Soll sie ledig bleiben

   

"Kein Mann hier in Ägypten liebt seine Frau, mein Freund!" sagte mir einmal ein Ägypter und liess lachend seine Hand auf meine Schulter krachen. Natürlich war das eine Übertreibung. Aber der Kern ist so richtig wie alarmierend: Eine Ehe setzt eine Wohnung voraus, Möbel zum Einrichten, einen Job, eine Aussteuer, ein rauschendes Hochzeitsfest. Falls all diese Bedingungen erfüllt sind - und erst dann! -, stellt sich die Frage: Wie ist es mit der Liebe? Nichts weckt in Ägypten so viele Emotionen wie der Themenkreis Beziehung/Ehe/Sex. Und keine Zeitschrift berichtet so interessant über gesellschaftspolitische Themen wie Al-Monitor, eine nahöstliche Online-Zeitung, von der hier bereits die Rede war. Hier in meiner Übersetzung ein Artikel unter dem Titel "'No money, no marriage' sparks dueling social media campaigns" von N.A. Hussein (4. März 2019).

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'Kein Geld, keine Hochzeit' befeuert gegensätzliche Kampagnen in den sozialen Medien

 

KAIRO - Eine ägyptische Kampagne, die einen Boykott der Ehe fordert, bis die Familien künftiger Bräute ihre finanziellen Erwartungen an angehende Schwiegersöhne senken: Der Dar Al-Ifta (Fatwa-Rat), die oberste religiöse Autorität Ägyptens, hat heftig darauf reagiert, und auch viele junge Frauen.

 

Die auf Facebook gestartete Online-Kampagne Soll sie ledig bleiben ruft junge Menschen, vor allem Männer, dazu auf, die Ehe zu boykottieren, anstatt sich darum zu bemühen, die finanziellen Anforderungen von Braut-Familien zu erfüllen, bevor sie der Heirat ihrer Töchter zustimmen. Eine typische Nachfrage könnte ein komplett eingerichtetes Haus, Schmuck für die Braut und Familie und eine grosse Hochzeit sein. Die Kampagne, deren Logo eine Braut, einen Bräutigam und einen durchgekreuzten roten Kreis darstellt, startete Anfang Januar auf Facebook. Ihre Popularität erregte die Aufmerksamkeit der lokalen Medien.

 

Viele der Online-Postings meinen: Wenn Schmuck und eine grosse Hochzeit erforderlich sind, um zu heiraten, dann ist es für junge Frauen am besten, stattdessen zu Hause zu bleiben und sich auf ein Single-Leben einzustellen. Anhänger teilen Cartoons oder Bilder von alten Jungfern zusammen mit Anekdoten darüber, dass sie die gewünschte Frau nicht heiraten konnten, weil die Forderungen der Familie einfach zu hoch waren.

 

Ein junger Mann in den Zwanzigern, der seine Erfahrung auf der Facebook-Seite der Kampagne veröffentlichte und um Anonymität bat, sagte Al-Monitor, dass seine erste Beziehung vor zwei Jahren endete, weil die Familie seiner Freundin ein Haus in einer wohlhabenden Nachbarschaft, eine grosse Mitgift, einen teuren Ehering, anforderte und eine Hochzeitsfeier in einem Luxushotel. Die Gesamtkosten wären 1,5 Millionen ägyptische Pfund (75’000 Euro) gewesen.

 

Obwohl der junge Mann ein Monatsgehalt von 8.000 Pfund (400 Euro) verdiente, was über den meisten anderen liegt, konnte er nicht alle Anforderungen während der zweijährigen Verlobung erfüllen. Ich rechnete aus, dass ich mehr als 200 Monate gut drei Viertel meines Einkommens einsparen musste, um ihre Forderungen zu erfüllen, sagte er Al-Monitor.

 

Ägyptische Frauen, die glauben, dass die Anti-Ehe-Kampagne Frauen und ihre Familien als Geldraffer darstellt, starteten schnell eine eigene Kampagne mit dem Hashtag #stayinyourmother'slap (bleib doch im Schoss deiner Mutter). Seit seinem Start am 28. Januar haben mehrere Gruppen und Einzelpersonen hinter verschiedenen Facebook-Seiten den Hashtag mit dem gemeinsamen Ziel angenommen, der Behauptung zu widersprechen, dass Männer den finanziellen Belastungen der Ehe allein ausgesetzt sind. Viele Beiträge stellen fest, dass auch die Familien der Bräute die Kosten tragen.

