Selbstbewusster Islam

 

Der Islam ist selbstbewusst. Nein, ich meine nicht den heutigen, der sich nach allen Seiten verteidigt, der schwerste innere Spannungen durchlebt und mit dem Stigma behaftet ist, frauenfeindlich zu sein und die meisten Terroristen hervorzubringen, der den Bildern und der Musik misstraut. Ich meine den Islam, dem man im Museum für Islamische Kunst in Kairo begegnen kann. Auch der heutige Islam könnte selbstbewusst sein. Warum er es nicht ist, auch auf diese Frage gibt das Museum ungewollt eine Antwort. Fotos und Eindrücke von einem Besuch im Frühling 2018.

 

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Eine Insel der Ruhe: Museum für Islamische Kunst

 

Verkehrte Welt

 

Mitten im hektischen Treiben Kairos liegt das Museum für Islamische Kunst. Eine Insel der Ruhe, aber nicht nur das. Draussen, da liegt ein bleierner Deckel auf dem kulturellen Leben, dem sich nur die sehr lebhafte Populärkultur entzieht. Islamistische und säkulare, leider auch koptische Kreise, sie alle tun sich schwer mit einer vielfältigen Kunst. Ganz anders im Museum: Wer Zeit und Augen hat, wird eine islamische Kunst und Kultur entdecken, die heiter, farbig, fazettenreich ist, die wenig Darstellungstabus kennt und sich selbstbewusst durch andere Kulturen anregen lässt. Eine verkehrte Welt: eine angeregte Ruhe statt im Museum, eine plattgedrückte Regsamkeit draussen.

 

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Ein Koran, über 1000 Jahre alt

 

Gleich am Eingang ist ein Koran aus dem 8./9. Jahrhundert zu sehen, als die Schrift weder diakritische Punkte noch Vokalzeichen enthielt: wunderschön, schlicht, aber nur für Gelehrte lesbar.

 

Schon die ersten Vasen, Krüge, Teller relativieren das Bilderverbot in der islamischen Kultur: Da sind neben Ornamenten und kunstvollen Schriftzügen auch Menschen und Tiere abgebildet. Einige Ausstellungsobjekte erinnern frappant an die römische und auch die christliche Kunst. 

 

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Bronzekrug

10. Jahrhundert (umayyadisch)

Moscheelampe

15. Jahrhundert (mamlukisch)

Kupferkrug Email/Gold

19. Jahrhundert (osmanisch)

 

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Wandmalerei aus einem Bad

11. Jahrhundert (fatimidisch)

Holzschnitzereien

11. Jahrhundert (fatimidisch)

Tafel aus einem religiösen Werk

19. Jahrhundert (osmanisch)

 

 

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Musik, Schreck der konservativen Muslime

11. Jahrhundert (fatimidisch)

Glastasse

10. Jahrhundert (fatimidisch)

 

Verdienstvoll ist, dass das Museum die meisten Exponate genau erklärt, in der Regel auf Englisch und Arabisch, manchmal auch nur auf Arabisch. Die einzelnen Säle folgen den geschichtlichen Epochen und ermöglichen damit, die Entwicklung der Kunst nachzuvollziehen. Die ältesten Exponate stammen aus dem 7. Jahrhundert (Umayyaden), die neuesten aus dem 19. (Osmanen). 

 

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Verschiedene Wappen aus dem 14. Jahrhundert (mamlukisch):

Kreuz, vermutlich von einem christlichen Beamten im mamlukischen Divan

Schwert und Huf, von einem hohen Stallmeister

Lilie, von einem Sultan (die Lilie ist auch das Wappen der Bourbonen!)

 

Ebenfalls spannend sind einige thematische Räume, die sich beispielsweise der Kalligraphie, der Medizin, dem Krieg oder den Naturwissenschaften widmen. Dabei ist nicht nur Ägypten dargestellt, sondern auch andere Länder der islamischen Welt: Iran, Indien und einige andere.

 

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Sonnenuhr

18. Jahrhundert (osmanisch)

Anatomielehrbuch

17. Jahrhundert (osmanisch)

Fürstliche Szene

16. Jahrhundert (aus Moghul-Indien)

 

 

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 Kunst-Studentinnen 

 

 

Moderner Zwiespalt

 

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Ibn-Tulun-Moschee

Eine kulturell besonders lebendige Zeit war die Fatimiden-Ära (969-1171). Selbstbewusst verkündet eine Tafel im Museum: Unsere Vorfahren lehrten die Welt. Die Ära der Fatimiden gilt als goldenes Zeitalter der wissenschaftlichen Entwicklung, sowohl für die islamische Kultur wie für die ganze Welt. Der fatimidische Königshof war ein lebensvoller Begegnungsort für Gelehrte aus Ost und West. Das ist etwas hoch gegriffen, aber sicher nicht falsch. Warum das so war, erfahren wir indirekt auf einer anderen Tafel. Die islamische Zivilisation wird dort dargestellt als Zusammenführung arabischer und nicht-arabischer, das heisst persischer, türkischer, indischer, berberischer und anderer Elemente, alles in einer Kultur, die sichtbar bestrebt ist, Innovation und Kreativität zu pflegen, was der islamischen Kultur einen globalen Charakter gibt. 

 

Welcher Kontrast zu heute! Viele islamische Richtungen mauern nicht nur gegen die nicht-islamischen Kulturen und die übrige Welt, sondern auch gegen nicht genehme islamische Strömungen. Die Fatimiden waren Schiiten, das heisst aus Sicht der in Ägypten dominierenden Sunniten fehlgeleitete Muslime, wenn nicht gar Abtrünnige oder Ungläubige. Heute leben in Ägypten nur noch wenige Schiiten, aber in Krisenzeiten werden sie zur Zielscheibe frustrierter Massen, nicht anders als die christlichen Kopten (s. Blog von 2013: "Mordslust").

 

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Kontroverse Gebetsnische

Dass nicht nur rabiate Landjugendliche Vorurteile gegen Schiiten haben, zeigte mir ein Besuch der Ibn-Tulun-Moschee mit Freunden. Die Fatimiden haben diese Moschee nicht gebaut, aber nach ihren Bedürfnissen umgestaltet. Zum Beispiel mit unterschiedlichen Gebetsnischen, damit die verschiedenen schiitischen Gruppen jede für sich mit ihrem geistlichen Führer beten konnten. Die Fixierung auf einen bestimmten geistlichen Führer ist noch heute ein Merkmal der Schia. Die Sunniten hingegen haben keine geistlichen Führer mit einer klar umrissenen Gefolgschaft, daher brauchen sie auch keine separaten Gebetsnischen. Ein Freund, der dabei war und mir als ehemaliger Fremdenführer viel Interessantes zu erklären wusste, nahm die unterschiedlichen Gebetsnischen zum Anlass, einen wütenden Rundumschlag gegen die Schiiten zu führen: Sie seien nicht friedlich und kooperativ wie die Sunniten, sie hätten den Koran falsch ausgelegt usw. Wo ist da die Gelassenheit, wo das Selbstbewusstsein? An Bildung fehlt es diesem Freund nicht. Vielleicht aber an einigen besinnlichen Stunden im Museum für Islamische Kunst.

 

 

 

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