Ramadan+Sufi+Yoga

    

Ramadan in Ägypten: Alle denken nur an die abendlichen Gelage, die Fernsehserien, das fröhliche Zusammensein, nicht an Besinnung und Spiritualität. Alle? Nein. Eine wachsende Gruppe von Unentwegten nimmt den Ramadan zum Anlass, wirklich Einkehr zu halten und damit dem Zweck des Ramadan nachzuleben.

 

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Jedes Jahr ist der Ramadan etwas früher, da der islamische Kalender ein Mondkalender ist und das Jahr damit gut 10 Tage kürzer als der übliche Sonnenkalender mit den 365,25 Tagen. Noch vor wenigen Jahren war es im Ramadan unerträglich heiss, die Tage endlos lang, nun folgen die Jahre mit einem frühen Ramadan mit kühlen Temperaturen und kürzeren Tagen. 32 Jahre dauert es, bis der Ramadan alle Jahreszeiten durchlaufen hat.

 

Was immer gleich ist: Die Preise für Fleisch und andere Esswaren schnellen in die Höhe, die Zeiger der Waagen schlagen nach oben aus, die Menschen sitzen viel mehr vor dem Fernseher, die Streitereien im Strassenverkehr häufen sich. Den Tag verbringen die Menschen im Energiesparmodus - auch am Arbeitsplatz -, und nach Sonnenuntergang leben sie auf und holen doppelt nach, was sie tagsüber an Essen und Trinken vermisst haben. Der Ramadan ist damit nicht der Monat der Einkehr, der Besinnung, sondern eher eine Pflichtübung, die man sich mit Ausblick auf den schönen Abend auferlegt.

 

Aber ganz so ist es nicht. Ich treffe immer wieder Menschen an, die den Ramadan als Anlass zur inneren Reinigung nehmen. Diesen Menschen ist ein Artikel in "Egyptian Streets" gewidmet, der am 16. Mai 2019 ein Porträt des "Mudra Yoga Studio" in Kairo veröffentlicht hat. Immer mehr Menschen - so der Artikel - besinnen sich auf den eigentlichen Zweck des Ramadan und stützen sich dabei auch auf die islamische Mystik - den Sufismus - und indische Traditionen. Die Übersetzung des Artikels "Practicing Sufi Chanting as a Form of Meditation During Ramadan" ist von mir.

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Sufi-Gesänge als Form der Meditation während des Ramadan

 

Der Ramadan ist eine Zeit der Besinnung für Muslime, und das Tempo des Lebens verlangsamt sich in islamischen Ländern wie Ägypten erheblich. Als die erste Woche des Ramadan zu Ende ging, machte "Egyptian Streets" einen kurzen Besuch im Mudra-Studio, das zurückgezogen über den belebten Strassen von Zamalek schwebt, um herauszufinden, wie der Unterricht an den heiligen Monat angepasst ist und warum bestimmte Praktiken wie Meditation und Sufi-Gesänge derzeit besonders gefragt sind.

 

„Natürlich ändere ich im Ramadan meinen Unterrichtsstil. Vor allem vor dem Iftar (Fastenbrechen) ist der Rhythmus in der Regel etwas langsamer. Ich konzentriere mich auf bestimmte Körperhaltungen, die den Fastenden helfen, ihren Körper zu entgiften“, sagt Yogalehrerin Rasha, die eine spezielle Detox-Klasse unterrichtet.

 

Während Yoga für die Kernklientel der Yogastudios in der ganzen Stadt ohnehin eine beliebte Wahl ist, vor allem angesichts der Tatsache, dass die zugrunde liegenden Ideen von Achtsamkeit und Dankbarkeit mit denen des Fastenmonats Hand in Hand gehen, stehen jetzt einige zusätzliche Meditationspraktiken und Sufi-Gesangskurse auf dem Monatsprogramm, die mehr Menschen motivieren sollen, ruhiger zu werden und nachzudenken.

 

Der Fokus dieses Monats ist bewusst auf Entgiftung und Meditation ausgerichtet - insbesondere auf spirituelle Meditation - mit einer Reihe von zusätzlichen Kursen, die normalerweise nur einmal im Monat angeboten und während des Ramadan ausgebaut werden. Dazu gehören Meditationskurse verschiedener Art sowie ein Sufi-Gesangsunterricht in Zusammenarbeit mit einem speziellen Ausbilder.

