Ägypten durch Maleraugen

   

Die Gemälde und Radierungen von Wilhelm Gentz zu Ägypten waren im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Renner. Forschende, Dichter, Maler, Abenteurer reisten damals dank Zug und Dampfschiff in den Orient und brachten diese Welt vor ein interessiertes Publikum in Europa. Kein Medium ist so unmittelbar wie die Malerei, deshalb die Popularität von Wilhelm Gentz. Die dahinterstehende romantisch-orientalistische Sicht liefert Gentz gleich dazu: "Briefe aus Ägypten und Nubien".

 

wilhelmgentz

 

Karl Wilhelm Gentz (1822 - 1890)

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Schon im 19. Jahrhundert gab es beinahe einen Massentourismus nach Ägypten. Ob als Forschungsreisender wie Scheich Ibrahim (Blog: Scheich Ibrahim) oder als adliger Abenteurer wie Fürst Pückler (Blog: Fürst Pückler in Ägypten) oder als reine Kopfreise wie bei Karl May (Blog: Karl May beim Mahdi) - Ägypten war ein Sehnsuchtsort für unzählige Menschen.

 

Einer von ihnen war der Maler Karl Wilhelm Gentz. Seine Gemälde aus Ägypten sind berühmt. Weniger bekannt sind seine Schriften. Auf seinen Reisebericht Briefe aus Ägypten und Nubien bin ich durch einen anderen Reisebericht aufmerksam geworden: Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dort beschreibt er auf vielen Seiten das Leben des Malers Gentz. Das tönt in Fontanes ausuferndem Stil so: 

 

Wilhelm Gentz, der ältere Sohn Christian Friedrich Gentz’, wurde den 9. Dezember 1822 zu Neu-Ruppin geboren. Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, das damals unter Leitung Direktor Starkes, eines ausgezeichneten Griechen- und Aristoteles-Kenners, eine Glanzepoche hatte, wenigstens nach der höheren wissenschaftlichen Seite hin. Die Verwaltung freilich war schwach und wog die sonstigen Vorzüge fast wieder auf. W. Gentz absolvierte, trotz schon früh erwachter künstlerischer Neigung, sein Abiturientenexamen Ostern 1843. In autobiografischen Aufzeichnungen, die mir vorliegen, hat er, wie über anderes, so auch über seine Kinder- und Knabenjahre, die Gymnasialzeit mit eingerechnet, in der ihm eigenen Weise berichtet.

 

Gehen wir im Telegrammstil weiter: Studium der Malerei in Berlin, Antwerpen, London, Paris. Reisen nach Spanien und Marokko. 1850 Reise über Marseille und Malta nach Ägypten. 1852 wieder in Berlin, wo er auf der Grundlage unzähliger Entwürfe einige grosse Gemälde schafft, damit grosse Popularität erlangt und für weitere Reisen in den Orient ausgestattet wird. Gentz starb 1890 im Alter von 67 Jahren in Berlin. 

 

Berühmte Bilder und Radierungen von Gentz

(alle Bilder von Wikicommons)

 

jerome-1Porträt von Jerome

ziegenhirtin-1

Ägyptische Ziegenhirtin

 

 

haremsdamen

So sollen sich die Leserinnen der "Gartenlaube" das Leben der Haremsdamen vorstellen

 

schlangenbeschwoerer

Schlangenbeschwörer, gemalt 1872

 

prinzfriedrich

Einzug von Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preussen in Jerusalem 1869, gemalt 1876 

 

Reisen Mitte 19. Jahrhundert

 

Am 5. März 1850 reist Gentz in Paris los, am 8. März ist er bereits in Marseille. Die Rekordgeschwindigkeit verdankt er der Eisenbahn. Es gab damals noch kein durchgehendes Schienennetz, daher musste Gentz verschiedene Reisemittel kombinieren. Zuerst fährt er mit der Eisenbahn bis Chalons, danach mit dem ebenfalls modernen Transportmittel Dampfschiff weiter nach Lyon, dann weiter nach Avignon. Von dort im Zug schliesslich nach Marseille. Die vier Tagesreisen nutzt Gentz zu Betrachtungen über die vorbeiziehenden Landschaften und Abends zum Besuch von Museen und Galerien, alles etwas hektisch, wie er findet.

 

Gentz am 10. März 1850: Heute gegen Abend schiffe ich mich mit dem englischen Post-Packet-Dampfschiffe ( le Merlin ) ein, dessen Commandeur der Schiffslieutenant Turner ist. Später beschreibt er von Kairo aus das Leben an Bord: Die Tafel ist auf dem Regierungsdampfschiffe ausgezeichnet; an Wein wird nur Xeres und Porter servirt. Es waren nur wenig Passagiere auf dem Schiffe : nur Engländer, die alle nach Ostindien gingen, um dort in der Armee ihre Carrière als Offiziere zu machen.