 

Hebba Abdel Aziz, Mitbegründerin einer Kampagne, sagte gegenüber Al-Monitor, dass Soll sie ledig bleiben die Eltern der meisten Mädchen als materialistisch darstellt, aber eigentlich sind es nur ungebildete Familien, die durch die Heirat ihrer Töchter materielle Gewinne erzielen wollen. Gut ausgebildete Familien, die sich für die Zukunft ihrer Töchter interessieren, binden die Ehe nicht an Geld, zumal die Eltern der Mädchen traditionell die Hälfte der Kosten für die Hochzeit tragen.

 

Mohamed el-Masri, Mitbegründer von Soll sie ledig bleiben, erzählte Al-Monitor seine Version der Geschichte. Unsere Kampagne hat nicht das Ziel, Frauen zu beleidigen, erklärte er. Wir stellen auch nicht nur die Mädchen als alte Jungfern dar. Das Ledigsein ist eine Beschreibung, die für Männer und Frauen gilt. Viele Mädchen, denen die Ehe wegen übertriebener Forderungen ihrer Eltern verweigert wurde, unterstützen uns. 

 

Inzwischen hat Dar Al-Ifta Soll sie ledig bleiben verurteilt und erklärt: es verstösst gegen das islamische Gesetz, selbst wenn die Initianten guten Absichten hätten. In einem Bericht, der am 14. Februar auf ihrer Fatwa-Website veröffentlicht wurde, forderte die Behörde die Ägypter auf, sich der Kampagne nicht anzuschliessen, weil die Abneigung gegen die Ehe Jugendliche zu ausserehelichen Beziehungen ermuntern könnte, was der Scharia zuwiderläuft.

 

Dar al-Ifta wies auch auf die Notwendigkeit hin, soziale und finanzielle Hindernisse für die Ehe zu beseitigen. Er forderte die Familien auf, ihre Mitgift-Ansprüche zu senken, und junge Menschen ermunterte es, von Kreditprogrammen für Brautpaare zu profitieren.

 

Auf die Fatwa des Dar al-Ifta antwortete Masri: Wir glauben auch, dass die Ehe Gottes Wille ist. Wir rufen dazu auf, die harten Bedingungen für die Eheschliessung zu beenden. Wir fordern einen vorübergehenden Boykott, keinen unbefristeten. 

 

Einige Aktivisten, darunter Ahmed Hijazi, glauben, dass die Kampagne wahrscheinlich nichts erreichen wird. Diese jungen Männer sind nicht nur frustriert, sondern auch unreif, sagte er Al-Monitor und behauptete ausserdem, dass sie vor allem schöne und reiche Mädchen jenseits ihrer wirtschaftlichen Klasse jagten, die für sie unerreichbar waren. Viele Männer seien unbedarft in der Wahl ihrer möglichen Partnerinnen.

 

Siham Afifi, Professorin für Soziologie an der Universität Menufia im Ruhestand, erläuterte das Problem der finanziellen Forderungen in Bezug auf vererbte Traditionen. Die Tatsache, dass diese Traditionen heute noch eingehalten werden, spiegelt die starke Dominanz der älteren Generationen auf familiärer Ebene wider, erzählte sie Al-Monitor. Nach Afifi beugen sich die jüngeren Generationen, männlich und weiblich, häufig deren Ansprüchen.

 

Afifi sagte, sie hoffe, dass die Kampagnen in den sozialen Medien ein Bewusstsein schaffen und junge Ägypter, insbesondere Frauen, dazu befähigen werden, grössere Freiheit bei der persönlichen Entscheidung über die Ehe und in anderen Bereichen ihres Lebens zu fordern. Sie forderte die Familien auf, ihren Beitrag auf Ratschläge und Anleitung zu beschränken und die endgültigen Entscheidungen ihren Kindern zu überlassen.

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