The Bands Visit

 

Tony Awards 2018: Vor wenigen Tagen hat das Musical "The Band’s Visit" gleich 10 Auszeichnungen erhalten: unter anderem für bestes Musical, bestes Drehbuch, beste Darstellung, beste Regie. Das Thema ist eine Begegnung zwischen einer ägyptischen Musikband und einigen Israelis in einem Kaff in der Wüste. Die Preisverleihung nehme ich zum Anlass, um auf den hervorragenden Film von 2007 hinzuweisen, der die Vorlage für das Musical ist.

 

film

Eine passable Youtube-Version ohne Untertitel findet sich auf: https://www.youtube.com/watch?v=F3Wqx1J7UFo&t=133s. Der Film ist auch ohne Arabisch und Hebräisch einigermassen verständlich, da die Dialoge zwischen Israelis und Ägyptern alle in Englisch sind. Der Film ist mit Untertiteln und synchronisiert im Handel erhältlich (Deutsch: "Die Band von nebenan")

 

Der Film

 

Wikipedia schreibt zum Film von 2007:

Ein ägyptisches Polizeiorchester aus Alexandria ist zu einem Kulturfest in Israel eingeladen. Als die Musiker am Flughafen in Tel Aviv ankommen, ist jedoch niemand da, um sie in Empfang zu nehmen. Colonel Tawfiq Zacharya und seine Musiker beschließen, mit dem Bus zum Zielort zu gelangen.

Beim Ticketkauf spricht jedoch Bandmitglied Khaled den Zielort falsch aus (Araber können kein hartes "p" sprechen), und so landet das Orchester im verschlafenen Provinznest Beit Hatikva statt in Petah Tikva. Als sich die Musiker bei Dina, der Besitzerin eines kleinen Restaurants, nach dem arabischen Kulturzentrum erkundigen, wird ihnen klar, dass sie im falschen Ort sind. Dina erkennt ihre missliche Lage und bietet ihnen an, die Nacht bei sich und zwei befreundeten Familien zu verbringen.

Die Ägypter und ihre israelischen Gastgeber begegnen sich zunächst mit Zurückhaltung und Berührungsängsten; aufgrund der kulturellen Unterschiede und sprachlichen Barrieren kommt es zu verschiedenen, mal lustigen, mal tragikomischen Missverständnissen. Im Laufe des Abends und der Nacht entstehen jedoch insbesondere zwischen dem ernsten Tawfiq und der lebensfrohen Dina intensive Gespräche und schließlich ein freundschaftliches Verhältnis. Am nächsten Tag reist das Orchester zu seinem eigentlichen Bestimmungsort ab.

 

Beeindruckend am Film ist die behutsame und sehr nuancenreiche Erzählung einer an sich banalen Geschichte. Die Geschichte sei "nicht wichtig", heisst es im Vorspann: "Vor nicht allzu langer Zeit reiste eine kleine Musikgruppe der ägyptischen Polizei nach Israel. Nicht viele erinnern sich daran. Aber es war auch nicht wichtig." So liegt die Botschaft in den Zwischentönen. Der Ort: Eine öde, graue Kleinstadt in der Wüste. "Keine arabische Kultur, auch keine israelische, einfach gar keine Kultur", sagt die Restaurantbesitzerin Dina. Verständlich, dass einige der Musiker sofort Heimweh haben nach Alexandrien oder ihrem ägyptischen Dorf.

 

1-7 2-6

Der öde Alltag ist durch die Begegnung mit den ägyptischen Musikern für einen Moment aufgehoben

 

Auch Dina ist gewissermassen eine Gestrandete. Sie ist lebenslustig, offen, grosszügig. Im Laufe der Gespräche mit Tawfiq kommt aber auch heraus, dass sie mit ihrer Unbekümmertheit wichtige Ziele in ihrem Leben verpasst hat: Partnerschaft, Familie… Und auch Tawfiq, der korrekte, überaus höfliche Bandleader, gesteht im Laufe der Gespräche, dass er eine schwere Schuld mit sich trägt. Noch ganz unbedrückt tritt der junge Charmeur Khaled auf. Einmal singt er einer Schalterangestellten einige Takte von Chet Bakers "Funny Valentine" vor, einmal spielt er diese Takte auf der Trompete für Dina, und bei einer Abendveranstaltung gibt er einem jungen, scheuen Israeli Mut und Rat, damit er sich einer Frau nähert, die ebenfalls nicht den ersten Schritt wagt. Im Dreieck Tawfiq-Dina-Khaled liegt das Zentrum der Handlung: Dina spürt von Anfang an, dass sie ihrer Einsamkeit für einen Moment entkommen kann, zuerst in einer langen Nacht der Gespräche mit dem älteren Tawfiq, danach in einer flüchtigen sexuellen Begegnung mit dem jungen Khaled. Am nächsten Tag reist die ganze Gruppe weiter, an den "richtigen" Ort.

 

musical

Die Songs sind im Handel erhältlich, einige Ton- und Bild-Kostproben finden sich auf der offiziellen Website https://thebandsvisitmusical.com 

 

Das Musical - anderes Medium, selbe Botschaft?

 

Nun also hat das Musical "The Band’s Visit" bei den Tony Awards 2018 gleich 10 Auszeichnungen erhalten. Das Musical wurde im Dezember 2016 uraufgeführt und hat schon vor dem Tony Award zahlreiche Preise erhalten. Film und Musical sind zwei unterschiedliche Arten, eine Geschichte zu erzählen. Es dürfte also spannend sein zu wissen, ob sie beide das Thema des "Herausfallens" aus dem Alltag poetisch bewältigen können. Für den Film gilt das ohne Zweifel, vom Musical kenne ich leider nur die Songs und einige kurze Videoausschnitte.

 

Der Film besticht durch seine Wortkargheit, verstärkt durch die Sprachbarrieren. Die Ägypter unter sich, die Israeli unter sich, das geht. Viel im Film läuft aber zwischen den beiden Nationen ab. Englisch ist die einzige gemeinsame Sprache, und das können nicht alle gut. Dann sind es Gebärden, Blicke. Der Film bringt diese subtile Kommunikation mit langen Einstellungen und Nahaufnahmen sehr gut zu Geltung. Musik spielt auch eine Rolle, sie ist wichtig, erscheint aber wie beiläufig, wenn zum Beispiel der Klarinettist einige selbstkomponierte Takte spielt, nicht elegant und glamourhaft, sondern brüchig, zögernd. Der Film berührt durch seine Sparsamkeit.

 

Das Musical erzählt die Geschichte mit Musikinstrumenten und Gesang. Die im Handel erhältlich 18 Originalsongs dauern alleine 43 Minuten. Die wenigen Filmausschnitte auf der Website zeigen eine üppige Inszenierung. Die Musik ist hochprofessionell, die Szenen ergreifend, aber alles mit dem Mittel der Show und der Pose. Lange Einstellungen, Stille, Nahaufnahmen - das alles sind nicht Mittel des Musicals. Es ist eine andere Art des Berührtwerdens. Ich hoffe, dass bald einmal eine DVD des Musicals in Umlauf kommt.

 

 

 

916 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden