Mohamed Alis Geheimnisse

 

Es ging wie eine sanfte Brise durch die internationalen Medien: In Ägypten fanden am Freitag, den 20. September in mehreren Städten Demonstrationen statt. Trotz Mobilisierung von Armee- und Polizei-Einheiten, trotz der Überwachung durch modernste deutsche Technologie, trotz Tausenden von politischen Gefangenen wagten sich doch einige Tausend Menschen in Ägypten auf die Strasse. Eine kleine Übersicht und ein Artikel aus Ägypten in deutscher Übersetzung.

 

Die Proteste der vergangenen Tage geben tatsächlich nicht so viel her wie die machvollen Demonstrationen des "Arabischen Frühlings" vom Januar 2011. Nur wenige Hundert Menschen pro Ort, dafür ein Mehrfaches an Sicherheitskräften, zahlreiche Verhaftungen, auch von Journalisten, Blockierung der Website von BBC. Keine Massenproteste, und trotzdem sind die Behörden nervös. Der Rückhalt für Trumps "Favorite Dictator" ist am Schrumpfen, der Unmut ist unter dem Deckel, aber er brodelt.

 

mohamed-aliVirtuelle Grossdemonstration: Mohamed Ali und 1,1 Millionen Abonnenten

 

Auslöser der Proteste war ein regimekritisches Video, dem bald weitere folgten. Ein ägyptischer Bauunternehmer nahm von Spanien aus den Fehdehandschuh auf gegen den ägyptischen Präsidenten und plauderte allerhand Geheimnisse über ihn und die Armee aus. Ausgehend von seiner Facebook-Seite Asrar Mohamed Ali (Die Geheimnisse von Mohamed Ali) gab es in den Social Media bald eine Bewegung mit Hunderten von Videos und Millionen von Betrachtern. Wenn diese Bewegung auf die Strasse überspringen würde, was dann? Sie ist nicht übergesprungen, aber einige Proteste hat es doch gegeben.

 

demoReale Kleindemonstration: Suez

 

Die sozialen Medien spiegeln die Gesellschaft nur sehr ansatzweise. Sie erlauben trotzdem Einblicke. Im folgenden - von mir übersetzten und gekürzten - Artikel von Mada Masr (Englisch oder Arabisch) wird das Ausmass der Frustration spürbar, aber auch die Verworrenheit der Meinungen. Zwei Widersprüche sind besonders deutlich:

  • Der Bauunternehmer und Filmstar Mohamed Ali ist ein "Konvertit": Noch vor wenigen Jahren dick mit Armee im Geschäft, ist er jetzt ein Oppositioneller. Was er ausser der - berechtigten - Kritik am Regime und der Einforderung von ausgebliebenen Zahlungen an Vorstellungen von Demokratie hat, darüber ist noch nicht viel zu erfahren.
  • So erfreulich die riesige Welle von politischen Videobotschaften ist, so dünn und durchsichtig sind teilweise die Hintergründe, und so unmöglich ist es, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Da taucht ein Sinai-Aktivist auf, der Brisantes zum brutalen Vorgehen der Armee im Sinai zu erzählen hat: Wahrheit oder Geltungssucht? Da melden sich - natürlich anonym - ehemalige Armee- und Geheimdienstoffiziere mit der Anklage, Sisi sei kein wirklicher Nationalist. Ein anderer präsentiert eine krude Verschwörung unter den Geheimdiensten, und wieder einer behauptet, Sisis "Verrat" geschehe im Dienste Israels.

Leider steht es mit der Geschlossenheit der Bevölkerung vermutlich nicht besser. Die grösste Einigkeit dürfte darin bestehen, dass das jetzige Regime versagt hat und der Präsident abtreten muss. Dies ist auch fast die einzige Forderung der Demonstrationen. Die Proteste von 2011 waren dagegen berühmt geworden mit der Parole "Brot - Freiheit - Gerechtigkeit". Wie die zukünftige Gesellschaft aussehen könnte, dazu gibt es derzeit wenig Konsens.

anfuehrungszeichen

 

Filmen, posten, teilen ... Der Social-Media-Sturm gegen Sisi und das Militär, der zu den Freitagsprotesten führte

 

Omar Said und Rana Mamdouh, 21.September 2019

 

In den Hallen der Macht geschieht etwas Grosses, das wir noch nicht vollständig verstehen. Vielleicht wissen wir etwas davon und werden es mit der Zeit mehr besser begreifen. Vielleicht auch werden wir in naher Zukunft nichts weiteres dazu erfahren. Sicher ist, dass die Proteste vom Freitag nach dem Video eines im Ausland lebenden Ägypters begannen, der sich mit einem Handy in einem Zimmer mit Meerblick filmte und die Herrschenden der Korruption und der Verschwendung von Milliardenbeträgen für masslose Prestigebauten bezichtigte. Er heißt Mohamed Ali.

