu Akbar! Allahu Akbar! "

 

Aber das ist kein gewöhnlicher Adhan, der verzerrt durch die Fenster einer Kairoer Wohnung sickert. Dieser futuristische Aufruf zum Gebet wird durch ein inneres Gedankenkontrollsystem, das an George Orwells Gedankenpolizei in "1984" erinnert, elektronisch in die Gehirne ägyptischer Bürger eingespielt.

 

Willkommen im Leben im Ägypten der "Neo-Sharia" - eine beängstigende dystopische Gesellschaft an der alptraumhaften Kreuzung von totalitärer Theokratie, aufstrebender Technologie und gedankenlosem Konsumismus.

 

In seinem Debütroman "Die 33. Hochzeit von Donia Nour" zeichnet der ägyptische Autor H.Z. Ilmi eine alternative, erschreckende Vision von Ägyptens naher Zukunft nach der turbulenten Vergangenheit des Landes.

 

Geschrieben hauptsächlich 2010 unter einem Pseudonym (fertiggestellt 2012, nach dem ägyptischen Aufstand von 2011) und veröffentlicht auf Amazon im vergangenen Juli (2015), ist Ilmis Roman eine düstere und eindringliche Prophezeiung dessen, was Ägypten unter dem Einfluss von religiösem Dogma, kapitalistischem Konsumismus und aufdringlich sich ausbreitenden Technologien werden könnte. Das Buch ist derzeit nur auf Englisch verfügbar (auf Deutsch seit 2016), da der Autor der Ansicht ist, dass die breite arabisch lesende Öffentlichkeit nicht bereit für eine Geschichte ist, die jeden Aspekt der Religion so klar zur Diskussion stellt.

 

Die falsche Jungfrau

 

Das Buch öffnet sich mit der Einführung von Donia Nour, einer Datenbearbeiterin (beim Ministerium), die bereit ist, ihr Leben und ihre Seele für die Flucht aus Ägypten zu riskieren.

 

Jahre nach dem katastrophalen Selbstmord ihrer Mutter und inmitten der zunehmenden Demenz ihres Vaters treffen wir Donia in einem kritischen Moment - eine Frau, die nichts mehr zu verlieren hat.

 

Sie ist entschlossen, vor den Gebetsüberwachungskabinen, den unaufhörlichen öffentlichen Predigten, der zwanghaften Ansammlung von computerüberwachten "guten Taten" und der allgegenwärtigen Überwachung einer neokapitalistisch-theokratischen Koalition islamischer Kräfte namens Nezam zu fliehen. Aber Donias ersehnter Exodus hat einen brutalen Preis. Ihre einzige Geldquelle sind eine Reihe von (islamisch verbrämten) "Kurzehen", die sie dazu zwingen, mühsame und illegale Operationen zur Wiederherstellung ihrer Jungfräulichkeit und ein Leben totaler Verstellung und Degradierung durchzumachen.

 

Aber mit 22 Jahren und nach 32 "Ehen" ist Donia Nour bereit für ihre große Flucht - sie ist bereit für ihre 33. und letzte Ehe (um das restliche nötige Geld zu beschaffen).

 

H.Z. Ilmis philosophischer Science-Fiction-Thriller ist eine äusserst beunruhigende alternative Realität. Mit seinen Bürgern, die von "psychischen Rosenkränzen", "Shariatainment" anstelle von Satellitenfernsehen und UV-Strahlen-Jungfräulichkeitstests kontrolliert werden, gelingt es dem jungen Autor, eine groteske Welt darzustellen, die derjenigen ähnelt, in der wir heute leben.

 

Visionen dystopischer Gesellschaften sind für die zeitgenössische ägyptische Literatur nichts Neues. In den letzten Jahren gab es einige bemerkenswerte Science-Fiction-Romane: Mahmud Osmans "Revolution 2053: Der Anfang" (2009), Ahmed Khaled Tawfiqs "Utopia" (2010) und Ezzedine Choukri Fisheres "Ausgangstür: Alis Botschaft voll unerwarteter Freude" (2012).

 

Es ist jedoch kein Zufall, dass gerade in den Jahren um die Revolution vom 25. Januar (2011) eine Reihe dystopischer Romane entstanden ist. Die Genres Science-Fiction und Zukunftsliteratur erlauben es den Autoren, die Gesellschaft durch eine grotesk andere Sichtweise als die Gegenwart zu untersuchen. Und in einer Region, die so stark von Zensur geplagt ist, dienen Orwells Allegorien und phantastische Handlungsstränge oft als weit bessere Waffe als ein direkter politischer Angriff.

 

Aber wirklich erfolgreich ist die "33. Hochzeit von Donia Nour" in ihrer Darstellung einer erschreckend schockierenden futuristischen Gesellschaft, ohne dass sich die Handlung in unglaubwürdigen fantastischen Abstraktionen verliert. Tatsächlich sind alle Metaphern, Übertreibungen und Vorwürfe des Autors in realen Vorgängen verwurzelt, sei es in Szenen, in denen Donia Nour ihren männlichen Kollegen im Büro gestatten muss, an ihren Brüsten zu saugen, oder in der wiederkehrenden Debatte über staatlich veranlasste Jungfräulichkeitstests.

 

Der Roman könnte von einer tieferen Charakterentwicklung und einer klareren Prosa profitieren, trotzdem ist die Geschichte äusserst überzeugend und eine fesselnde Lektüre. Es gibt leuchtende Momente satirischen Humors und genug philosophische Diskurse, um einige bedenkenswerte Argumente für und gegen Religion, Atheismus und die unvermeidliche Selbstzerstörung eines neokapitalistisch-theokratischen Systems zu liefern.

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Auch für Nichtägypter/innen lesenswert

Es gibt auch für Nichtägypter/innen gute Gründe, die "33. Hochzeit von Donia Nour" zu lesen.

  • Der Roman ist voll von verrückten Einfällen und satirischen Überzeichungen - man möchte sagen: typisch ägyptische Fabulierfreude, typisch ägyptischer Humor!
  • Wer Ägypten und Kairo bereist hat, wird viele markante Bauwerke und Orte in überraschendem Zusammenhang antreffen: den Tahrir-Platz, das Mugamma-Gebäude, das Ägyptische Museum, die Pyramiden...
  • Das Thema der pervertierten islamistischen Diktatur meint durchaus nicht nur das kurze Zwischenspiel mit dem gestürzten Präsidenten Mursi. Es ist auch sehr viel von der Ära Mubarak enthalten und noch viel mehr (prophetisch...) von der Ära des jetzigen Präsidenten. Verfolgung wegen Atheismus, "Beleidigung des Islam" oder Homosexualität, Folter und Verschwindenlassen von Menschen, Jungfräulichkeitstests - das sind alles religiös legitimierte Massnahmen zur Sicherung auch einer "säkularen" Herrschaft.
  • Eindrücklich ist auch, wie die Heldin Donia entdeckt, dass das System (Nezam) nur deshalb funktioniert, weil es von der Welt der "Ungläubigen" (der Westen und China) ausgerüstet und versorgt wird. Eine unheimliche und unheilige Allianz, der Vergleich mit der Gegenwart ist nicht ganz abwegig...
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