 

Nach acht Tagen ist Alexandria erreicht, und Gentz kann an Land gehen. Sein erster Eindruck vom Orient: Interessant war es, vor der nicht unbedeutenden Kriegsflotte vorbeizupassiren, wo aus den Luken der Schiffe und über die Kanonen hinweg die wilden, halbcivilisirten Gesichter der Seesoldaten hervorguckten. Angelangt an Ort und Stelle, war ich mir ganz selbst überlassen. Man riss sich um meine Bagage, wollte das Geld, und zwar dreidoppelt, voraus, schrie und wirthschaftete, dass ich mit dem Stocke dazwischenfahren musste. Dazu konnte ich kein Wort verstehen. Man trug die Sachen zur Douane, wo ich sie endlich auf einen Esel packte, und dann grad' aus in die Stadt ging, um ein europäisches Hôtel zu suchen. Gentz ist nicht der einzige europäische Mann, für den der Sklavenmarkt ein "Muss" ist: Ich war heute auf dem Sklavenmarkt, wo ich etwa zehn ganz junge Abyssinierinnen von 9 bis 12 Jahren fast ganz nackt zum Verkauf ausgestellt sah; d.h. im Basar, nicht im Freien. Ich habe zu meinem Drogmann (Übersetzer) gesagt, dass ich mir eine kaufen wolle, und dass er mich deshalb zu allen Sklavenhändlern der Stadt zu führen habe; dadurch habe ich Gelegenheit gefunden, in die Häuser zu dringen und diese armen Geschöpfe in ihren elenden Löchern zu sehen. Auch sonst ist Gentz oft unterwegs und lernt die Bevölkerung mit einer Mischung von Herablassung und Anerkennung kennen: ...bin ich viel in den Dörfern um die Stadt herumgegangen und geritten, habe auch manchmal Steine, und Hunderte von Hunden hinter mir gehabt; doch dies nur in den schlechteren Tribus. Von dem größeren Theile der Bewohner kann ich indeß nur Lobenswertes berichten : sie sind sanft, insultiren (beschimpfen) nicht und haben großen Respekt vor den Europäern. 

 

Nach einer Woche geht es weiter nach Kairo, wo Gentz am 26. März eintrifft. Nach Cairo bin ich mit dem kleinen Dampfschiffe gegangen. Das Wasser fängt schon an, seicht zu werden. Die Preise sind sehr teuer. Bis in den Nil geht die Fahrt auf dem berühmten Kanal, den Mehemet Ali in 6 Monaten durch 60,000 Menschen hat bauen lassen, von denen die Hälfte gestorben sein soll. Gemeint ist noch nicht der Suez-Kanal, eine weitere menschliche Tragödie. Den Blick auf Kairo vom Schiff aus sieht der Maler so: Nach der erquickenden Nacht – ein schöner Tag. Gegen acht Uhr bekamen wir die Wüste zu sehen, ein wenig später darin die Pyramiden, das einzige der sieben Wunder, das die Zeiten überlebt hat und überleben wird. – Endlich gegen Mittag lag das große Cairo vor uns, ein Panorama, das seines gleichen sucht, – mit den hohen Minarets, im Hintergrunde gekrönt durch die auf einen Bergen gelegene riesig hohe Zitadelle, mit der Moschee, wo der große Mehemet Ali begraben liegt.

 

So geht die Reise weiter, mit unzähligen Beschreibungen des geübten Malerauges. 

 

Okzident trifft Orient

 

Wilhelm Gentz war ein Kind seiner Zeit, und in Künstlerkreisen war die Vorstellung der grossen Korrespondenzen im Schwange. Im Orient liegt die Wiege der Menschheit, die der Okzident zu seiner eigenen Regeneration aufnehmen soll. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei der Dichter, der Maler und überhaupt der Künstler. Das romantische Denken von Gentz findet sich bereits in den ersten Zeilen und zieht sich danach durch das ganze Buch.   

 

Der Dichter lässt den nordischen Fichtenbaum unter der kalten monotonen Schnee- und Eisdecke von der Palme im fernen Morgenland träumen, die auf brennender Felswand in heißer Sehnsucht um den fernen Geliebten sich verzehrt. Wer kann die Wahrheit dieser sinnigen Allegorie verkennen, wenn man auch nur der Jugendphantasieen gedenkt, die uns bei der Bibel, bei Tausend und eine Nacht über Land und Meer in die wunderbare mährchenartige Welt des Orients hinübertrugen, die trotz aller Fremdartigkeit uns anheimelt, als grüßten wir wieder die Gefilde der Heimath, welche mit ihrem Zauber unser stilles Sinnen umzieht. In dieser sehnsüchtigen Empfindung für die Länder des Aufgangs, aus denen die lichten Kindheitsträume von der Menschheit Wiege in unser kymmerisches Leben hinüberklingen, spiegeln wir nur jene große weltgeschichtliche Richtung und Beziehung der europäischen Menschheit auf den Orient in uns selbst wieder ab, die ein rother Faden durch die ganze Geschichte unserer Civilisation hindurchläuft.

 

Die nächste Ferienlektüre? Ich kann sie empfehlen. 

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