Amal / امل

  

Hoffentlich bald im grossen Kino: "Amal", der Film über eine Jugendliche mitten in den turbulenten Jahren seit dem ägyptischen Aufstand von 2011. Amal, so der Name der Hauptdarstellerin, heisst "Hoffnung". Hoffnung? Es geht von 2011 bis 2017 nur bergab. Hat die 14-jährige noch klar vor Augen, wofür sie einsteht, so ist die 20-jährige von einer klaren Sicht der Dinge weit entfernt. Trotzdem: Die Gesellschaft hat sich verändert, und die Protagonistin steht mit ihrem Namen für die Chancen einer besseren Gesellschaft: Amal, Hoffnung. Ein schöner Film.

 

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Der erste Eindruck: ein Spielfilm, der raffiniert mit Dokumentaraufnahmen spielt, um authentisch zu wirken. Mit der Zeit verdichtet sich aber die Gewissheit: Das IST ein Dokumentarfilm, der spannender ist als jede Fiktion. Die Hauptdarstellerin Amal ist keine Schauspielerin, sie heisst im wirklichen Leben Amal Gamal und spielt sich selbst. Auch die Rückblenden in das Leben des Babys und des Kindes Amal: alles echte Aufnahmen. 

 

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Sechs Jahre lang hat der Regisseur Mohamed Siam die junge Frau begleitet, teils einfach die Kamera hingehalten, teils die Szenen arrangiert, und das Ganze dann zu einem Coming-of-Age-Film - ihrer wirklichen Geschichte - verdichtet. Mohamed Siam im Interview: "Wir versuchten alles so zu zeigen, wie wenn wir in Amals Kopf wären. Wie fühlt es sich an, den ganzen arabischen Frühling und seine langen Nachwehen durch die zwei Augen eines Kindes zu sehen, das aufwächst und zur Frau wird?"

 

Amal ist ein aufgewecktes Mädchen aus dem Mittelstand. Ihr Vater ist noch vor dem Aufstand von 2011 gestorben, hat ihr aber einen Rat mit auf den Weg gegeben: "Eines Tages wird es in Ägypten eine Revolution geben. Tu was du willst, hab keine Angst." Die Mutter ist Richterin und damit - gewollt oder ungewollt - Teil des Mubarak-Regimes.

 

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Die Jahre - 2011 bis 2017 - werden mit den Startnummern auf der Tartanbahn angekündigt, auf der die 18-jährige Amal trainiert. 2011 ist das Jahr des Aufstands, den das 14-jährige Mädchen fasziniert miterlebt und dabei Opfer der Polizei wird. 2012 ist das Jahr der Wahl zwischen dem Armeegeneral Shafiq und dem Islamisten Mursi. Amal ist nun voll dabei mit den "Ultras", einer grossen und männerdominierten Bewegung von Fussballfans, die das Regime stürzen wollen. Ihr Freund geht gegen ihren Rat an den Match in Port Said und kehrt "in einem weissen Sarg" zurück, wie Amal bitter bemerkt. Es geht um das Massaker von Port Said, (s. Blog von 2013 Fussball und Politik). Packend ist eine Szene, wo Amal mit ihrer Mutter, einer Richterin, die auf Seiten des Regimes stand, hart ins Gericht geht. 2013 ist das Jahr des Militärputsches. Amal ist kaum mehr auf der Strasse anzutreffen, viele ihrer Mitstreiter sitzen im Gefängnis, einige haben sich ins Ausland abgesetzt. Ab 2014 ist das Land "beruhigt", nichts bewegt sich mehr, die Hoffnung schwindet. Amal - inzwischen 17 Jahre alt - ist mal Modepüppchen mit Lippenstift und Gloss, mal Kopftuchträgerin, und sie streitet sich mit ihrem neuen Freund, einem typischen ägyptischen Macho. In den nächsten Jahren wird die Frage der Berufswahl aktuell. Reichen die Noten für ein Pharmaziestudium? Oder "nur" für Jus? Immer wieder verwandelt sich die Hauptperson, immer auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt der Erwachsenen. Die Schluss-Szene schliesslich zeigt die 20 Jahre alte Amal 2017: ein versöhnlicher und allem zum Trotz hoffnungsvoller Schluss. 

 

Diese Geschichte, "die das Leben schrieb", zeigt den Wandel der Protagonistin auf verschiedenen Ebenen. Einmal die äussere Erscheinung: Zuerst ein Backfisch und "Möchte-gern-Junge", dann mit Kopftuch, dann wie aus dem Modeheft ausgeschnitten, und schliesslich mit modernem Kurzhaarschnitt. Dann die Auseinandersetzung mit ihrer Rolle als Frau: Bei den "Ultras" muss sie sich mit besonders burschikosem Auftreten ihren Platz erkämpfen, wobei sie sich fragt, ob sie glücklich wäre, wenn man sie tatsächlich für einen Jungen halten würde. Sie vergöttert ihren früh verstorbenen Vater und hat für ihre Mutter nur harte Worte, weil diese für das alte Regime einstand. Und politisch: Am Anfang wird sie von der Polizei schwer misshandelt, deshalb kann sie ihrer Mutter nicht verzeihen, dass sie einem solchen Regime gedient hat. Später aber fragt sie sich, ob sie nicht selber einmal bei der Polizei arbeiten sollte, um das System "von innen" zu reformieren. 

 

Faszinierend dabei ist, dass die chaotische Entwicklung Amals einher geht mit den nicht weniger chaotischen Ereignissen eines Landes im Aufruhr. Inzwischen liegt über dem Land eine bleierne Schwere, die Zukunft Ägyptens ist genau so ungewiss wie die Zukunft Amals. Aber nichts ist mehr so, wie es vor dem Aufstand war. Amal hat sich entwickelt, sie ist erwachsen geworden. Und mit ihr viele andere Menschen. Auch wenn das "System" wieder aufs alte Gleis zurückgekehrt ist, die Gesellschaft ist einen winzigen Schritt vorwärtsgekommen.

 

"Amal" beim Filmverleih Trigon

 

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