SEKEM-Berufsbildung II

     

2014 ist Francis zum ersten Mal für 10 Wochen als Berater in die Schreinerei von SEKEM gekommen. Francis ist ein "Hölzler" durch und durch, an exaktes Arbeiten gewöhnt und gleichzeitig ein begnadeter Improvisator. In der Schweiz hat der Endfünfziger lange einen eigenen Schreinereibetrieb geführt, war Möbeldesigner und ist heute hauptsächlich als Schreinerei-Ausbildner für junge Menschen mit sozialen Problemen oder Behinderungen tätig. Eine Fachautorität also, und gleichzeitig ein liebenswürdiger Mensch, dessen Charme man sich nur schwer entziehen kann. Ein Porträt von Francis 2016 in diesem Blog: "Im Gespräch: Francis". Das folgende Interview fand im März 2018 vor der Schreinerei auf der SEKEM-Farm statt.

 

1-p1010505Francis (rechts) vor der Schreinerei von SEKEM

 

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Die 2012 eingerichtete Lehrwerkstätte...

 

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... und die schon vorher bestehende Produktionswerkstatt

 

Francis, wie bist du zum Berater der SEKEM-Schreinerei geworden?

 

Das war eine glückliche Fügung. Nach Jahren der Verantwortung als Eigentümer einer Schreinerei mit mehreren Angestellten wollte ich mich neu orientieren und habe mich stärker um die Ausbildung und Betreuung von jungen Menschen mit Problemen gekümmert. Ich bin heute dankbar dafür, dass ich bisher ein gutes Leben hatte, und mit meinem Engagement möchte ich etwas davon zurückgeben, weitergeben. Das damalige Angebot, im Frühling 2014 bei SEKEM 10 Wochen lang die Schreinerei zu beraten und bei der Neuausrichtung zu helfen, wurde für mich so zur Herzensangelegenheit. Und heute kehre ich immer wieder gerne zurück, um für zwei Wochen an der Entwicklung der Schreinerei teilzuhaben und meine Erfahrungen einzubringen.

 

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"Ich möchte etwas zurückgeben"

 

Eigene Ressourcen verwenden an Stelle von teuren Importen, das ist einer deiner Beiträge zur Neuausrichtung der Schreinerei. 

 

Stimmt. Ägypten ist kein Holzland, aber es gibt durchaus Harthölzer wie die Kasuarine. Auf der SEKEM-Farm stehen Hunderte von diesen Bäumen, und auch im übrigen Ägypten sind sie verbreitet. Der Baum wird aber für die Möbelproduktion nicht genutzt, auch die SEKEM-Schreinerei hat bisher stattdessen Buchenholz aus Schweden importiert. Der schlechte Ruf der Kasuarine ist nicht unbegründet: Das Holz ist extrem hart, kann sehr rissig sein, und Bearbeitungsversuche scheiterten bis jetzt daran, dass man mit schlechten Instrumenten und falschen Methoden einfach keine brauchbaren Resultate erzielte. Heute sind wir da viel weiter und nutzen die Kasuarine für den Möbelbau.

 


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Auf der SEKEM-Farm stehen Hunderte von Kasuarinen mit ihren eigenartigen Blättern

 

Was sind denn - einem Laien erklärt - die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Nutzung der ägyptischen Kasuarine?

 

Da gibt es eine ganze Abfolge von Schritten, die wir optimieren mussten. Zunächst gilt es, die Bäume im Winter zu schlagen, wenn sie nicht saftführend sind. Dann müssen die Stämme einen Monat oder zwei im Schatten ruhen und genügend benetzt werden. Beim Einschneiden ist wichtig, dass das Werkzeug perfekt gewartet und geschärft ist. Die SEKEM-Schreinerei hat leider keine Blockbandsäge - das ist ein nächster Investitionswunsch -, daher ist das genaue Einschneiden der teilweise tonnenschweren Stämme eine echte Schwerarbeit. Ein bisheriger Fehler war, dass man versuchte, Bretter zu schneiden. Aber das Holz ist starken Verwerfungen ausgesetzt, da ist es viel besser, kleinere Kanthölzer zu schneiden. Das nächste ist die Kunst des richtigen Trocknens. In Ägypten reichen 10 bis 12 Monate, aber die müssen sein, und auch hier muss die Trocknungsgeschwindigkeit  stimmen. Schliesslich werden die Kanthölzer zusammengefügt, zum Beispiel zu einer Tischplatte, auch hier können Fehler passieren.

 

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Sägen, Einschneiden, Lagern

 

Die SEKEM-Schreinerei steht beim Vermarkten ihrer Produkte noch ganz am Anfang. Was ist da zu tun?

 

Eine wichtige Stütze ist die systematische Dokumentation aller Erzeugnisse: Fotos, Zeichnungen, Beschriebe. Dies ist eine Grundlage für Werbemappen, in denen wir gleichzeitig die Stärke unserer Schreinerei hervorheben können: Wir schreinern nach Mass und gehen auf die Kundenwünsche ein! Die Leistungen der Schreinerei lassen sich auch von Mund zu Mund kommunizieren: Ausbildner und Lehrlinge als Werbeträger für ihr eigenes Schaffen. Denkbar sind auch Besuchstage. Wir müssen intensiv darüber nachdenken, wie die SEKEM-Schreinerei nicht nur als Lehrwerkstätte, sondern auch als Produktionsbetrieb nach aussen besser sichtbar wird, wie das bei anderen Einheiten von SEKEM wie zum Beispiel ISIS mit ihren Tees und anderen Nahrungsmitteln schon der Fall ist.

 

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Im Gespräch mit externen ägyptischen Wartungsfachleuten

 

Du traust der Schreinerei einiges zu. Ist denn das Level der Ausbildung genügend hoch?

 

Natürlich gibt es noch einen beträchtlichen Abstand zur schweizerischen EFZ-Lehre, den wir nur langsam aufholen. Aber das ist nicht unser Fokus. Ich stelle fest, dass das Ausbildungsteam in den letzten Jahren gewachsen und zusammengewachsen ist und in einem guten, freundschaftlichen Klima arbeitet. Dies ist eine grosse Chance für die nächsten Jahre. Bis jetzt haben viele Lehrlinge keine echte Sensibilität für das Schreinern, sie wollen einfach etwas Richtiges lernen und einen Abschluss haben. Unsere Aufgabe ist es, über die Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten hinaus die Freude am Holz zu wecken, und die Neugier für die Möglichkeiten dieses wunderbaren Materials.

 

Wie soll denn das vertiefte Verständnis für die Arbeit mit Holz entstehen?

 

Das dritte Lehrjahr lässt sich noch besser gestalten. Dazu gibt es derzeit zwei Projekte. Das erste sieht eine individuelle Abschlussarbeit vor. Da geht es um die Herstellung eines Möbels nach vorgegebenem Plan, bei besonderen Fähigkeiten auch nach eigenem Entwurf. Das zweite Projekt ist ein zweiwöchiges Praktikum in einer grossen ägyptischen Möbelfabrik. Dort erfahren die Auszubildenden den Arbeitsalltag in einem reinen Produktionsbetrieb, der gut, schnell und kostengünstig produzieren muss. Kreativität und solides Handwerk, das ist das Ziel, dem wir uns Schritt für Schritt nähern.

 

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Echt ägyptisch: ein Tisch aus Kasuarinen-Holz

 

Die drei Interviews in diesem und im letzten Blog sind dreisprachig nachzulesen in "SEKEM News":

 

Arabisch     Englisch      Deutsch

 

 

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