Sex und Gewalt

 

Welches Problem hat die katholische Kirche mit der islamischen Welt gemeinsam? Die Vermischung von Sex und Gewalt. Sexuelle Übergriffe hinter Kirchenmauern, Anmache auf den Strassen Kairos und Schlimmeres sind in keiner Weise zur rechtfertigen und gehören bestraft. Immerhin bewegt sich die wichtigste religiöse Instanz der islamischen Welt, die Al-Azhar in Kairo, in Richtung einer klaren Verurteilung der sexuellen Belästigung. Der Weg ist aber noch weit - sowohl für die katholische Kirche wie für die islamischen Welt. Die katholische Kirche muss sich fragen: Wie kann es sein, dass das Zölibat auch für Priester gilt, die nicht die Kraft und die Überzeugung für diese Lebensform haben, und die der ständigen Versuchung zu "unkeuschen" oder sogar kriminellen Handlungen ausgesetzt sind? Und die islamische Welt muss sich fragen: Welche Kultur wird der Tatsache gerecht, dass das Heiratsalter aus ökonomischen Gründen gerade für Männer oft weit in den Dreissigern liegt und bis dahin die Begegnung zwischen Mann und Frau allerstrengsten Einschränkungen unterliegt? Der folgende Artikel von Muhammed Magdy ist am 19. September 2018 bei Al-Monitor auf Arabisch und Englisch publiziert worden. Er dokumentiert die ersten zaghaften Schritte der Azhar in der Frage der sexuellen Belästigung (Übersetzung von mir).  

 

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Nach der Stellungnahme zur sexuellen Belästigung - wie sieht Al-Azhar die Frauenfrage?


KAIRO - Die Titelseite von Sawt al-Azhar, der offiziellen Zeitung der ägyptischen Moschee und Universität Al-Azhar, zeigte am 5. September Frauen bei einer Diskussion über sexuelle Belästigung, darunter einige ohne Kopftuch. Diese Veröffentlichung war einzigartig und ein Schock für religiöse und traditionelle Kreise, wurde aber von Menschenrechts- und Frauenrechtsaktivisten sehr begrüsst.

 

"Das ist grossartig. Ich habe nicht erwartet, dass sie mein Foto veröffentlichen. Ich wurde gebeten, die Rolle von Al-Azhar gegenüber den Frauen zu kommentieren und Empfehlungen abzugeben. Alle meine Kommentare wurden unbearbeitet in dem Artikel veröffentlicht. Ich bin wirklich erstaunt ", sagte Azza Soliman, Leiterin des Zentrums für Rechtsberatung für ägyptische Frauen, gegenüber Al-Monitor. Ahmed al-Sawi, Chefredakteur von Sawt al-Azhar, meinte allerdings, dass es nicht das erste Mal sei, dass die Zeitung Fotos und Texte von unverschleierten Publizistinnen veröffentlicht habe. Die neueste Titelseite der Zeitung sei - so al-Sawi - ein klares Statement gegen die sexuelle Belästigung.

 

Am 28. August veröffentlichte Al-Azhar eine Erklärung als Reaktion auf die Kontroverse, die in Ägypten ausgelöst wurde, als eine Frau am 16. August in einem vornehmen Viertel in Kairo verbal bedrängt wurde. Die junge Frau, Mona Gebran, veröffentlichte auf Facebook ein Video von einem jungen Mann, der sie zu belästigen versuchte. Das Video machte die Runde, und einige Kommentatoren meinten, dass sie wegen ihrer unpassenden Kleidung belästigt wurde.

 

Die Aussage von Al-Azhar lautete: "Belästigung ist ein verbotenes und abartiges Verhalten, da es in Privatsphäre, Freiheit und Würde von Frauen eingreift. Die Belästigung mit der Frauenkleidung zu rechtfertigen, zeigt ein falsches Verständnis des Problems." Al-Azhar forderte auch Gesetze, die Belästigung kriminalisieren und bestrafen. Die Al-Azhar hat ihre Haltung gegenüber Belästigung gegenüber vor vier Jahren geändert, als eine Doktorandin an der Al-Azhar-Universität von ihrem Doktorvater belästigt und am Ende bestraft wurde, als sie sich beschwerte.


Die Ergebnisse einer Studie der Zentralbehörde für Erhebung und Statistik 2016 zeigten, dass 49% der Frauen in Slums Schikanen ausgesetzt waren und 36% der Frauen zwischen 15 und 17 Jahren sexuell belästigt wurden.

 

Al-Sawi wies darauf hin, dass die Rolle der Zeitung darin besteht, eine Brücke zwischen der Öffentlichkeit und Al-Azhar zu schlagen und sich stärker mit Dialogen und Diskussionen zu öffentlichen Themen zu engagieren, religiöse Meinungen zu sozialen Themen anzubieten und wichtige gesellschaftliche Themen wie Kinderehe und Gleichheit zwischen ägyptischen Bürgern verschiedener Religionen zu diskutieren. "Ich bin Journalist und werde daher als Teil der demokratischen Bürgerbewegung angesehen. Dennoch wurde ich vor anderthalb Jahren von Al-Azhar zum Chefredakteur der Zeitung gewählt. Ich habe entdeckt, dass Al-Azhar moderaten Islam einführt - eine Tatsache, die die Medien nicht hervorheben ", sagte al-Sawi gegenüber Al-Monitor.