 

Das erste Video von Ali, einem ehemaligen Bauunternehmer, der auch eine kurze Zeit als Schauspieler tätig war, brachte den Stein ins Rollen. Andere User folgten dem Beispiel und posteten ähnliche Videos, in denen sie den derzeitigen Behörden Korruption und politisches Missmanagement vorwarfen. Im Vergleich zu den eindringlichen und authentischen Videobotschaften fiel die Antwort der Behörden farb- und inhaltsarm aus. Letzte Woche hielt Präsident Abdel Fattah al-Sisi an einer hastig organisierten Jugendkonferenz eine Ansprache, auf der er die Anschuldigungen als "Lüge" abtat - die einzige offizielle Antwort auf Alis Behauptungen auf hoher Ebene. Diese Reaktion provozierte jedoch nur noch mehr Videos mit mehr Usern, mit Anschuldigungen gegen noch mehr Menschen an der Macht, die an der Korruption beteiligt sind.

 

Das erste der viralen Videos von Ali liegt zwei Wochen zurück. Es enthält eine Reihe von Anklagen, in denen die Vorfälle und die involvierten, öffentlich bekannten Personen konkret benannt sind. Angesichts der Kontroverse, die durch die Videos ausgelöst wurde, hielten es die Behörden für besser, keine Antworten zu geben und auf eine Medienkampagne zu setzen, die das Image des Bauunternehmers Ali trüben sollte, ohne auf die konkreten Anschuldigungen einzugehen.

 

Die erste Anklage wurde erhoben gegen Generalmajor Kamal al-Wazir, den derzeitigen Verkehrsminister und ehemaligen Leiter der Baubehörde der Streitkräfte, die eine Reihe wichtiger nationaler Projekte überwacht, ferner gegen Generalmajor Essam al-Kholy, den Leiter der Abteilung Grossprojekte der Baubehörde. Das Debakel umfasste ein Luxushotel für militärische Geheimdienste in der Gegend von Choueifat in Neu-Kairo, dessen Errichtung angeblich von krassen Regelverstössen begleitet war. Ali war der Auftragnehmer für das Projekt, von dem er behauptet, dass es mehr als 2 Milliarden ägyptische Pfund (100 Millionen Euro) gekostet hat.

 

Ali erklärte auch, dass Militärführer ihn beauftragt hätten, eine Präsidentenvilla in Alexandria für Sisi und seine Familie zu bauen, um ihren Opferfest-Urlaub zu verbringen, Kostenpunkt 250 Millionen EGP (12 Millionen Euro).

 

Der ehemalige Bauunternehmer betont auch, dass die Militärführer beschlossen hätten, eine Reihe von Villen im Militärgebiet Heikstep neben einem grossen Palast zu errichten, der als Präsidentenresidenz gedacht war. Und weiter, dass dieses Projekt durch ein anderes mit dem Namen "al-Kayan" ersetzt wurde, das alle militärischen Führer auf einem Areal versammeln sollte. Er behauptet, dass alle wirtschaftlichen Projekte, die die Streitkräfte in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft in Angriff genommen hätten, direkt vergeben würden, unter Umgehung des ordentlichen Ausschreibungsverfahrens, bei dem Projekte an den Meistbietenden vergeben würden.

 

Am Ende der ersten Woche der Videos schien Alis Brunnen versiegt zu sein - vielleicht wollte er, dass er so aussah. Anschliessend ging er von spezifischen Anschuldigungen wegen Korruption und Verschwendung über zu einem umfassenderen politischen Angriff auf Sisi und die ihn umgebenden Männer. Dies brachte Amr Adib, einen regimefreundlichen Fernsehmoderator, dazu, Alis Videos als "langweilig" zu bezeichnen. 

