Geliehene Identitäten

 

Zwischen dem Aufstand in Ägypten 2011, der sich nun zum achten Mal jährt, und den Unruhen von 1919 gegen England, die zur Unabhängigkeit Ägyptens führten, liegt eine andere ereignisreiche Epoche: der Putsch der Offiziere gegen den ägyptischem König Faruk 1952 unter Gamal Abdel Nasser. In dieser Ära spielt der Roman von Waguih Ghali "Snooker in Kairo". Der Held stammt aus der Oberschicht und träumt von einer besseren Gesellschaft, aber bringt nicht einmal sein eigenes Leben auf die Reihe. Ein Roman voller Humor, durchzogen von einer leisen Trauer. 

 

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"Snooker in Kairo" ist Waguih Ghalis einziger Roman geblieben. Es ist 1964 in England auf Englisch erschienen und liegt seit einigen Monaten in deutscher Übersetzung vor.

 

Ram, der Ich-Erzähler, ist der verarmte Spross einer reichen und mächtigen koptischen Familie. Sein Vater hat das ganze Vermögen an der Börse verloren, und nun steht seine Mutter fast ohne Mittel da, und Ram ist der Verwandtschaft ausgeliefert, vor allem seiner Tante. Diese versorgt Ram und seine Mutter mit Geld, lässt auch ihre Beziehungen spielen, um Ram einen Studienplatz zu verschaffen, sie lässt ihn aber auch spüren, dass er ein Almosenempfänger ist. Ram hasst seine Abhängigkeit, er hasst die Überheblichkeit seiner Tante, aber ihr Geld nimmt er trotzdem, und von ihrem Einfluss profitiert er gerne, und dafür hasst er sich letztlich selbst. So treibt er durchs Leben, mischt bei den studentischen Protesten mit, trinkt Bier und Whisky, spielt Snooker und verbringt seine Zeit mit seiner Freundin Edna und anderen Frauen.

 

Ram durchschaut die Ungerechtigkeit und Scheinheiligkeit seiner Familie und auch der neu entstehenden Offiziersklasse unter Nasser, aber wer ist er, dass er daran etwas ändern könnte? Er ist "kein Ägypter", wie ihm seine Freundin einmal vorwirft, denn er hat nie Kontakt gehabt mit dem einfachen Volk und ist auch wenig zu Hause in der arabischen Sprache. Seine Welt ist die Oberschicht, die vorwiegend Französisch und Englisch spricht, aber zu dieser gehört er wegen des finanziellen Abstiegs auch nicht richtig. Er bewundert die Kultur der Engländer, die Ägypten kolonisiert hatten und 1956 in der Suez-Krise zusammen mit Frankreich und Israel gegen Ägypten Krieg führten. Zudem fühlt er bei einem Aufenthalt in England, dass er trotz seiner Bildung in den Augen vieler eben doch ein "Kanake" ist. Und schliesslich liebt er eine ägyptische Jüdin, die - vor allem während der Suez-Krise - emotional zwischen ihren beiden Identitäten hin- und hergerissen wird. 

 

Alle diese Identitäten bringt Ram nicht zueinander, sie bleiben ihm äusserlich. Geliehene Identitäten. Wirklich echt an ihm sind nur die Intelligenz, der Humor und die resignierende Sehnsucht nach menschlicher Nähe. So ist und bleibt Ram ein sympathischer Possenreisser.

 

Ram spielt täglich Snooker, eine sehr britische Variante von Billard. Er spielt aber auch im täglichen Leben und kann sich nicht durchringen, wirklich ernsthaft für etwas einzustehen. So ist sein politisches Engagement sprunghaft, das Studium lässt er schleifen, eine Arbeit sucht er nicht, und auch in der Liebe kämpft er nicht um seine Freundin Edna, sondern inszeniert einen grossartigen verlobungsähnlichen Auftritt mit einer anderen Freundin, um diese dann auch stehen zu lassen und sich wieder dem Snooker zuzuwenden.

 

Interessant ist auch die weibliche Hauptfigur Edna. Sie stammt aus einer sehr wohlhabenden jüdischen Familie in Kairo. Im Gegensatz zu Ram kennt sie das dörfliche Ägypten, da sie schon einige Male bei Fellachen (Bauern) ihre Ferien verbracht hatte. Sie arbeitet geheim und mit grosser Überzeugung für die Kommunistische Partei. Auch wenn sie selber zur Oberklasse gehört, ist für sie der Klassenkampf eine plausible Antwort auf die Spannungen zwischen Israel und Ägypten und den zunehmenden Druck auf die ägyptischen Juden. Aber auch sie bezieht ihre Identität stärker aus der westlichen Kultur als aus der ägyptischen. Sie erinnert ein wenig an Rosa Luxemburg: Rosa Luxemburg stammte aus einer wohlhabenden jüdisch-polnischen Familie und hat weder ihre polnischen noch ihre jüdischen Wurzeln besonders gepflegt. Ihr Fokus lag auf Westeuropa, wo zum Beispiel an einigen Universitäten die Frauen studieren durften. Aus politischen Gründen ist sie wie Edna eine Zweckheirat eingegangen. Der entscheidende Unterschied zu Edna ist aber wohl, dass Rosa längst nicht so isoliert war und deshalb eine viel grössere Wirkung entfalten konnte als ihre ägyptische Leidensgenossin Edna: Ihre Familie war - anders als die von Edna - liberal und aufgeklärt, und in Deutschland fand sie eine starke Arbeiterbewegung, deren Führer die Ideen und das rhetorische Talent der jungen Intellektuellen sehr zu schätzen wussten. 

 

Der Roman ist streckenweise umwerfend komisch, gleichzeitig schwingt die Verzweiflung als Unterton ständig mit. 

 

Waguih Ghali wurde 1928 in Ägypten geboren. Wer seinen einzigen Roman mit seiner Biographie vergleicht, sieht den engen Zusammenhang. Ghali wurde in eine wohlhabende koptische Familie hineingeboren. Da er sich immer stärker kommunistischen Ideen angenähert hatte, die für Nasser von Weggefährten zu Feinden wurden, musste er Ägypten 1958 verlassen. Er reiste nach London und nach Ablauf des Passes nach Deutschland, wo er neben der Arbeit in einer Fabrik "Snooker in Kairo" schrieb. Er begann einen zweiten Roman, vollendete diesen jedoch nicht. 1966 ging er nach London zurück. 1969 beging er in der Wohnung seiner Lektorin und Freundin Selbstmord.

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