Schlaflose Nächte

 

Der Film "Schlaflose Nächte" (سهر الليالي) aus dem Jahr 2003 ist 2 Stunden und 8 Minuten spannend. Er ist auf Youtube integral zu sehen, Arabisch mit englischen Untertiteln. Vier Liebespaare zoffen sich und finden sich wieder. Auf den ersten Blick wirkt der Film konventionell, der zweite Blick zeigt allerdings, dass sich hinter der klassischen Fassade viele unauffällige Tabubrüche verbergen. Empfohlen! 

 

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"Schlaflose Nächte" (سهر الليالي)

2003

Regisseur: Hany Khalifa

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=zttRV9OSFqM

 

 

 

Vordergründige Konventionalität

 

"Schlaflose Nächte" ist ein Film über das Erwachsenwerden von 4 Paaren, alle um die 30 und aus dem gehobenen Kairoer Mittelstand. Liebe, Eifersucht, Treue, unerfüllte Sexualität, Einmischung der Eltern, Karriere, Angst vor dem Älterwerden - das sind die Themen, denen sie sich stellen müssen. Dabei wirkt das Ganze sehr konventionell. Die Geschichte spielt an drei aufeinanderfolgenden Tagen nach dem Muster "Scheinharmonie - Krise - Happy End". Erotik folgt scheinbar den Geboten des "sauberen" Liebesfilms, der in Ägypten seit vielen Jahren dominiert: Heisse Blicke und Umarmungen ja, aber keine Küsse und schon gar kein Sex. Der Film geht zwar mit einigen Kuss- und dezent verwischten Sexszenen etwas weiter, gewagt wirkt das aber noch nicht. Dann ist auch die Geschichte konventionell. Ein Fest wird zum Katalysator des Krise in allen vier Paarbeziehungen, und das Ganze mündet in ein Happy End: ein Hochzeitsfest, was sonst? Dann dreht sich die Geschichte um vier Männer und ihre Frauenbeziehungen. Auch die Kameraführung ist durchaus nicht experimentierfreudig.

 

Vielfältige Abhängigkeiten

 

Ein genauerer Blick zeigt aber, dass nicht einfach wieder eine alte Geschichte auf alte Art abgewickelt wird. Das beginnt mit dem ersten Paar: er Toningenieur, sie Spielwarenhändlerin. Die beiden sind ein Paar, aber weder sind sie verheiratet, noch leben sie zusammen. Tabubruch: Das Paar erscheint so "normal" wie die anderen drei verheirateten Paare, kein moralischer Zeigefinger! Dann sind die Auslöser der Krisen differenzierter dargestellt als üblich. Die Krisenmomente erscheinen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang. Bei einem Paar (Ali und Muschira) erweist sich, dass beide nicht ihrer Neigung folgen durften. Er musste auf die Liebe seiner Jugend verzichten und seine Kusine heiraten. Wenn er sagt, er liebe seine Frau, spricht da sein Herz oder sein Pflichtgefühl - wie soll er das unterscheiden? Und sie: Sie hat geheiratet, ohne eine Ahnung von Männern zu haben. Jetzt kämpft sie gegen ihre Sehnsucht nach Erfüllung mit einem anderen Mann, nach neuer Jugend - kämpft sie aus Treue oder aus Angst vor ihrem erzkonservativen Bruder und ihrer Familie? Sie weiss es nicht. Bei einem anderen Paar (Amr und Farah) bricht in der Ehekrise das überwunden geglaubte Problem der ökonomischen Abhängigkeit auf: Die Eltern der Frau haben den Mann aus bescheidenen Verhältnissen zum Betriebsführer gemacht. Das vierte Paar (Khaled und Perry) macht eine tiefe Krise durch, nachdem seine vielen Seitensprünge aufgeflogen sind. Für die Frau ist es nicht nur die Untreue ihres Mannes, die sie zutiefst erschüttert. Es ist auch die Einsicht, dass sie lange weggeschaut hat und sich erst jetzt zu Konsequenzen durchringen kann. Sie sagt: "Früher wusstest du nicht, dass ich von deinen Seitensprüngen wusste. Jetzt weisst du es - nun muss ich gehen."

 

Die vielen Knoten finden sich am Ende gelöst. Das unverheiratete Paar heiratet, und die anderen drei Paare tanzen glücklich mit. Ein Happy End, das nach all dem Vorgefallenen auch als Versuch eines Neuanfangs verstanden werden muss. 

 

Ein moderner Film

 

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Es ist nicht so einfach, wieder an das wilde Leben der Jugend anzuknüpfen...

 

Vordergründig ist die Geschichte aus der Perspektive der Männer erzählt, was man bei einem männlichen Regisseur fast erwartet. Genau betrachtet erweisen sich aber die Frauen als die stärkeren Figuren. Nichts vom Dummchen in Nöten, das in vielen ägyptischen Komödien für Lacher sorgt. Mitten in der Krise hauen die vier Männer nach Alexandria in ein Strandhaus ab, wo sie bald feststellen, dass sie nicht so einfach wieder an das wilde Leben ihrer Jugend anknüpfen können. Aber offen über ihre Probleme reden, das geht auch nicht. Die Frauen bleiben aber in Kairo und stellen sich ihren Schmerzen, ihrer Wut und den möglichen Lösungen, und die wesentlichen Initiativen zur Lösung der Krisen kommen von ihnen.

 

Auch in seiner Ausgestaltung als Tragikomöide ist "Schlaflose Nächte" ein moderner Film. Der Film wälzt schwere Themen, aber er ist auch voll von leichten und lustigen Momenten. Der Humor begleitet die tragischen Momente, er übertüncht sie nicht. Untreue, Eifersucht, schlechter Sex, tyrannische Schwiegereltern - das alles gibt es auch in den konventionellen Liebeskomödien. Aber dort dient der Humor meist dazu, das Tragische wegzulachen, bevor es sich zeigen kann.

 

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