 

Musik und Rezitationen waren schon immer ein zentrales Merkmal muslimischer Festlichkeiten, insbesondere während des Ramadan. Während die öffentlichen Rezitationen oft koranisch sind, ist das Sufi-Singen eine andere Gesangstradition, die man auch nach dem Iftar hören könnte.

 

Was ist der Hauptzweck dieser meditativen Gesänge, und warum könnten sie im Ramadan besonders wirksam und beliebt sein?

 

Im Islam ist der Sufismus der esoterische Weg, auf dem es darum geht, eine mystische Vereinigung mit Gott zu erreichen und sich selbst zu reinigen. Praktizierende des Sufismus werden Sufis genannt und folgen verschiedenen spirituellen Praktiken, von denen viele von der indischen Tradition des Yoga beeinflusst wurden. Unter den vielen bekannten Meditationstechniken gilt die Sufi-Meditation als eine der spirituellsten.

 

Sufi-Gesang oder Dhikr - die Anrufung Gottes - ist eine Form der spirituellen Reinigung und Nächstenliebe, die Herz und Seele reinigen soll. Sufi-Gesänge wiederholen unablässig Formeln und Worte der Gottesanrufung, um Rhythmen und Klangschwingungen zu erzeugen, die die Seele erheben und heilen können. Während der Gesang eine Konzentration auf den Geist hervorruft, kann die Energie des Schalls wiederum durch den Körper schwingen. Wenn die Geräusch- und Gedankenschwingungen verschmelzen, ist der perfekte Zustand des Friedens und der Einheit erreicht.

 

In den erhebenden Sufi-Gesangsklassen, die Cherie, die Eigentümerin von Mudra Studio, gemeinsam mit dem Musiker Abdeen abhält, geht es darum, den Energiefluss des Körpers durch das Singen einiger der wunderschönen Namen Allahs ins Gleichgewicht zu bringen. "Wir sitzen in einer bestimmten Haltung, atmen und singen und hören Abdeen, manchmal begleitet von Gitarrenmusik", erklärt Cherie.

 

Die Dhikr-Sitzungen ermutigen die Teilnehmer, ihre sogenannten Lataif (Energiepunkte) zu öffnen, um Körper, Geist und Seele aktiv zu heilen. Der Sufi-Gesang soll dabei die Art und Weise, wie wir denken und fühlen, verwandeln.

 

Neben den Sufi-Gesangsstunden stehen zwei weitere Meditationsformen im Ramadan-Stundenplan. Im Mittelpunkt stehen Dankbarkeit und Vergebung - beides Praktiken, die während des religiösen Monats von äusserster Wichtigkeit sind und die anregen, das eigene Verhalten zu hinterfragen und sich des täglichen Kampfs der Benachteiligten bewusst zu werden.

 

Wie buddhistische Mönche jeden Tag mit einem Dankesgesang für die Segnungen ihres Lebens beginnen, ist Dankbarkeit auch im Koran ein vertrautes Thema. Das Gefühl des Verzichts sollte während des Fastenmonats daran erinnern, dankbar zu sein und Besitz nicht als selbstverständlich anzusehen.

 

Eine andere Meditationsübung während des Ramadan hebt die Wichtigkeit der Vergebung hervor. Das Ziel ist, nach außen zu schauen und denjenigen zu vergeben, die uns möglicherweise geschadet haben, aber dabei nicht zu vergessen, dass Selbstvergebung ebenso herausfordernd sein kann.

 

Entscheidend für das psychologische und emotionale Wohlbefinden ist die Fähigkeit zu vergeben. Sie führt uns weg von den unangenehmen und meist unproduktiven Gefühlen der Schuld und des Bedauerns. Stattdessen konzentriert sich der Unterricht im Wesentlichen darauf, negative Emotionen wie Ärger loszulassen und Geisteszustände zu erzeugen, die Stress abbauen und Veränderungen ermöglichen.

 

Bei all diesen Formen der Meditation gilt allein schon die Bereitschaft, auf diese verschiedenen Zustände zu achten, als wichtiger und lohnender Schritt.

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