 

Langeweile hätte tatsächlich eintreten können, hätte Sisi nicht am nächsten Tag an einer schnell organisierten Wiederholung der "Nationalen Jugendkonferenz" gesprochen. Er nutzte seinen Auftritt, um sich zur Kampagne in den sozialen Medien zu äussern. Während der Konferenz entschied der Präsident, dass eine offene Konfrontation der beste Weg sei, um den Anschuldigungen entgegenzutreten. Er nahm den ehemaligen Bauunternehmer trotz der Warnungen einer Geheimdienste direkt aufs Korn.

 

Er rief: „Hast du keine Angst um deine Armee? Hast du keine Angst für die jungen Offiziere, die hören müssen, dass ihre Vorgesetzten schlechte Menschen seien? Kennst du die Armee nicht? Die Armee ist eine geschlossene Institution (Beifall), nein, die Armee ist eine geschlossene Institution, die sehr, sehr, sehr empfindlich auf unangemessenes Verhalten reagiert. Besonders wenn gesagt wird, dass die Führer in dieses unangemessene Verhalten verwickelt sind.“

 

Er fügte hinzu: „Alle Geheimdienste haben mir gesagt, bitte sprechen Sie nicht darüber. Alle Agenturen ... Weisst du, ich sage dir etwas, sie küssten meine Hand und sagten, bitte tu das nicht. Ich sagte ihnen, was zwischen mir und den Menschen ist, ist Vertrauen. Die Leute glauben mir. Wenn jemand versucht, das zu brechen und ihnen sagt, dass diese Person, der sie vertrauen, keine gute Person ist: Das ist die gefährlichste Sache der Welt. Das ist die gefährlichste Sache der Welt! “

 

Doch Sisis Mixtur aus liebenswürdigem und bedrohlichem Diskurs könnte seinen Gegnern Auftrieb gegeben haben. Nur wenige Stunden nach Abschluss der Konferenz veröffentlichte Ali neue Clips von insgesamt zwei Stunden, die die offene politische Konfrontation suchten. Die Videos beginnen mit Geschichten über den Sohn des Präsidenten, Mahmoud, und die Aufstandsbekämpfung des Staates im Nord-Sinai. Alis Videos wandelten sich von den Botschaften eines ehemaligen Bauunternehmers, der mit der Regierung zusammengearbeitet hatte, zu jenen eines Oppositionellen, der zu seinem Publikum spricht. In diesem Moment erschien Mosaad Abu Fagr, ein langjähriger Sinai-Aktivist, der jetzt im Ausland lebt, mit einer noch drastischeren Liste von Anschuldigungen.

 

Abu Fagr griff die lange Reihe der Anschuldigungen auf und ergänzte sie sogar. Er schien über die Themen Bescheid zu wissen, die er besprach, und gab an, an Treffen mit dem Geheimdienst dabeigewesen zu sein. Er tauchte in Themen ein, die allgemein als tabu gelten, und ebnete den Weg für noch mehr Videos, in denen er sich mit politischem Missmanagement, finanzieller Korruption und der Ein-Mann-Herrschaft befasste.

 

Er veröffentlichte zwei Videos im Abstand von ein paar Tagen. Im ersten Video gibt er an, der Staat habe ein Angebot der Stammesführer des Nord-Sinai abgelehnt, den Sinai innerhalb weniger Wochen von Terrorzellen zu befreien. Abu Fagr sagte, dass er von denselben Stammesführern gebeten wurde, diese Informationen zu veröffentlichen. Abu Fagr behauptet auch, der Präsident habe Hilfe von Drogenschmugglern und Händlern mit Strafregistern gesucht, anstatt mit den Stämmen zusammenzuarbeiten. Er sagt auch, der Präsident und sein Sohn Mahmoud hätten einen wirtschaftlichen Vorteil davon gehabt, Waren vom Sinai in den Gazastreifen zu schmuggeln.

 

In dem anderen Video spricht Abu Fagr über das Auslöschen ganzer Dörfer entlang der Grenze zwischen Ägypten und Gaza durch die Streitkräfte, was er als "direkte Konfrontation mit der Bevölkerung des Sinai" bezeichnet, um dem sogenannten "Jahrhundert-Deal" (ein Projekt der Trump-Administration zur Entwicklung der Region Sinai-Gaza) zu dienen."

