Reise nach Jerusalem

 

Stefan Hertmans' Roman "Die Fremde" führt uns auf die Spur einer jungen Frau aus Frankreich, die vor fast 1000 Jahren in der Zeit des ersten Kreuzzugs auf der Suche nach ihren verschleppten Kindern ist. Diese glaubt sie in Jerusalem. Sie kommt aber nur bis Kairo und zerbricht an der Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens. Ein packender historischer Roman.

 

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Stefan Hertmans: Die Fremde. Hanser Berlin 2017, 304 Seiten, 23 Euro.

Auch als e-Book erhältlich.

 

(Originalausgabe Niederländisch)

 

Stefan Hertmans (geboren 31. März 1951 in Gent) ist ein belgischer Autor niederländischer Sprache.

 

Es ist das Jahr 1095. In Clermont-Ferrand, Südfrankreich, ruft Papst Urban II. zum "Heiligen Krieg" gegen die Sarazenen auf, zum ersten Kreuzzug, der Jerusalem wieder unter christliche Herrschaft bringen soll. Die anwesende Menge ist fanatisiert und ruft bis zur Ekstase: "Deus lo volt! Deus lo volt! Deus lo volt!" Gott will es. 

 

Die Heldin des Romans "Die Fremde" weiss von all dem nur gerüchteweise. Sie ist eine junge normannische Frau mit blonden Haaren und blauen Augen, die sich im nordfranzösischen Rouen in einen jüdischen Jüngling verliebt, Sohn des Oberrabbiners von Narbonne. Eine Beziehung mit einem Juden - undenkbar! Die Stimmung im Jahr 1091 ist gespannt, der Vorwurf des Glaubensabfalls und damit der Scheiterhaufen kommen unerbittlich. Die beiden jungen Liebenden beschliessen zu fliehen, nach Narbonne. Aber auch dort ist die Lage unsicher, sie müssen weiter in das Bergdorf Monieux am Fuss des Mont Ventoux, das eine grosse jüdische Gemeinde hat. Inzwischen ist das "Deus lo volt!" im ganzen Land erschallt, und Horden von Rittern und Fussvolk ziehen marodierend durch Frankreich Richtung Osten. Wer sich ihrem "Glaubenseifer" widersetzt und nicht die letzten Vorräte hergibt, wird niedergemacht. So kommt es auch in Monieux zum Pogrom. Der Mann der Romanheldin ist bald erschlagen und mit ihm ein grosser Teil der jüdischen Gemeinde. Die beiden Kinder des Paars sind verschwunden, vielleicht nach Jerusalem entführt, niemand weiss es. "Deus lo volt!"

 

Die Witwe macht sich auf die Suche nach ihren Kindern. Der Weg wird sie bis zur Ben-Esra-Synagoge in Kairo führen, die noch heute steht. Aber auch dort wird sie weder ihre Kinder noch eine neue Heimat finden.

 

Tausend Jahre europäische Geschichte überbrückt der belgische Schriftsteller Stefan Hertmans mit seinem Roman "Die Fremde". Es geht um das Leben auf der Flucht: Für die Protagonistin ist die Flucht nie zu Ende, sie wird nie ankommen. Auf ihrem langen und ergreifenden Leidensweg begleitet sie der Schriftsteller fast 1000 Jahre später. Als "Karte" dient ihm unter anderem ein Schriftstück aus dem Jahre 1096, das Jahrhunderte lang in der Ben-Esra-Synagoge in Alt-Kairo lag. Es ist ein von einem Rabbiner verfasster Schutzbrief für eine junge Konvertitin, die wegen der Liebe zum jüdischen Glauben übergetreten ist. Und als "Wegmarken" dienen ihm Orte, Landschaften, durch die das Paar und danach die Witwe gezogen sein könnten. Die Reise wird den Autor bis nach Kairo führen, zur Synagoge im koptischen Viertel.

 

Stefan Hertmans ist eher zufällig auf den Stoff gekommen. Ein historischer Fachartikel hat ihn darauf gebracht, dass in seinem Lieblingsort in Südfrankreich, Monieux, vor 1000 Jahren ein Pogrom stattgefunden hat und dass es dazu historische Dokumente gibt. Die damalige Stimmung verstehen und zu einer glaubwürdigen Geschichte verdichten, das war sein Ziel. Der Erzähler folgt zuerst den den Spuren das Paars durch Frankreich und dann jenen der Witwe über Marseille, Palermo und Alexandria nach Kairo. Bei der Reise durch Frankreich wird spürbar, wie nahe und vertraut Land und Leute dem Autor sind. Etwas blasser wirken die Passagen in der arabischen Welt. Ägypten ist unter der Herrschaft der Fatimiden-Dynastie, eine Zeit der Blüte und relativen Toleranz, was den jüdischen Gemeinden Entfaltungsmöglichkeiten bringt. Die islamische Welt ist aber gespalten, was die Kreuzfahrer zu ihren Gunsten ausnützen. Diese Atmosphäre ist verständlicherweise im Roman weniger zu spüren.

 

Der Erzähler rekonstruiert sorgfältig und überzeugend die Welt des 11. Jahrhunderts: eine chaotische Übergangsphase, in der religiöse Intoleranz, Aberglauben und Machtstreben zu brutalsten Exzessen führen. Diese Zeit ist der Hintergrund, vor dem sich das alltägliche Leben und das Leiden der Romanfiguren abspielen. Eine rührende Geschichte über das Fremdsein und damit ein aktuelles Motiv.

 

 

 

 

 

 

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