 

Ilham Shahin, Professorin für Philosophie an der Al-Azhar-Universität, war von den Reaktionen auf die Zeitung überrascht. "Es ist nicht ungewöhnlich für Al-Azhar, eine Vielzahl von Meinungen zu diskutieren und zu veröffentlichen", sagte sie gegenüber Al-Monitor.

 

Soliman erklärte ihrerseits, dass Al-Azhar in den vergangenen drei Jahren den Forderungen zivilgesellschaftlicher Organisationen nach Dialogen zu Frauenthemen wie der Praxis der verbalen Scheidung ("Talaq") und dem Nachweis der Vaterschaft nachgekommen sei. Sie stellte jedoch fest, dass die Männer von Al-Azhar oft nicht die Meinung der Frauen darüber teilen, wie sie diese Probleme lösen könnten. "Al-Azhar sagt, sie biete einen ausgewogenen religiösen Diskurs, aber ich sehe es nicht so. Al-Azhar hält 'Talaq' aufrecht und unterscheidet zwischen Männern und Frauen in der Erbteilung, was meiner Meinung nach gegen Frauen gerichtet ist ", sagte sie.

 

Sie fügte hinzu: "Al-Azhar hat immerhin begonnen, deutlich auf sexuelle Belästigung zu reagieren, die für Frauen ein sehr beunruhigendes Problem ist. Ich glaube, dass die Institution weiterhin in Frauenangelegenheiten involviert sein und eine Tür für den Dialog mit mehr Frauenverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen öffnen sollte. Al-Azhar sollte auch einen religiösen Diskurs anbieten, der die Werte der Frauen fördert und ihre Würde nicht untergräbt."

 

Ein paar Tage nach der Stellungnahme zu Belästigungen führte Al-Azhars Grossimam Ahmed al-Tayeb Vorträge über das Thema für Männer ein, um die hohen Scheidungsraten vor allem unter Jungvermählten zu reduzieren.


Die ägyptische Parlamentarierin Margaret Azer sagte gegenüber Al-Youm Al-Sabaa, dass es ein grosser Schritt nach vorne und eine starke Antwort an die Hardliner sei, dass nun ägyptische Frauen unterschiedlicher Herkunft, Musliminnen oder Christinnen, mit und ohne Kopftuch, eine Chance haben, ihre Meinung zu äussern und ihr Foto auf der Titelseite der Zeitung zu veröffentlichen.

 

Al-Azhar wurde wiederholt beschuldigt, extremistische Positionen eingenommen zu haben, zum Beispiel, die Anhänger des Islamischen Staates nicht als Ungläubige zu klassifizieren. Kürzlich lehnte Al-Azhars Rat der Älteren Gelehrten, angeführt von Tayeb, einen Vorschlag des ägyptischen Präsidenten Abdel-Fattah al-Sisi ab, "Talaq" zu annullieren, was zu Spannungen zwischen den beiden Amtsträgern führte. Mehr als einmal hat Sisi Al-Azhar aufgefordert, ihren religiösen Diskurs zu reformieren.

 

"Al-Azhar hat sich als islamische Institution erneuert, die Extremismus und Parteilichkeit vermeidet", erklärte Shahin. "Ihre Positionen stammen aus wissenschaftlichen Studien und basieren nicht auf persönlichen oder gesellschaftlichen Reaktionen." Sawi stimmte mit Shahin überein und erklärte, dass Al-Azhar immer daran interessiert sei, ihre Pflichten gegenüber Frauen zu erfüllen. "Im vergangenen Jahr wurde die Fakultät für Leibeserziehung für Mädchen gegründet, die erste in ihrer Geschichte. Es öffnete sich auch für die Künste, indem es der Al-Azhar Universität erlaubte, ein Kunstfestival im Mai zu organisieren. Die Universität bildete einen gemischten Studentenchor - ein beispielloser Schritt. Dies beweist, dass Al-Azhar es ernst meint, sich selbst und ihre Lehrpläne neu zu erfinden."

 

Said Sadek, Professor für politische Soziologie an der Amerikanischen Universität in Kairo, glaubt, dass sich der religiöse Diskurs von Al-Azhar aufgrund der konservativen Mentalität seiner Führer nur langsam entwickelt. Er wies darauf hin, dass die patriarchalische Kultur, Bräuche und konservative Traditionen, die in der ägyptischen Gesellschaft vorherrschen, die Haltung von Al-Azhar stark beeinflusst haben. "Dies zeigte sich besonders in Al-Azhar's Beharren auf der Aufrechterhaltung von 'Talaq', obwohl viele muslimische Länder die mündliche Scheidung abgeschafft haben."

 

In einem Artikel, der im März 2017 veröffentlicht wurde, schrieb Tayeb: "Die tief verwurzelten alten Traditionen und Bräuche in den östlichen Gesellschaften haben Ungerechtigkeit und Marginalisierung für Frauen verursacht. Dies führte zu verschiedenen Problemen, wie zum Beispiel der Haltung gegenüber der Jungfernschaft oder der diskriminierenden Erbteilung." Sadek meinte abschließend: "Al-Azhar war in den letzten vier Jahren dem politischen Druck des derzeitigen Regimes ausgesetzt, das sie zu ernsthaften Schritte zur Erneuerung des religiösen Diskurses drängte. Die Institution sträubte sich, aber jetzt scheint Al-Azhar nachzugeben."

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