 

Es folgten mehr und mehr Videos in den sozialen Medien. Ein beliebtes Video von Ahmed Sarhan, einem ehemaligen Armeeoffizier und Anwalt, wurde über eine halbe Million Mal angesehen. Sarhans Video wurde einige Tage nach der Verbreitung von Alis Anschuldigungen veröffentlicht. Es war eine Reaktion auf die Nachricht von der Verhaftung des Anwalts Mohamed Hamdy Younes, der erklärt hatte, er werde den Generalstaatsanwalt offiziell auffordern, Alis Forderungen zu untersuchen. Deshalb wurde er verhaftet und von der Staatsanwaltschaft der Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation beschuldigt. In dem Video stützt Sarhan die meisten Behauptungen von Ali und bittet um die Freilassung von Younes, bevor er weitere Anschuldigungen gegen den inneren Kreis des Präsidenten erhebt, insbesondere gegen Wazir.

 

Und dann kamen Videos von Personen heraus, die behaupteten, ehemalige Armee- und Geheimdienstoffiziere zu sein. In einem Video gibt ein Maskierter das Datum einer Videoaufzeichnung bekannt, bevor er Alis Behauptungen untermauert und behauptet, er besitze vertrauliche Informationen, die ihn in die Lage versetzten, Sisi zum Rücktritt aufzufordern. Er erklärt, dass Alis Bericht mit den "Informationen über die Korruption in den oberen Rängen der Streitkräfte" sowie die Sympathie der Menschen gegenüber Ali dazu geführt hätten, dass einige staatliche Stellen sich an letzteren gewandt hätten. Er behauptet, dass die Ereignisse tatsächlich eine „Vergeltungsmassnahme“ des Allgemeinen Nachrichtendienstes gegen den militärischen Nachrichtendienst seien, unter anderem wegen des erzwungenen Ausscheidens von 95 Beamten aus dem Allgemeinen Nachrichtendienst. Die beiden Sicherheitsbehörden sind mit der Nationalen Sicherheitsbehörde die drei wichtigsten Geheimdienststellen in Ägypten. Sisi stammt aus dem militärischen Nachrichtendienst, den er leitete, bis er 2012 zum Verteidigungsminister und Befehlshaber der Streitkräfte ernannt wurde.

 

(…)

 

Der Aktivist Wael Ghoneim, der eng mit den Protesten von 2011 verbunden ist, hat auch Videos aus den USA geteilt, wo er lebt. Einige Tage später gab seine Familie in Kairo auf Facebook bekannt, dass ihr Haus durchsucht und Ghoneims Bruder Hazem festgenommen wurde. Ghoneims Videos hatten eine ähnliche Aussage wie die anderen, insbesondere in Bezug auf die Rolle von Sisis Sohn bei der Führung der täglichen Staatsgeschäfte. Er sagte, dass dieser ihn persönlich kontaktiert habe, um die öffentliche Meinung über die Nutzung von Social-Media-Konten zu beeinflussen.

 

Und so sprach Ali, antwortete Sisi, dann sprachen andere. Jetzt folgen noch mehr Leute, die nicht unbedingt Neues zu sagen haben.

 

(…)

 

Das Regime versuchte, die Flut von Videos einzudämmen mit regelmäßigen Medienangriffen von Prominenten wie Ahmed Moussa und Nashaat al-Dihy gegen die Videomacher. Zudem werden Gegenvideos von berühmten Schauspielern und Sängern wie Hamo Bika, Shaaban Abdel Reheem und Mohamed Lotfy verbreitet, die dem Präsidenten ihre Unterstützung anbieten.

 

Nicht zuletzt veröffentlichte der Abgeordnete Mahmoud Badr, der einst der Opposition nahe stand und die Tamarrud-Kampagne von 2013 zur Absetzung des ehemaligen Präsidenten Mohamed Morsi anführte, ein Video auf Twitter. Er beginnt damit, seine Geschichte als Oppositionsmitglied während vor dem Juni 2013 zu erzählen. Mehr als die Hälfte von Badrs Video zeigt ihn, wie er Dinge sagt wie "Ich werde nicht über Verrat sprechen" und "Ich werde nicht darüber sprechen". Die andere Hälfte warnt vor den Gefahren eines Krieges gegen den Staat und "Aufrufen zur Zerstörung der ägyptischen Armee".

 

Aber nichts hat bisher die Flut von Videos eingedämmt.

anfuehrungszeichen2

308 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden